Kinoplakat: Der Marsianer – Rettet Mark Watney
Ein Film feiert Bildung
und Pioniergeist
Titel Der Marsianer - Rettet Mark Watney
(The Martian)
Drehbuch Drew Goddard
nach einem Buch von Andy Weir
Regie Ridley Scott, USA, UK 2015
Darsteller
Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wiig, Jeff Daniels, Michael Peña, Sean Bean, Kate Mara, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Chiwetel Ejiofor, Benedict Wong, Mackenzie Davis, Donald Glover, Nick Mohammed, Shu Chen u.a.
Genre Abenteuer, Drama
Filmlänge 144 Minuten
Deutschlandstart
8. Oktober 2015
Website the-martian.de
Inhalt

Die NASA treibt mit der „Ares 3“-Mission die Erforschung des Mars voran. Die Astronauten Mark Watney, Commander Lewis, Rick Martinez, Chris Beck, Alex Vogel und Beth Johanssen sind auf dem roten Planeten gelandet, inklusive eines Fahrzeugs und eines Habitats, in dem die Forscher leben und Nahrung herstellen können. Doch ein Sandsturm droht die mitgebrachte Technik samt ihrer Einwohner hinwegzufegen, so dass Commander Lewis den Befehl zum sofortigen Aufbruch gibt.

Weil ihn seine Crew für tot hält, bleibt der Botaniker Mark Watney auf dem unwirtlichen fremden Planeten zurück. Vorerst ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung versucht er, die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mittel so einfallsreich wie möglich zu nutzen. Und tatsächlich gelingt es Watney, der Erde zu signalisieren, dass er noch lebt.

Die NASA unter Direktor Sanders beginnt, die Rettung des „Marsianers“ zu planen. Parallel dazu startet Watneys Crew eine eigene, riskante Mission, ihn heimzuholen …

Was zu sagen wäre

Das ist schön: In einer Zeit, in der durch das Internet zunehmend der Eindruck entsteht, die Weltbevölkerung bestehe in ihrer Mehrzahl aus ungebildeten Halbaffen, die sich in Sozialen Medien unter souveräner Ignoranz der Ortografie gegenseitig ankoten, kommt dieser Film ins Kino, der den menschlichen Pioniergeist feiert von Menschen, die noch richtig was gelernt haben; zum Beispiel, wie man seine eigenen Kot dazu verwendet, Kartoffeln auf dem Mars anzupflanzen.

Damon als MacGyver im Weltraum

Matt Damon ist als universelle Version eines MacGyver die perfekte Besetzung. Damon ist ohnehin kein Mann der großen, theatralischen Auftritte (Interstellar – 2014; Monuments Men – 2014; „The Zero Theorem“ – 2013; Elysium – 2013; Liberace - Zuviel des Guten ist wundervoll – 2013; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Contagion – 2011; Der Plan – 2011). Hier nimmt er sich noch mehr zurück; und wirkt umso größer. Nach seiner Verletzung erwacht er aus der Ohnmacht, erkennt seine Lage – und gerät nicht in Panik, sondern tut, was getan werden muss: Verletzung behandeln, Vorräte sichten, Lage analysieren. All das kommentiert er in einem Video-Logbuch, dass es dem Zuschauer ermöglicht, halbwegs zu verstehen, warum der Mann überhaupt noch lebt und was er da dauernd macht.

Es gibt jede Menge Tech-Sprech, die der der Astrophysik nicht so mächtige Zuschauer an sich vorbeiziehen lässt. Die ersten Versuche der Kommunikation mit der NASA auf der Erde zum Beispiel baut Watney über Tafeln mit den Zeichen des Hexadezimalsystems, die er dann in ASCII-Zeichen übersetzt. Schwer zu verstehen, aber in verständliche Bilder übersetzt. Ridley Scott, der sich mittlerweile zu einem der fleißigsten Regisseure seiner Zeit entwickelt (Exodus: Götter und Könige – 2014; The Counselor – 2013; Prometheus - Dunkle Zeichen – 2012; Robin Hood – 2010; „Der Mann, der niemals lebte“ – 2008; „American Gangster“ – 2007; Ein gutes Jahr – 2006; Der Blade Runner – 1982), erzählt bündig, sein Film kommt zügig zur Sache; nicht mal zehn Minuten braucht er, um seinen Astronauten verwaist auf dem Mars zurückzulassen.

Eine Welt uneitler Profis

Es ist eine Geschichte aus der Welt unaufgeregter, uneitler Profis, die darauf getrimmt sind, Lösungen für Probleme zu finden, die noch niemand hatte. Da ist auch niemand ernsthaft verblüfft, als sich auf Satellitenbildern die Ares-Station auf dem Mars verändert, was darauf schließen lässt, dass der tot geglaubte Astronaut Watney wohl doch noch lebt. Statt dessen setzen sich die Profis gleich an ihre Schreibtische und Rechne und in ihre Labore, um die Rettung zu starten.

Kinoplakat: Der Marsianer – Rettet Mark WatneyDie Satellitenbilder wertet Mindy Park aus, eine junge Satellitenspezialistin bei der NASA. Sie entdeckt die Veränderungen auf der Marsoberfläche, das ist ihre qwichtigste Funktion im Film. Dennoch taucht sie immer wieder in kurzen Szenen auf, ist unter alle den Profis jung genug, um ähnlich erstaunt zu reagieren, wie die Zuschauer; über sie nimmt uns Ridley Scott an die Hand und durch das Abenteuer. Die 28-jährige Kanadierin Mackenzie Davis („A Country Called Home“ – 2015; „Für immer Single?“ – 2014) gibt dieser Mindy Park in den wenigen Szenen große Tiefe.

Keine langen Vorreden, wunderbare Dialoge

Scott stützt sich bei seiner bildstarken Inszenierung auf das sauber recherchierte, klar strukturierte Drehbuch von Drew Goddard (World War Z – 2013; „The Cabin in the Woods“ – 2012; „Cloverfield“ – 2008), der wunderbare Dialoge geschrieben hat („Das ist das Weltall. Es kooperiert nicht!“) und die Aufmerksamkeit des Zuschauers voraussetzt – zwischendrin Popcorn holen geht nicht. Goddard hat seine Erfahrungen als Produzent und Autor der TV-Serien von J.J. Abrams, „Alias – Die Agentin“ und „Lost“ sowie die Marvel-Netflix-Serie „Daredevil“ produziert.

Scott ist sich nicht zu schade, bei sich selbst zu klauen, um seinen Abenteuerfilm zu inszenieren. Schon der Titelvorspann ist nahe an seinem Klassiker Alien von 1979. Lange Vorreden erspart er sich und uns, stellt die unterschiedlichen Typen an Bord der Ares III, die man zu Beginn nur anonymisiert unter Helmen sieht, gar nicht erst vor, lässt nur oberflächlich Beziehungen unter ihnen aufblitzen. Scott weiß, dass erst einmal nur Watney für die Zuschauer von Interesse ist und diese Zuschauer hinreichend Weltraumfilme gesehen haben – ausführliche Einlassungen zu Weltraum, Vakuum sind also überflüssig und die übrigen Personen bekommen sukzessive ihre Macken und Kanten.
Eine schöne Rolle spielt

Ein bemerkenswerter Cast – und Matt Damon

Matt Damon trüge den Film zur Not auch alleine, seine Performance ist bemerkenswert. Er ist aber nicht alleine, Ridley Scott hat um Damon herum einen interessanten Cast versammelt, aus dem Jessica Chastain und Jeff Daniels („Steve Jobs“ – 2015; Looper – 2011; State of Play - Stand der Dinge – 2009; „Good Night, and Good Luck.“ – 2005; Pleasantville – 1998; 101 Dalmatiner – 1996; 2 Tage in L.A. – 1996) herausstechen. Daniels hat als Schauspieler das für ihn in seinem Beruf perfekte Alter erreicht. Er ist großartig in Rollen wie der hier: er gibt NASA-Direktor Teddy Sanders als illusionslosen, politisch handelnden Mann, der weiß, dass er nichts tun kann und ganz auf seine Mitarbeiter und anonyme Techniker angewiesen ist. Es gibt eine Szene, die das schön illustriert: Der junge Astrodynamiker Rich Purnell hat die Lösung gefunden, wie man Watney rechtzeitig und lebend vom Mars holen könnte, bittet den NASA-Direktor und dessen Kommunikationschefin in die Mitte des Büros, um seine Idee anschaulich (auch hier für den Zuschauer) zu illusrtrieren, blickt auf Sanders und sagt „und Sie sind …“. Daniels verändert nur minimal seine Mimik und fügt sich in sein Schicksal: „Teddy Sanders, ich bin Direktor der NASA“.

Jessica Chastain („A Most Violent Year“ – 2014; Interstellar – 2014; The Help – 2011) als Ares-Commander Melissa Lewis beherrscht die wenigen Szenen, die sie hat. Ähnlich wie in ihrem Erfolgsfilm Zero Dark Thirty spielt sie zurückgenommen die entschiedene Kommandeurin, verletzlich, ohne sich das Heft des Handelns aus der Hand nehmen zu lassen; um Watney zu retten entscheidet sich kühl abgewogen für die Meuterei gegen die NASA.

Die Studios, die Controller und der Feldherr

Es ist eine schöne Erkenntnis, dass in Hollywood bisweilen noch Filme produziert werden, die dem gängigen Superhelden-Fortsetzungs-Muster zuwiderlaufen. Dieses – nahezu – Ein-Personen-Stück auf einem fremden Planeten mit vielen technischen Fachbegriffen ohne Action und ohne Romanze und mit vielen Menschen in unvorteilhaften Klamotten ist für die Controller in den Filmstudios starker Tobak.
Es braucht einen Künstler und Feldherrn wie Ridley Scott, um die Controller zu beruhigen. Es gibt nicht mehr viele von ihnen.

Wertung: 8 von 8 €uro