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Kinoplakat: Der Marathon-Mann
Kühl inszeniert,
groß gespielt
Titel Der Marathon-Mann
(Marathon Mann)
Drehbuch William Goldman
nach seinem gleichnamigen Roman
Regie John Schlesinger, USA 1976
Darsteller Dustin Hoffman, Laurence Olivier, Roy Scheider, William Devane, Marthe Keller, Fritz Weaver, Richard Bright, Marc Lawrence, Allen Joseph, Tito Goya, Ben Dova, Lou Gilbert, Jacques Marin, James Wing Woo, Nicole Deslauriers u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
31. März 1977
Inhalt

Babe Levy, ein New Yorker Geschichtsstudent, bereitet sich auf seine Doktorarbeit vor. Darin will er sich unter anderem mit der McCarthy-Ära auseinandersetzen, in der sein Vater Selbstmord begangen hat; er hatte die Verfolgungen durch das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ nicht mehr ertragen können. Nebenbei trainiert Babe für einen Marathon-Lauf, sein Vorbild ist der äthiopische Olympiasieger Abebe Bikila.

Ein paar Kilometer weiter, in Manhattan, setzt eine harmlose Fahrzeugpanne eine Kette von Ereignissen in Gang. Als der Wagen eines Rentners in einer engen Straße stehen bleibt, beginnt ein ungeduldiger anderer Rentner hinter ihm zu hupen. Als Ersterer um Geduld bittet, erkennt der andere einen Deutschen und beschimpft ihn auf Jiddisch – was der Deutsche wiederum mit einem zornigen „Jude!“ beantwortet. Es entbrennt ein Streit, den beide mit ihren Fahrzeugen in einer Verfolgungsjagd austragen und der für beide tödlich endet, als sie in einen Tanklastzug rasen.

Der tote Deutsche ist der Bruder eines berüchtigten KZ-Arztes. Christian Szell, gelernter Zahnarzt, trug unter den KZ-Häftlingen den Spitznamen „Der weiße Engel“. Er folterte jüdische Gefangene und presste ihnen ihre mühsam geretteten Diamanten ab. Nach seiner Flucht nach Uruguay lagert seine Beute in einem New Yorker Schließfach, aus dem ihn sein Bruder mittels Kurieren regelmäßig nach Bedarf versorgt hat. Dessen Tod hat die Versorgungskette unterbrochen, Szell muss reagieren. Er beschließt, die Diamanten selbst abzuholen. Die Kuriere sind für ihn zum Sicherheitsrisiko geworden.

Einer dieser Kuriere war Doc, Babes Bruder. Den kontaktiert Babe, nachdem er im Central Park von zwei Männern im Anzug überfallen worden ist. Die Männer, Karl und Erhard, sind Helfer von Szell. Doc stellt Szell daraufhin zur Rede. Es kommt zum Streit, Szell verletzt Doc mit einem Springmesser und flieht. Doc kann sich noch in die Wohnung seines Bruders retten, stirbt dort aber, ohne noch etwas sagen zu können.

Wenig später wird Babe entführt und auf einem Zahnarztstuhl festgeschnallt, vor ihm liegen ausgebreitet die Zahnarztinstrumente. Ohne weitere Erklärungen fragt Szell immer wieder stereotyp „Is it safe?“ („Sind sie außer Gefahr?“). Da Babe darauf keine vernünftige Antwort weiß, nimmt Szell schließlich seine Zahnarztinstrumente zur Hand …

Was zu sagen wäre

Dieser „Marathon-Mann“ ist mehr als eine Begründung dafür, dass Babe es auf dem Höhepunkt des Films schafft, seinen blutgierigen Häschern davonzulaufen. Dieser Babe, den Dustin Hoffman im Graubereich zwischen politisch eiferndem Geschichts-Studenten und teilnahmslosem Bürger anlegt, läuft, wenn der Film beginnt – vor allem vor allem weg. Am Ende des Films steckt er in allem mittendrin.

Es ist eine gruselige Geschichte, die William Goldman und John Schlesinger („Der Tag der Heuschrecke“ – 1975; „Sunday Bloody Sunday“ – 1971; „Asphalt-Cowboy“ – 1969) uns da erzählen. Gruselig nicht, weil sie so absurd, so überspannt wirkt. Gruselig, weil es so alltäglich wirkt, was da geschildert wird. Der Schurke ein Mann, der, weil er seinen illegalen Altersruhesitz finanziell absichern will, für mehrere Tote in der Welthauptstadt Manhattan sorgt. Diesen Schurken spielt Laurence Olivier – der Großschauspieler, Star der britischen Shakespeare-Bühne, Brite – der sich gleich zu Beginn eine standesgemäße (deutsche) Glatze rasiert. Wie dieser Brite den deutschen KZ-Arzt spielt, ist beklemmend. Wenn er mit Zahnbohrer auf den am Stuhl gefesselten Babe zutritt, ohne weitere Erläuterung „Is it safe?“ fragt, den Bohrer kurz aufsirren lässt, während Kameramann Conrad L. Hall Oliviers kalte Augen in Großaufnahme zeigt, kommen andere, gewollte KZ-Assoziationen ganz von alleine. Dustin Hoffman steht gegen diesen zur Ikone der Schauspielkunst erhobenen Kollegen seinen Mann (Die Unbestechlichen – 1976; „Lenny“ – 1974; „Papillon“ – 1973; Wer Gewalt sät – 1971; Little Big Man – 1970; Die Reifeprüfung – 1967); und seinem Ruf als Diva der Branche wird er auch gerecht.

In seinem Sachbuch Das Hollywood Geschäft beschreibt Drehbuchautor William Goldman, wie zeitraubend Dustin Hoffman sich gegen die Drehbuchidee wehrte, dass seine Filmfigur Babe in der Schublade seines Nachttisches eine Taschenlampe hat; Hoffman vertrat die Auffassung, ein Student der Geschichte, der sich politisch an dem Kommunisten fressenden Senator McCarthy abarbeitet, würde niemals eine Taschenlampe im Nachttisch haben. Solche lustigen Geschichten überlagern ein bisschen, dass Hoffman neben solchen Allüren seine Arbeit gut macht. Dieser Babe ist ein Typ, um den ich fiebere. Es mag am Set lästig sein, wenn der Schauspieler sich derart mit seiner Figur identifiziert, dass er sich in Fragen des Setdesign verzettelt. Sicher nicht schlecht ist aber für den Film, wenn der Schauspieler sich so weit mit seiner Figur identifiziert, dass er sie sicher durch den rasch wechselnden Szenenwald spielt. Dustin Hoffman tut das gewohnt feingliedrig. 

Dem Thrill zusätzlich auf die Beine hilft Michael Small, der Komponist des Filmsoundtracks. Seine Tonfolgen sind fein dosiert eingesetzt, häufig bleibt die Tonspur, auf der die Musik angelegt ist, leer; um so stärker entfaltet sie Wirkung, wenn sie erklingt. Den Thrill erzeugen tut in der Tat schon Goldmans fein gesponnenes Script. Aufregend, wie er Handlungsstränge verkürzt, dadurch das Verständnis nicht einzuschränken, die spannung aber zu erhöhen. Im letzten Drittel muss sich der sadistische Zahnarzt aus dem früheren KZ auf die offene Straße begeben, ausgerechnet in Manhattans jüdischem Viertel. Natürlich wird dieser Mann, der vor 35 Jahren so vielen Menschen so brutal Schmerz angetan hat, erkannt. Wie Goldman diese Situation schreibt und Schlesinger sie inszeniert, ist großes Kino – Bilder und Töne, ganz auf diesen Eindruck konzentriert, alles andere (auch den Soundtrack) ausblendend.

Wertung: 9 von 9 D-Mark
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