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Kinoplakat: Der große Trip – Wild
Ein etwas zähes Roadmovie, souverän
getragen von Reese Witherspoon
Titel Der große Trip – Wild
(Wild)
Drehbuch Nick Hornby
nach der biographischen Erzählung von Cheryl Strayed
Regie Jean-Marc Vallée, USA 2014
Darsteller

Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski, Keene McRae, Michiel Huisman, W. Earl Brown, Gaby Hoffmann, Kevin Rankin, Brian Van Holt, Cliff De Young, Mo McRae, Will Cuddy, Leigh Parker, Nick Eversman, Ray Buckley u.a.

Genre Biografie, Drama
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
15. Januar 2015
Website howwilditwas.com
Inhalt

Cheryl Strayed musste viele Schicksalsschläge erleiden. Der Verlust ihrer geliebten Mutter Bobbi und das Ende ihrer Ehe, die an Cheryls Heroinsucht zerbrach, haben sie in ein tiefes Loch fallen lassen. Frustriert, aber auch entschlossen kehrt sie ihrem alten Leben den Rücken zu und begibt sich – ohne geringste Vorkenntnisse und mit viel zu schwerem Rucksack – auf eine 2.000-Kilometer-Wanderung entlang des Pacific Crest Trails an der Westküste der USA, einem durch die Wildnis Kaliforniens, Oregons und Washingtons führenden Wanderweg.

Auf dieser rund 1.600 Kilometer langen Wanderung begegnet sie verschiedenen Personen, muss den Naturgewalten trotzen und mit den Strapazen der Wanderung fertigwerden. Vor allem muss sie in der Auseinandersetzung mit sich selbst ihr bisheriges Leben ordnen und eine positive Struktur finden …

Was zu sagen wäre

Eine bemerkenswerte Geschichte. Ein erstaunlicher Film. Ein Road Movie in den Bergen. Road Movies haben das Ziel, aus ihren Protagonisten bessere Menschen zu machen, wenigstens besser im Leben stehende Menschen. Aus dem Off erfahren wir, ob Cheryl das gelingt.

Darauf aber reduziert wäre der Film zu plump – interessant montiert, sophisticated geschnitten … aber da dann doch vorhersehbar; die einzige Frage bliebe, ob die schöne Reese Witherspoon es schaffen wird, unvergewaltigt durch die Wildnis zu gelangen, denn böse Wannabees oder Mightbees laufen ihr genug über den Weg und die Regie nutzt sie weidlich für entsprechende Moments. Aber das ist nicht der Punkt.

Ein Mensch bricht alle Brücken ab und begibt sich auf eine Suche – nach irgendwas. „In meinem alten Leben war ich einsamer als hier draußen“, sagt Cheryl nach etwa 300 Meilen und 45 Tagen da draußen. Jean-Marc Vallées Film begleitet sie, scheinbar ohne groß einzugreifen; er verlässt sich auf seine Hauptdarstellerin Reese Witherspoon (Das gibt Ärger – 2012; Woher weißt Du, dass es Liebe ist– 2010; „Solange Du da bist“ – 2005; „Walk the Line“ – 2005; „Sweet Home Alabama“ – 2002; Natürlich blond! – 2001; Little Nicky – 2000; American Psycho – 2000; Election – 1999; Eiskalte Engel – 1999), die hier in erstaunlicher Rolle auftaucht. Hollywoods All-American-Darling als Heroin-Schlampe, die sich zwischen Mülltonnen im Hinterhof vögeln lässt. Witherspoon war es sehr ernst mit dieser Rolle, das merkt man ihr an und das führt auf der Meta-Ebene beim Kinobesuch zu Irritationen: Der Film verliert mehrlams die Kontrole über seine Geschichte und zeigt eine Schauspielerin, die an ihrem Imagewandel arbeitet. Witherspoon hat die Rechte am Buch gekauft, sie hat produziert, sie wollte diese Rolle, sie wollte aus ihrem Klischee ausbrechen. Nun … zumindest als Disney-Prinzessin wäre sie wohl nicht mehr erste Wahl (für alles andere hingegen durchaus).

Ich brauche Zeit, um in die Geschichte reinzufinden. Anfangs wirkt die Montage beliebig. Regisseur Vallée braucht Zeit, um seinen Rythmus zu finden, aber als er ihn hat, wird der Film von Minute zu Minute besser, griffiger, spannender, ergreifender – voll kleiner Erfolgserlebnisse, wie sie das alltägliche Leben hierzulande kaum noch bietet. Plötzlich verfolge ich einen Menschen, der ich sein könnte, auf der Suche nach dem Sinn im Leben; eine suche, die wir im alltag gerne versemmeln, weil wir so viel anderes mit diesem Alltag zu schaffen haben. Witherspoons Cheryl bekommt die Gelegenheit, zu gucken, warum verdammt nochmal sie in dieser Welt herumläuft und dem folgen wir gebannt, auch weil die kleinen Rückschläge verkraftbar scheinen und die Landschaft dafür einfach grandios – wenn Aussteigen doch so schön und einfach wäre, wie im Kinosessel. Denn auch, wenn der Film gleich zu Beginn sehr schmerzhaft ist, bleibt die weitere Wildnis-Erfahrung überschaubar – Cheryl kann jederzeit telefonieren, an Poststationen warten Päckchen auf sie; die wilde Welt ist erfasst.

„Wild“ ist ein Plädoyer für den Ausstieg, das Innehalten. In vielerlei Hinsicht ist er die Schwester des anderen biografischen Aussteigerfilms Into the Wild (2007). Sehenswert.

Wertung: 7 von 8 €uro
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