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Kinoplakat: Der Gott des Gemetzels
Polanskis Hochamt für vier
First-Class-Schauspieler
Titel Der Gott des Gemetzels
(Carnage)
Drehbuch Yasmina Reza + Roman Polanski
nach dem Theaterstück von Yasmina Reza
Regie Roman Polanski, Frankreich, Deutschland, Polen, Spanien 2011
Darsteller

Jodie Foster, Kate Winslett, Christoph Waltz, John C. Reilly, Elvis Polanski, Eliot Berger
sowie den Stimmen von Joseph Rezwin, Nathan Rippy, Tanya Lopert, Julie Adams u.a.

Genre Drama, Komödie
Filmlänge 80 Minuten
Deutschlandstart
24. November 2011
Inhalt

Ein Junge haut einem anderen Jungen einen Stock ins Gesicht. Man weiß nicht genau, warum, man sieht nur, dass der Junge mit dem Stock allein gegen eine Gruppe steht, in der der Geschlagende wortführendes Mitglied ist.

Schnitt

Penelope Longstreet, Buchhändlerin und Mutter des Opfers hält den Vorfall schriftlich fest. Auch Michael Longstreet, Haushaltswarenhändler und der Vater und das gegnerische Elternpaar Nancy und Alan Cowan – Investmentbankerin sie, Anwalt er – stehen bei der schreibenden Mutter, schauen ihr über die Schulter und korrigieren den Text, bzw. einzelne Ausdrücke. Man hat sich getroffen, um die Angelegenheit gütlich zu bereinigen, möchte sich entschuldigen. Aber irgendwie mag das nicht gelingen.

Zweimal schon stehen die Cowans am Fahrstuhl, da kommen sie wieder zurück in die Longstreetsche Wohnung – „Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?” Es beginnt ein Streit ums korrekte Wort. Zunächst. War der Junge mit dem „Ast bewaffnet” oder doch nur mit dem „Ast ausgestattet”. Die vier schaukeln sich hoch. Es brechen Paarkonflikte auf, Anschuldigungen werden erhoben und Beleidigungen ausgeteilt. Es entstehen wechselnde Allianzen zwischen den beiden Paaren, die beiden Männer verstehen einander gut, als sie entdecken, dass sie sich beide als Jungen ebenfalls prügelten und Ivanhoe mochten. Immer wieder wird allerdings das versöhnende Gespräch durch Telefonate unterbrochen, die Alan Cowan von seinem Smartphone führt.

Penelope ist der Gutmensch, der selbst nach höchsten Moralvorstellungen lebt und dies ebenso von seinen Mitmenschen verlangt. Ihr Mann Michael scheint zunächst ein netter Mann zu sein, der zu vermitteln versucht, entpuppt sich aber als widerwärtiges Ekel, der den Hamster seiner Tochter aussetzt und dem alles in seinem Leben egal ist. Nancy ist eine Geschäftsfrau, die – anscheinend vom stets geschäftig telefonierenden Alan alleine gelassen – versucht, irgendwie ihren Sohn zu erziehen; Alan wiederum ist der zynische Businessman, der Penelope mit seinen bissig-ironischen Bemerkungen in den Wahnsinn treibt. Wie die ständigen Anrufe zeigen, wird sein Leben von seiner Arbeit geleitet.

Die viele Telefoniererei und die somit entstehende geistige Abwesenheit ihres Mannes beim Vermittlungsgespräch zwischen den Elternpaaren schlägt Nancy so sehr auf den Magen, dass sie nach dem Genuss einer Cola, die Penelope ihr eigentlich zur Beruhigung des Magens gibt, erbrechen muss. Dabei werden die kostbaren Coffee-Table-Bücher von Penelope – „Mein Kokoschka” – verunreinigt …

Was zu sagen wäre

Ein Action-Film der Worte. Großkampftag vierer groß aufgelegter Schauspieler unter der Fuchtel eines Regie-Meisters. Dabei kann sich die Meisterschaft Roman Polanskis hier kaum entfalten (Der Ghostwriter – 2010; „Oliver Twist“ – 2005; „Der Pianist“ – 2002; Die neun Pforten – 1999; „Der Tod und das Mädchen“ – 1994; „Bitter Moon“ – 1992; „Frantic“ – 1988; „Piraten“ – 1986; „Tess“ – 1979; Der Mieter – 1976; Chinatown – 1974; „Was?“ – 1972; „Macbeth“ – 1971; „Rosemaries Baby“ – 1968; „Tanz der Vampire“ – 1967; „Wenn Katelbach kommt …“ – 1966; Ekel – 1965). Und tut es doch.

Das Drama ist durch das vorliegende Theaterstück gegeben, der Text kann nur leicht angepasst werden. Schauplatz ist eine Wohnung, größtenteils das Wohnzimmmer und auch diese Enge haben schon andere Regisseure meisterhaft zu weitern gewusst – Einrichtung, zufällig herumliegende Gegenstände. Und Polanski macht gleich mit dem ersten Bildschnitt deutlich, dass wir uns bei ihm in besten Händen befinden, auch wenn er ein Theaterstück verfilmt, dessen Erkenntnis nicht wirklich mehr neu ist und wenig mehr zulässt, als den erweiterten Guckkasten-Blick auf die Bühne.

Polanskis Meisterschaft zeigt sich in seiner Nonchalaence – in Einstieg und Ausstieg aus dem Drama. Die erste Kameraeinstellung zeigt ein belangloses Setting: Die Skyline New Yorks, gesehen aus einem Park am anderen Ufer des Hudson. Langsam, zunächst fast zufällig schält sich eine Gruppe Jugendlicher ins Bild und es wird erst spät klar, dass hier etwas passiert. Und dann schlägt ein Junge dem anderen auch schon einen Ast durchs Gesicht. Alles gezeigt aus der sicheren Entfernung eines Beobachters. Polanski darf in den USA nicht drehen, ohne Gefahr zu laufen, sofort verhaftet zu werden. Vielleicht nutzt er diesen Zwang zur Tatenlosigkeit auch für diesen kleinen Geniestreich.

Genauso stoisch steigt er aus seinem Drama auch wieder aus. Ein Zoom von einem Hamster auf der Wiese in die Totale des Parks vom Anfang, in dem zwei Jungen stehen – offenbar die anfänglichen Kontrahenten und Auslöser des gesehenen Dramas. Und Abblende. Schon in Der Ghostwriter (2010) hat Polanski nachhaltig daran erinnert, dass er ein Regisseur des Bildes ist, nicht des Wortes. Und so hat er auch hier seinem wortreichen Drama einen bildgewaltigen Schluss verpasst.

Es ist eine große Freude, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie Spaß an ihrer Arbeit haben. (Zumindest) In der deutschen Fassung gewinnt Christoph Waltz nach Punkten, weil der sich selbst synchronisiert und damit die Feinheiten des eigenen Spiels wiederholen kann. Aber am Ende sind  das nur Nuancen. Unglaublich, wie Jodie Foster mühsam die Balance hält zwischen Gutmensch und hysterischem Hass. Großartig ist Kate Winslet, die als vibrierendes Multitasking-Monster versucht, Ehe, Familie und Karriere unter Kontrolle zu halten.

Die Wochenzeitung Die Zeit schrieb zum Filmstart: Es ist die pure Mechanik, und sie können nichts dagegen tun, es ist stärker als sie. Das Zwanghafte, es sitzt in den Augenfalten von Jodie Foster, im gemütlichen Gesichtsfett von John C. Reilly, im Grinsen von Christoph Waltz, in der bodenlosen Nervosität von Kate Winslet. Wenn man davon redet, dass hier ein Turnier unter Großmeistern stattfindet, dann muss man auch sagen, wer es gewinnt. Es ist der Europäer Christoph Waltz, dessen ergebenes Höflichkeitsgrinsen die Errungenschaft einer offenbar untergehenden Zivilisation ist: ein elastisches, überdehntes, an die Grenzen des Möglichen gehendes Friedenssignal, unter welchem die Mundwinkel und das ganze Waltz-Gesicht zu zerreißen drohen, ein Lächeln, welches an einen überspannten Bogen erinnert: die größte Wut, in einen Habitus umgeschlagen – nach innen gestülpter, konkaver Hass sozusagen.

Wertung: 7 von 7 €uro
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