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Plakatmotiv: Der Gefangene von Alcatraz
Großartiger Burt Lancaster
in einem großartigen Film
Titel Der Gefangene von Alcatraz
(Birdman of Alcatraz)
Drehbuch Guy Trosper
nach dem gleichnamigen Buch von Thomas E. Gaddis
Regie John Frankenheimer, USA 1962
Darsteller
Burt Lancaster, Karl Malden, Thelma Ritter, Neville Brand, Betty Field, Telly Savalas, Edmond O'Brien, Hugh Marlowe, Whit Bissell, Crahan Denton, James Westerfield u.a.
Genre Drama
Filmlänge 147 Minuten
Deutschlandstart
2. Oktober 1962
Inhalt
Der Totschläger Robert Stroud kommt in das Gefängnis von Leavenworth und bringt dort einen Wärter um, der ihn schikanierte. Er soll deswegen gehängt werden. Seine Mutter setzt sich jedoch für ihn ein und kann erreichen, dass er den Rest seiner Strafe in Einzelhaft verbüßen darf. Somit werden seine sozialen Kontakte reduziert auf seinen Wärter und seinen Zellennachbarn.

Bei einem seiner einsamen Hofgänge entdeckt Stroud einen gerade geschlüpften Vogel, der im Sturm aus seinem Nest gefallen ist. Der neue Gefängnisleiter erlaubt den Gefangenen die Vogelhaltung. Stroud hat damit einen neuen Lebenssinn und erfindet zudem ein Heilmittel für ein Fieber, an dem die Tiere häufig erkranken und sterben. Über dieses Mittel macht er Bekanntschaft mit der Witwe Stella, deren Lebensinhalt seit dem Tode ihres Ehegatten die Vogelzucht ist.

Plakatmotiv: Der Gefangene von AlcatrazSchließlich heiratet er Stella in seinem Gefängnis. Strouds Mutter missfällt diese Verbindung, denn sie möchte ihren Jungen ganz für sich haben. Es kommt zum Bruch mit der Mutter, was eine weitere Verbitterung Strouds zur Folge hat.

Dann wird Stroud nach Alcatraz verlegt. Dort ist seine zum Lebenswerk gewordene Arbeit nicht erlaubt …

Was zu sagen wäre

Ein in jeder Hinsicht bezaubernder Film. Zuerst die Story, die auf wahren Begebenheiten beruht und von einem Mann erzählt, einem zweifachen Mörder, der in der Vogelkunde sein Heil findet. „Vögel kennen nichts anderes, als Käfige!“, sagt Strouds Wärter an einer Stelle. In der Hauptrolle sehen wir Burt Lancaster, diesen – in seinen Filmen – als physischen, lebensfrohen Haudrauf bekannten Strahlemann („Das Urteil von Nürnberg“ – 1961; „Elmer Gantry“ – 1960; „Denen man nicht vergibt“ – 1960; „Trapez“ – 1956; „Die tätowierte Rose“ – 1955; „Apache“ – 1954; „Verdammt in alle Ewigkeit“ – 1953; „Der rote Korsar“ – 1952; „Du lebst noch 105 Minuten“ – 1948), der hier, in Schwarz Weiß, in engen Gefängnismauern sich kaum bewegen kann und seine Zuschauer mit seinem stoisch ertragenen Schicksal zu Tränen rührt. Lancaster war in dieser Rolle für einen Oscar nominiert, musste aber am Abend der Zeremonie Gregory Peck applaudieren, der für seine Rolle in „Wer die Nachtigall stört“ ausgezeichnet wurde – der Vogel in diesem Filmtitel war lediglich eine Allegorie.

John Frankenheimer, ein bis dato vor allem für das Fernsehen aktiver Auftragsregisseur, nutzt hier seine Chance, mit großen Namen Regie führen zu können und zeigt, was er sich unter Kino vorstellt. Seinen Film eröffnet er schon mit einer beeindruckenden Titelsequenz: Wir sehen auf der großen Leinwand gigantische Hände, die sich schützend um ein kleines, zartes Vögelchen schließen. Auch, wenn „Alcatraz“ im Filmtitel steht – was schon deshalb merkwürdig ist, weil der Film dort nur in den letzten 30 Minuten spielt – und Burt Lancaster martialisch, wahlweise mit Handschellen oder einem Messer vom Filmplakat grimmt, soll niemand glauben, er bekomme es mit einem dieser Gefängnis-Actionfilme zu tun. Trotz zweier Tötungsdelikte bleibt der Film in seinem Grundton souverän friedfertig. Frankenheimer nimmt sich sogar die Zeit, einem Vogel zuzuschauen – mit nur ganz wenigen Schnitten – der minutenlang aus dem Ei schlüpft. Musik braucht er da nicht; Frankenheimer, der prompt von der Directors Guild of America als Bester Regisseur nominiert wurde, weiß, dass die Zuschauer gebannt im Kinosessel sitzen. Überhaupt verwendet Frankenheimer sehr wenig Musik in diesem Drama, das meist still beobachtet, wie der gefangene Stroud einsam sein Schicksal meistert; und dass das in keinem Moment langweilig ist, ist die große Kunst des Regisseurs. Und die der Schauspieler.

Burt Lancaster spielt mit der Anmut des Hoffnungslosen diesen Vogelmann über 40 Jahre im Gefängnis, in dem ihm – jedes Drama braucht den Antagonisten – Karl Malden als Gefängnisdirektor entgegentritt („Mein Bruder, ein Lump“ – 1962; „Die Faust im Nacken“ – 1954; „Ich beichte“ – 1953). Malden verkörpert die verknöcherte Staatsgewalt, die an Befehl, Gehorsam und Bestrafung glaubt. Frankenheimer nutzt diese Figur sowie das Make-up-Departement für seine Kritik an den Haftbedingungen in den USA. Wo der Gefangene Stroud über die Jahre in – meist – Isolationshaft blässlicher wurde mit eingefallenen Wangen, ausfallenden Haaren und Brille, kommt Gefängnisfunktionär Harvey Shoemaker mit lediglich angegrautem Haar über die Jahrzehnte. Zum Beginn des letzten Aktes lässt er die beiden Antagonisten ein letztes Mal aufeinandertreffen. Da ist der Gefangene der zum intellektuellen Wissenschaftler mutierte Experte und der einst schneidige Gefängnisdirektor der in Washingtons seifiger Politik Gescheiterte, der es „nicht als Privileg“ betrachtet, Alcatraz leiten zu müssen.

In dieser wortstarken Szene wirft Direktor Harvey Shoemaker dem Gefangenen Stroud vor, ihn seit über 30 Jahren mit seiner Renitenz zu nerven, weil er sich einfach nicht rehabilitieren lassen wolle. Stroud, der in diesen über 30 Jahren gelernt hat, dass – erstens – Widerworte und – zweitens – Widerworte gegen Shoemaker ausgesprochen schmerzhafte Konsequenzen haben, speit ihm seine ganze Enttäuschung ins Gesicht – nicht etwa Hass! – und erklärt ihm, was Re-ha-bi-li-ta-tion tatsächlich bedeutet – nicht Gehorsam nach des Direktors Vorstellung, sondern die Wiedererlangung der Würde des Gefangenen, die er während seiner Taten verlor; eine starke Szene, wunderbar geschrieben, großartig gespielt.

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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