Kinoplakat: Der Eissturm
Satire, Drama, Sex und
große Schauspieler
Titel Der Eissturm
(The Ice Storm)
Drehbuch James Schamus
nach dem gleichnamigen Roman von Rick Moody
Regie Ang Lee, USA, Frankreich 1997
Darsteller Kevin Kline, Joan Allen, Sigourney Weaver, Henry Czerny, Tobey Maguire, Christina Ricci, Elijah Wood, Adam Hann-Byrd, David Krumholtz, Jamey Sheridan, Kate Burton, William Cain, Michael Cumpsty, Maia Danziger, Katie Holmes, Allison Janney u.a.
Genre Drama
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
18. Dezember 1997
Inhalt

Connecticut, November 1973: Watergate-Skandal und sexuelle Revolution erschüttern selbst die Mittelständler im spießigen Kaff New Canaan. Familienvater Ben Hood lenkt sich mit Drinks und der gelangweilten Nachbarin Janey Carver vom Büroärger ab.

Ehefrau Elena flüchtet sich in Selbsthilfebücher. Angeregt von Gesprächen über Swinger-Clubs und Pornos am elterlichen Abendbrottisch, versuchen die Kids, es den Erwachsenen gleichzutun: Tochter Wendy spielt mit den Nachbarjungen Erwachsenenspiele, und Bruder Paul genießt die Internatsferien auf seine Art.

Als Paul über das Thanksgiving-Wochenende heim kommt, kommen lange schwelenden Konflikte an die Oberfläche. Wendy verärgert ihren Vater, als sie zum Fest beim Tischgebet eine lange Hasstirade ablässt, unter anderem über die Tötung und Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner.
Nachbarin Janey zeigt offen, dass sie von der Affäre mit Ben gelangweilt ist und serviert ihn eiskalt ab. Gleichzeitig findet Elena heraus, dass ihr Ehemann sie betrogen hat, als dieser davon berichtet, wie er seine Tochter beim gemeinsamen Liebesspiel mit Mikey im Hause der Carvers ertappt hat.

Als der Wetterbericht vor einem schweren Wintersturm warnt, macht sich Paul auf den Weg nach New York, um den Rest der Thanksgiving-Ferien mit Libbets zu verbringen – in der luxuriösen Wohnung ihrer Eltern. Pauls Eltern brechen zur selben Zeit zu einer Party auf. Während ein schwerer Eissturm über die Region hereinbricht, fühlt sich Elena von lauter Intrigen umgeben.

Sowohl sie als auch Ben müssen feststellen, dass es sich bei der Veranstaltung um eine sogenannte „Schlüsselparty“ handelt. Auf dem Höhepunkt der Sexuellen Revolution müssen die Frauen am Ende der Party einen der Autoschlüssel der Männer aus einer Schale herausfischen, um sich von dem Auserwählten nach Hause fahren zu lassen und dann den freien Partnertausch zu zelebrieren …

Was zu sagen wäre

„Und das war ein typisches Dilemma der Fantastischen Vier”, resumiert Paul zu Beginn. „Sie waren wie eine Art Familie und je mehr Macht sie besaßen, desto mehr Leid konnten sie einander zufügen; ohne es zu merken. Und das war die Botschaft der Fantsatischen Vier: dass die Familie sowas wie die Antimaterie von einem selbst ist.“ Mit dieser Einleitung setzt Ang Lee den Ton seines Familienfilms. „Eine Familie ist das Nichts, aus dem Du kommst und auch der Ort, an den Du zurückkehrst, wenn Du stirbst“. Im Folgenden sehen wir verschiedenen Familien, dieser Keimzelle menschlichen Sozialverhaltens, beim Zerfall zu.

Die Kamera hat etwas wunderbar Leichtes, während sie die beiden Familien beobachtet, die im Zentrum dieses Films stehen. Sie wohnen in modernen grauen 90-Grad-Würfeln, die den Alltag-umstürzenden Dramen diametral entgegen stehen, die Ang Lee über seine Protagonisten hereinbrechen lässt. Von da an muss er nicht mehr viel tun, um die Sprachlosigkeit seiner Figuren zu etablieren. Da holt dann Ben seinen Sohn vom Bahnhof ab und es spult sich die gesammelte Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn ab: „Und, wie läuft‘s in der Schule?“ „Gut!“ „Im Unterricht?“ „Bestens!“ „Die Noten?“ „Nicht schlecht!“ „Gibt‘s da … jemanden? … Du weißt schon ..?“ „Äh äh …“ „Ich freu mich, Dich zu sehen. Du fehlst uns allen sehr!“. Und dann hält Dad einen Vortrag über das richtige Verhalten bei „Dingen“ … „an der Selbstbefriedigungsfront.“ … „Dad … weißt Du, dass ich 16 bin?“

Ang Lee führt uns leidenschaftslos durch die Beziehungskatastrophen seiner Protagonisten. „Es ist nicht so wie Du  denkst. Es ist keine Verschwörung! … Ehrlich … ich fühl mich nicht gut dabei“, sagt Ben, während der Regen auf sein Autodach prasselt. „Stürzen wir uns also in das Fiasko!“, entgegnet seine Frau. „Ich rede mit jedem anderen lieber als mit Dir“. Und dann entführt uns dieser zauberhafte Film in eine Gesellschaft, in der die Erste Liebe in jedem Aggregatszustand durchgezogen wird. Wo die Erwachsenen unglaublich Zeit und Situation benötigen, um dieses alte Gefühl wiederherzustellen, begleiten wir die Teenager dieses Dramas bei ihren ersten Schritten. Die Liebe durch Ang Lees Augen ist ein schwierig Ding – für die Alten eine große Schale verpasster Möglichkeiten, für die Jungen ein Fantasyfilm mit reizvollen Welten.

Für das auf dem gleichnamigen Roman von Rick Moody basierende Drehbuch erhielt Skriptautor James Schamus 1997 während des Filmfestivals in Cannes die Goldene Palme. Moodys Bestseller von 1994, ein satirisches Portrait der 70er Jahre, spielt der in der Heimatstadt des Autoren und beruht auf wahren Begebenheiten.

Wertung: 8 von 11 D-Mark