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Kinoplakat: Blade Runner 2049
Ein würdiger Rausch aus Bildern
Titel Blade Runner 2049
(Blade Runner 2049)
Drehbuch Hampton Fancher + Michael Green
mit Figuren aus der Novelle "Do Androids Dream of Electric Sheep?" von Philip K. Dick
Regie Denis Villeneuve, USA, UK, Kanada 2017
Darsteller Ryan Gosling, Harrison Ford, Jared Leto, Robin Wright, Mark Arnold, Vilma Szécsi, Ana de Armas, Dave Bautista, Wood Harris, David Dastmalchian, Tómas Lemarquis, Sylvia Hoeks, Sallie Harmsen, Hiam Abbass, Mackenzie Davis, Krista Kosonen u.a.
Genre Drama, Science Fiction
Filmlänge 163 Minuten
Deutschlandstart
5. Oktober 2017
Website bladerunnermovie.com
Inhalt

Kalifornien im Jahr 2049: Los Angeles liegt in einem ständigen Nebel, auch die Metropole San Diego, die als gigantische Mülldeponie genutzt wird.

Kein Lichtstrahl, sondern lediglich die Scheinwerfer von Drohnen dringen in Los Angeles durch den Smog. Die Stadt ist nicht nur von Menschen, sondern auch von Replikanten bewohnt, die ihnen jedoch nicht mehr als Sklaven dienen, wie noch Jahre zuvor. Der neue bioidentische Androidentyp Nexus 9 ist handzahm, hegt keinerlei Groll gegen seine Erbauer mehr. Vor allem tut dieser seinen Dienst nur solange bis seine programmierte Lebenszeit abgelaufen ist und er stirbt. Da die Ökosysteme zusammengebrochen sind und es keine echten Tiere und keine Pflanzen mehr gibt, werden in gigantischen Gewächshäusern mit endlosen Tunneln aus Plastikfolie, in denen die Farmer Schutzanzüge tragen, auf den Feldern vor der Stadt Proteinwürmer gezüchtet, von denen sich die Menschen ernähren. Diese werden von der Wallace Corporation betrieben.

Auch wenn das Replikantenproblem der Vergangenheit weitgehend gelöst zu sein scheint, gibt es noch Replikanten-Jäger, so Officer K vom Los Angeles Police Department. Der Officer, der selbst ein Replikant ist, Seriennummer KD6-3.7 trägt, versucht, im Verborgenen lebende Replikanten aufzuspüren, die wegen ihrer unbegrenzten Lebensdauer aus der Produktion genommenen wurden, sich aber nicht abschalten lassen wollen, um diese zu pensionieren.

Officer K bewohnt ein kleines Apartment in einem Haus, in dem es permanent Ärger gibt. Entspannen kann er sich dank Joi, seiner holografischen Gespielin, die ihm abends Trost spendet. Er teilt seine Geheimnisse mit ihr, und sie bemüht sich umgekehrt im Rahmen ihrer Algorithmen, ihm eine echte Freundin zu sein, doch sie kann ihm nicht für seine sexuellen Wünsche zur Verfügung stehen, weshalb sie eine Prostituierte für ihn anheuert.

Bei einem Einsatz auf dem Land tötet K einen Replikanten, der dort viele jahre unerkannt als Farmer gelebt hat. Dort findet K eine Kiste, die die Knochen einer Replikantin mit offenbar erstaunlichen Fähigkeiten enthält. Es handelt sich um Rachael, die mit Rick Deckard vor vielen Jahren vor den Killern der Tyrell Corporation geflohen war…

Was zu sagen wäre

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.

Diese Worte stammen aus dem Mund eines Roboters, eines menschenähnlichen Androiden namens Roy Batty, der hier Replikant genannt wird, was in etwa bedeuten soll, dass diese Maschine eine sehr identische Replikation eines Menschen ist – von diesem nicht zu unterscheiden, nicht einmal mehr durch den Voight-Kampff Test, der das bisher zuverlässig erledigte. Das alles war 1982, als der Film Blade Runner von Ridley Scott in das Jahr 2019 blickte und dort nur noch wenig für den Menschen lebenswertes fand.

Scott, Regisseur filmhistorisch bedeutsamer Werke wie Alien (1979), Thelma & Louise (1991) oder Gladiator (2000), forschte 1982 der Frage nach, was den Menschen als Mensch erkennbar macht und ab wann eine Maschine als menschlich zu erachten ist. Und als Replikant Roy im Finale die oben zitierten Worte sprach, da flogen ihm nicht nur alle menschlichen Herzen zu. Der Android hatte Kinobilder für die cineastische Ewigkeit geschaffen – allein mit Worten. Mit Blade Runner entwarf Scott die Vision einer Welt, die 1982 durch die gezeigten menschlichen Schwächen gleichzeitig so naheliegend und doch – 2019 – so fern war, dass sie ein ganzes Genre beeinflusste; spätere filmische Umsetzungen von seinerzeit populären Cyberpunk-Stories beriefen sich bis in die späten 1990er Jahre in ihrem visuellen Ausdruck auf Scotts Film von 1982.

Kassenknüller ohne Action

Blade Runner schaffte das Kunststück, seine philosophischen Betrachtungen in einem teuren Film nahezu ohne große Actionszene zu verpacken und damit an der Kinokasse dennoch erfolgreich zu sein – eben durch sein visuelles Konzept. Das alles hat gedauert, weil das Studio Scotts Film zunächst verstümmmelte (man möchte fast sagen vergewaltigte); aber das ist heute nur noch Stoff für Seminare der Filmwissenschaften – Blade Runner ist als visionärer Meilenstein in den westlichen Kulturkanon eingegangen.

Und jetzt, 35 Jahre später soll dieser Solitär fortgesetzt werden? Warum? War nicht alles gesagt? War nicht alles gezeigt? Doch, schon. Aber irgendwie auch nicht. Und ab dieser Stelle kommen wir nun um Spoiler nicht herum.

Die Welt in „Blade Runner 2049“ hat sich in den vergangenen 30 Jahren weiter gedreht. Ein mysteriöser Blackout hat irgendwann in dieser Zeit sämtliche elektronischen Daten gelöscht und damit auch einen großen Teil der kollektiven Erinnerung der Menschheit. Der neue Blade Runner, eben jener K, streift durch verwaiste, kaputte Orte. Kultur, Menschlichkeit, Glück sind da nur noch in Hologrammen erhaltene, ansonsten verblasste Erinnerungen in einer Welt, deren sie beherrschende Spezies vor dem Aussterben steht.

Die Schauspieler wissen, wass sie ihrer Rolle schulden

Ryan Gosling spielt diesen K, und er spielt ihn, wie er seinen namenlosen Fahrer in Drive gespielt hat, wie er überhaupt die meisten seiner Rollen anlegt (La La Land – 2016; The Nice Guys – 2016; The Big Short – 2015; Only God Forgives – 2013; Gangster Squad – 2013; The Place Beyond the Pines – 2012; The Ides of March – 2011; Crazy, Stupid, Love. – 2011; Blue Valentine – 2010; Lars und die Frauen – 2007): stoisch, mit Hundeblick, aber mit jenen kleinen Veränderungen nur im Augenwinkel, die aus einer schlichten Steven-Seagal-Mimik Schauspielkunst werden lassen. Zudem gibt er damit ein konsequentes Update zu Harrison Fords Ur-Blade-Runner Deckart. Gosling macht es uns wie immer nicht leicht. Was seine Figur fühlt, bleibt im Ungefähren; erst, als sein Hologramm umkommt, zeigt er, der Replikant, Gefühle des Verlustes – Gefühle bei einem Replikanten sind natürlich Ansichtssache. Und wirklich fiebern tue ich um diesen K, der sich später Joe nennt, was mich in dieser unmenschlichen Dystopie an Josef K. in Kafkas dystopischem „Process“ erinnern lässt, nicht.

Harrison Ford reanimiert nach seinem Han-Solo-Auftritt nun seine zweite große Heldenrolle der frühen 1980er Jahre. Er macht das mit der nonchalanten Grandezza eines Mannes, der nichts mehr beweisen muss. Ich sehe ihm gerne zu und glaube ihm; überraschend ist er nicht. Nur wenige Auftritte hat Jared Leto als Wallace, der dunkle Mann im Hintergrund. Er kann nichts dafür, dass seine Figur allerlei philosophische Sottisen sprechen muss, dennoch nervt seine Figur mehr als dass sie nutzt: Ein großer Konzernlenker, der nicht wenigstens mal eine klare Ansage macht, bleibt Kunstfigur ohne Tiefe. Es ist dies aber ohnehin eher eine Blade-Runner-Geschichte, die sich über ihre Frauenfiguren definiert.

Es sind die Frauen

Robin Wright (Wonder Woman – 2017; The Congress – 2013; Verblendung – 2011; Die Kunst zu gewinnen – Moneyball – 2011; Die Lincoln Verschwörung – 2010; State of Play – 2009; „Inside Hollywood“ – 2008; Das Versprechen – 2001; Unbreakable – 2000; Message in a Bottle – 1999; Forrest Gump – 1994) gibt als K's Chefin Madame eine kalte Seele, die nach Vorschrift und Vorteil agiert, nicht unähnlich ihrer Präsidentengattin in der TV-Serie „House of Cards“. Die Niederländerin Sylvia Hoeks, die hier erstmals in einer großen internationalen Produktion auftritt, spielt als Assistentin des meist (zum Glück, siehe oben) abwesenden Konzernlenkers Wallace die eigentliche Marionettenspielerin, Luv, die durch höllisch dunkle Augen und filigrane Kampfkunst besticht.

Am meisten Eindruck aber hinterlassen zwei Frauen die gar nicht, bzw. nur kurz da sind: Die Kubanerin Ana de Armas (War Dogs – 2016) ist das Hologramm Joi, die ihrer Programmierung folgend zu Replikant K eine spezielle Beziehung pflegt. Angelegt als klassisch feuchter Männertraum spielt sie diese Rolle so vielschichtig, dass mich ihr Schicksal am Ende – anders als bei den andern Frauen – nicht kalt lässt. Was allein ihren Nachhall (beim anschließenden Bier) angeht, hat Ana de Armas beim Zuschauer den wirkungsvollsten Punch gesetzt. Schließlich ist da, verhuscht beinah und doch so präsent und zentral in ihrer Performance Carla Juri („Paula“ – 2016; „Fossil“ – 2014; „Feuchtgebiete“ – 2013) als allergiekranke Designerin von Erinnerungsimplantaten. Sie hat nicht viele Szenen, spielt sich aber nachhaltig in die – echten – Erinnnerungen des Zuschauers, der an diesen Film zurückdenkt.

Menschmaschine – Maschinenmensch

Wieder, wie schon 1982, fragen wir uns im Kinosessel, warum man in dieser Welt noch überleben möchte. Wieder hängt die Frage in der Luft, wo das Dasein als Maschine endet und das Leben mit Seele beginnt, ob eine Erinnerung weniger wert ist, weil sie impantiert statt wirklich erlebt wurde. Hier rückt die Frage, ob ein Spielzeugpferd noch an der Stelle liegt, wo es vor Jahrzehnten versteckt wurde, ins Zentrum der eigenen Existenz. In diesen Punkten  treffen sich die Filme von damals und heute, denn in dem von heute gibt es einen bedeutsamen Akt der Fortpflanzung. „Wenn ich geboren wurde, habe ich dann nicht eine Seele?“ fragt sich prompt ein Replikant. Ridley Scott sitzt heute auf dem Stuhl des Produzenten, der sich also um die Finanzierung und solche Dinge kümmern muss. Das künstlerische Konzept hat er in die Hände des Kanadiers Denis Villeneuve gelegt, einem Regisseur, den ich, gemessen an seinen bisherigen Filmen (Arrival – 2016; Sicario – 2015; „Prisoners“ – 2013) als einen der klügsten Visionäre des zeitgenössischen Kinos bezeichnen möchte. Villeneuves Blade-Runner-Version ist Remake und Fortsetzung gleichermaßen. Auch er riskiert das trockene philosophische Traktat des Wann-ist-ein-Mensch-ein-Mensch als Skelett für einen zweieinhalbstündigen Drogenrausch, bei welchem die Drogen aus Bildern bestehen. Dabei geschieht etwas im aktuellen Kino Erstaunliches. Wir, die wir im Kinosessel sitzen, bekommen Zeit. Und nutzen sie gerne.

Villeneuve verweigert sich dem Kino, das seine 150 Millionen Dollar Produktionskosten meint, mit rasanten Kamerafahrten und schnellen Schnitten refinanzieren zu müssen. Er lässt die Bilder stehen. Er erbietet seinem Zuschauer den Respekt, indem er ihm die Welt, die er entworfen hat, auch ansehen, erfahren lässt. Das hat hier und da den Hauch von L'Art pour l'art, wenn etwa im futuristisch verheerten Las Vegas gigantische Frauenbeine als Skulpturen in orange dunstiger Leere modern – und wir uns fragen, was das denn wohl für Gebäude sein sollen; oder wenn K, der sich später Joe nennt, in einem Waisenhaus landet, das an Charles Dickens schlimmste Albträume erinnert.

Kein Film für Samstagabend-Hedonisten

Aber es ist eben die Fortsetzung eines Films, der komischerweise immer noch als Actionfilm apostrophiert wird, obwohl er das am allerwenigsten war. Schon Ridley Scotts filmische Suche nach dem Menschlichen in uns war ein zäher Story-Brocken, der sich immer wieder in scheinbar nebensächlichem Design verlor, das sich am Ende aber zu eben jenem kunstvollen Ganzen formierte. Das ist hier, 35 Jahre später, nicht anders. Modern im dramaturgischen Ex-und-Hopp-Gewitter ist der Film nicht. Er biedert sich nicht vergnügungssüchtigen Hedonisten an, die am Samstagabend vor dem Club noch ein wenig Zerstreuung suchen. Villeneuve stellt sich mit breiter Cinemascope-Brust vor sein Publikum und sagt: So bin ich. Nehmt mich. Oder guckt einen der Superheldenfilme nebenan.

Wertung: 8 von 8 €uro
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