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Kinoplakat: Suicide Squad
Laut. Grau. Leer.
Ein winziger Lichtblick.
Titel Suicide Squad
(Suicide Squad)
Drehbuch David Ayer
nach Motiven aus den Comics des DC-Verlages
Regie David Ayer, USA 2016
Darsteller
Margot Robbie, Will Smith, Cara Delevingne, Jared Leto, Viola Davis, Joel Kinnaman, Scott Eastwood, Ben Affleck, Jai Courtney, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Karen Fukuhara, Jay Hernandez u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
18. August 2016
Website suicidesquad.com
Inhalt

Die Sicherheitslage in der westlichen Welt ist unübersichtlich geworden, die Zahl der weltenbedrohenden Superschurken ist so groß, dass Helden allein das Kind nicht mehr geschaukelt bekommen. Deshalb stellt Amanda Waller, Chefin einer verdeckten Organisation des US-Geheimdienstes die Task Force X zusammen, ein Team, das jederzeit und ohne Rücksicht auf Verluste eingesetzt werden kann, ein Team aus schwerst Kriminellen.

Da ist die gestörte Harley Quinn, eine Psychologin, die im Laufe ihrer steilen Karriere der Liebe zum Joker verfiel und durchgedreht ist. Da ist Floyd Lawton, seines Zeichens Meisterschütze, der als Deadshot seine Dienste als Söldner und/oder Attentäter an den Meistbietenden verkauft. Dann ist da El Diablo, ein pyrokenitischer Killewr, der – wie sein Name andeutet – es gerne heiß mag. George "Digger" Harkness, ein australischer Krimineller, der sich besonders in der Kunst des Bumerang-Wurfes auszeichnet. Abgerundet wird das Team durch den kannibalischen Killer Croc sowie den Söldner Slipknot, ein außergewöhnlicher Fassadenkletterer.

Diese versierten Fachleute ihrer speziellen Handwerkskunst werden aus dem Gefängnis Belle Reve rekrutiert, unter das Kommando von Oberst Rick Flag gestellt und mit einem explosiven Nano-Implantat versehen, durch das sie bei Ungehorsam getötet werden können.

Die Freundin von Flag, die Archäologin Dr. June Moone, ist besessen von einer Hexen-Göttin, der „Enchantress“. Mit einer Horde von Monstern erschafft sie eine Waffe und ruft dabei ihren Bruder Incubus zu Hilfe.

Unter der Vorgabe, dass es sich dabei um einen terroristischen Angriff auf Midway City handele, entsendet Waller erstmals ihre Suicide Squad …

Was zu sagen wäre

Mit dem Boom der Superheldenverfilmungen, in denen bunt kostümierte Männer und Frauen sich selbstlos gegen finstere Schurken in die Schlacht werfen, möglichst, ohne den Gegner zu töten, war es nur eine Frage Zeit, wann die Filmemacher doll drehen. Der simplen Hollywood-Logik folgend, dass jeder Film – jede Fortsetzung – mehr bieten muss, als die vorherigen Produktionen, war schon nach Captain America – The Winter Soldier (2014) die Luft des Anstands raus – mehr Held, mehr Helden, ging nicht; wenn am Ende immer alle gerettet sind, ist als Steigerung nur noch die komplette Apokalypse möglich.

Kunst contra Kommerz – Mainstream contra doppelbödigen Sarkasmus

In der Zwangsläufigkeit dieses Höher, Schneller, Weiter des Kinos unterscheidet sich das Marvel Cinematic Universe nicht von DC Extended Universe, nur sind die Verfilmungen um die Helden Superman und Batman im allgemeinen depressiver und weniger smart. Dafür sind die Filmproduzenten hier schneller im Schrillen angekommen. Ihre (positiven) Helden sind im Kino schon länger innerlich zerrissene, von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen zerfressene Grübler, die schlecht gelaunt lieber aufeinander eindreschen, als auf die Weltenzerstörer. Hinterher liegt alles in Schutt und Asche, aber wenigstens geht die Sonne wieder auf und die Superhelden kehren im kommenden Jahr dann im größeren, bunteren Team als „Justice League“ zurück auf die Leinwand. Es steht zu erwarten, dass das edel, hilfreich, gut und zerstörerisch wird bei gleichzeitigem Aufsagen pathetischer Durchhalteparolen, wie das heute schon die TV-Ableger „Arrow“ und „Flash“ in Serie tun. Das ist mitunter ganz unterhaltsam, aber gefährlich nah am langweiligen Kitsch. Das verkauft sich gut für die familientaugliche Freigabe „ab 12 Jahren“ – wirtschaftlich gesehen die Hauptzielgruppe der Produzenten solcher Filme.

Für die Autoren und Regisseure solcher Filme dürfte es, anders als für die Geldgeber, gerne etwas mehr, schriller, doppelbödiger sein, sie haben schließlich einen künstlerischen Anspruch. Und hier kommt die Suicide Squad ins Spiel, die in den Comics 1986 auftauchte, in einer Zeit, als die Verlage – wieder einmal – in einer Erzählkrise steckten und Comicautor Frank Miller gerade den Millionär und Playboy Bruce Wayne, der bis dato des Nachts im blau-grauen Kostüm Verbrecher gejagt hatte, in einen seelisch zerfressenden Psycho mit Stimmbandverzerrer und Kevlarpanzer verwandelt hatte und damit die Auflage steigerte. Da erinnerte sich jemand im Verlag an den einstigen Erfolg des Kinoklassikers „Das dreckige Dutzend“.

Abgründige Killer sollen den Frieden bewahren

Es waren – politisch – dunkle Tage damals, der kalte Krieg hatte seinen Höhepunkt erreicht, der Fall des Eisernen Vorhangs war noch weit. Da erschufen die US-Militärs in den DC-Comics, aus Furcht, dass Helden wie Superman oder der Martian Manhunter ihre Superkräfte gegen die Menschen einsetzen könnten, ein Team aus anderen Metawesen – Menschen mit besonderen Fähigkeiten – und es entbehrt nicht einer gewissen, dem Menschen offenbar innewohnende Todessehnsucht, dass dieses Team aus die Menschen verachtenden Dieben, Mördern und Monstern bestand – die Analogie zur Anhäufung von alles Leben auf der Erde vernichtenden Atomwaffen zur Erhaltung des Friedens in der realen Welt liegt auf der Hand. Im Umfeld dieser Suicide Squad genannten „Task Force X“ konnten sich Autoren und Zeichner austoben, konnten Blut über zwei Heftseiten spritzen lassen, konnten die Schlechtigkeit der Welt, die Ungerechtigkeit des Lebens in zynische Comicform gießen. Die Idee verkaufte sich gut.

Die Suicide Squad im Kino des Jahres 2016 hat mit den Heften kaum mehr als die Figuren gemein. Das ließ sich schon im Vorfeld erahnen bei einer Altersfreigabe „PG-13“ (in Deutschland FSK 16). Der Film ist laut, nicht schmerzhaft; er ist schrill, nicht zynisch; es ist bunt, nicht doppelbödig; er ist eine Aneinanderreihung von Szenen, kein Film. Die erste halbe Stunde, in der die Hauptfiguren vorgestellt werden, wirkt wie ein langer Musik-Clip mit flotten Sprüchen, flotten Schnitten und Texttafeln, die so kurz eingeblendet sind, dass man den Text nur halb mitbekommt – es reicht, um zu erkennen: Da sind Fachleute des Mörderischen versammelt. Danach beginnt sowas wie eine Hauptstory, in der (nach dem einleitenden Musik-Clip) nochmal erzählt wird, dass nun die übelsten der Üblen gecastet worden seien und dann ist auch schon die als CGI-Effekt hübsch-dunkel qualmende Enchantress, die „absolut sicher“ unter Wallers Knute stand, entfleucht und macht Chaos in Midway City.

Eine Hexe wie aus den Ghostbusters der frühen 80er Jahre

Dieses Chaos sieht so aus, als hätte David Ayer, kurz bevor er das Drehbuch geschrieben hat, zufällig die guten alten Ghostbusters (1984) im Fernsehen gesehen hat. Was Enchantress da veranstalltet, ist eine Kopie der damaligen New Yorker Ereignisse, Himmel aufreißen und auf Großes warten – nur, dass der Marshmellow Man nicht durch die Straßen stolpert. Damals reichten drei hochintelligente, der Realität etwas entrückte Wissenschaftler, um den Spuk zu beenden; es war eine Komödie und lustig und okay. David Ayer allerdings, Fachmann für harte Kerle ohne Humor (Herz aus Stahl – 2014; Sabotage – 2014; „End of Watch“ – 2012), nimmt seine Suicide-Squad-Verfilmung sehr ernst, entsprechend humorlos gehen hier alles zu Sache – ein auffälliges Markenzeichen in den DC-Kinofilmen. In seiner absurden Todernsthaftigkeit bleibt völlig auf der Strecke, warum man eigentlich diese brandneue Kämpfertruppe entsendet, obwohl die nichts tut, was nicht jeder gut ausgebildete Kino-Marine auch kann: wild herumballern und Zombies zerblastern; dazu braucht es keinen Scharfschützen, keine verrückte Killerin, keinen Bumerang-Künstler und schon gar niemanden, der „sehr gut klettern kann“ (das ist allen Ernstes die Antwort, als im Situation Room des Weißen Hauses die Frage gestellt wird, wen man entsenden könne, wenn einer wie Superman, nur böse, „das Dach des Weißen Hauses abreißen, direkt ins Oval Office marschieren und den Präsidenten entführen“ würde).

Der Flammen werfende El Diablo und der monströse Killer Croc … die wären vielleicht Kandidaten gegen die Hexe, aber ersterer fleht ununterbrochen, er habe dem Feuer abgeschworen, und der Krokodilmann ist mehr Sympathieträger fürs Spielzeugregal als Killer. Und wo wir dabei sind: Der eiskalte Präzisionskiller, den Will Smith in gewohnter Will-Smith-Manier gibt (Focus– 2015; „After Earth“ – 2013; Hancock – 2008; Hitch – Der Date Doktor – 2005; I, Robot – 2004; Wild Wild West – 1999; Der Staatsfeind Nr. 1 – 1998; Men in Black – 1997; Bad Boys – 1995), muss schon Sachen sagen wie „Sei vorsichtig, Schätzchen, sonst jage ich Dir eine Kugel durch Deinen Schädel und es ist mir egal, dass du ein Mädchen bist“, um als irgendwie Schurkenkompatibel durchzugehen. Ansonsten ist er ein guter Kämpfer, fair, und ein liebender Vater, der sich in seiner Zelle am Sandsack austobt und diesen hinterher liebevoll umarmt. Smith ist seit über 20 Jahren im Geschäft, aber auch er kann aus einer schlecht geschriebenen, eindimensionalen Figur nicht mehr rausholen als eine Will-Smith-Figur – so wie Deadschot hat er schon seinen Steve Hiller in Independence Day (1996) gespielt. Einziger Lichtblick, was das Figurenkabinett angeht, ist Harley Quinn. Margot Robbie scheint die einzige zu sein (The Legend of Tarzan – 2016; The Big Short – 2015; Focus – 2015; The Wolf of Wall Street – 2013; Alles eine Frage der Zeit – 2013), die Spaß an ihrer Rolle hatte – oder der dieser Spaß zugestanden wurde; entsprechend macht es Spaß, ihr zuzugucken, wie sie gemein, bösartig und herzerfrischend kraftvoll Leute verprügelt. Das ist ja auch einfach: eine durchgeknallte Verrückte zu spielen, was kann man da falsch machen? Alles! Wie Jared Leto beweist („Dallas Buyers Club“ – 2013; „Lord of War“ – 2005; Panic Room – 2002; „Requiem for a Dream“ – 2000; American Psycho – 2000; Durchgeknallt – 1999; Fight Club – 1999; Düstere Legenden – 1998; Ein amerikanischer Quilt – 1995).

Jared Leto versemmelt die Joker-Rolle

Jared Leto hat einen Gastauftritt als Joker. Der Joker gilt seit den späten 1980er Jahren, als Jack Nicholson ihn unter Tim Burtons Regie zur Inkarnation aller durchgeknallten Schurken machte und damit steinreich wurde, und erst recht nach Heath Ledgers außergwöhnlicher Performance 2008, als die Fünf-Sterne-Rolle unter den Schurkenfiguren – was dem Bühnenschauspieler das Sein oder Nichtsein, ist dem zeitgenössischen Filmschauspieler das Ha-Ha-Haaa. Statt nun aber Eigenes für diese Figur zu entwickeln, spielt Jared Leto den Joker, als wolle er Heath Ledger karikieren, der den Joker spielt. Nicholson spielte einen Irren. Ledger war ein Irrer. Leto spielt einen Verrückten, der einen Verrückten spielen möchte. Leto krächzt, ächzt und stöhnt seine Sätze heraus, reißt seinen Mund auf und faucht. Das hat viel mit dem zu tun, was ich Drehbuch kaum nennen kann. David Ayer hat dem Joker eine Kunstsprache auf den Mund geschrieben, die an einen notgeilen Einstecktuch-Schuren aus der Vorabend-Soap des deutschen Fernsehens erinnert, nicht aber an den nihilistischen Killer, der der Joker ist.

Es ist zu viel der Liebesmühe, die ich in die letzten drei Absätze gesteckt habe. Mehr Liebesmühe, als Ayer in seinen ganzen Film investiert hat. Der ist am Anfang noch ganz unterhaltsam, aber als das nächtliche Geballer im Regen dann einfach kein Ende mehr nimmt, lässt mein Interesse doch bald nach – wohl auch, weil David Ayer weder beim Script schreiben noch auf dem Regiestuhl Interesse für die Figuren aufgebracht hat. Diese Suicide Squad ist ein lautes, grau-buntes Nichts.

Wertung: 2 von 8 €uro
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