IMDB

Plakatmoriv: Fast & Furious – Hobbs and Shaw

Die Nebenlinie eines Franchise.
Ebenso spaßig wie fragwürdig.

Titel Fast & Furious: Hobbs & Shaw
(Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw)
Drehbuch Chris Morgan + Drew Pearce
mit Charakteren von Gary Scott Thompson
Regie David Leitch, USA 2019
Darsteller

Jason Statham, Dwayne Johnson, Idris Elba, Vanessa Kirby, Helen Mirren, Eiza González, Eddie Marsan, Eliana Sua, Cliff Curtis, Lori Pelenise Tuisano, John Tui, Joshua Mauga, Joe Anoa'i, Rob Delaney, Alex King u.a.

Genre Action
Filmlänge 137 Minuten
Deutschlandstart
1. August 2019
Website upig.de/fast-furious-hobbs-shaw
Inhalt

Ein Virus ist in Umlauf. Tödlich. Gruslig, es lässt seine Opfer von innen heraus zerfließen, bis nur noch ein Brei übrig ist. Hattie Shaw hat ihn gestohlen, offensichtlich, und konnte einem weiteren Interessenten nur entwischen, indem sie sich das Virus infiziert. Ihr bleiben 72 Stunden.

Hattie Shaw ist die Schwester von Ex-Elitesoldat Deckard Shaw. Die beiden haben sich seit Jahren nicht gesehen, sind heillos zerstritten; beider Mutter sitzt noch für vier Jahre im Gefängnis. In Los Angeles erhält Bundesagent Luke Hobbs den Auftrag, Hattie zu finden und das Virus sicherzustellen. Es bleibt nicht aus, dass er in London schnell Deckard Shaw gegenübersteht. Es folgen wüste Beschimpfungen, ein Schwanzvergleiche und Schlagfertigkeitswettbewerb – die beiden haben sich noch nie gemocht.

Die beiden finden Hattie, erfahren, dass sie sich das Virus gespritzt hat und lernen schnell, dass da noch eine weit größere Gefahr lauert: Brixton. ein ehemaliger Agent, der seine Leute verriet, sich dafür von seinem damaligen Best Buddy Deckard Shaw drei Kugeln einfing – „Zwei in die Brust, eine in den Kopf. Wie wir es gelernt haben.“ – sich von einem geheim agierenden Konzern genetisch und kybernetisch aufmotzen ließ, jetzt ein scheinbar unschlagbarer Gegner ist, der sich als „Black Superman“ feiert, und der Hattie jagt, um an das Virus zu gelangen.

Allein haben weder Hobbs noch Shaw eine Chance gegen ihn und so bleibt den beiden Widersachern wenig übrig, als sich gemeinsam in den Kampf zu stürzen …

Was zu sagen wäre

Hobbs hat seine größte Herausforderung noch vor sich. Zwar haben er und Shaw zum letzten Drittel des Films einen Achtungserfolg gegen den Anarchoterroristen Brixton erzielt, haben Hattie befreit und das Virus gesichert. Aber jetzt müssen sie es vor dem hochgezüchteten Terroristen in Sicherheit bringen und ein Gerät reparieren lassen, dass das Virus aus Hatties Körper wieder extrahieren kann. Und das geht nur auf Samoa, beim besten Techniker, den Hobbs kennt.

Nun gut: Hobbs ist Agent der US-Regierung und sollte – glauben wir zahllosen Hollywood-Filmen und -Serien – im US-Geheimdienst den ein oder anderen brillanten Techniker finden. Aber dies ist ein Fast-&-Furious-Franchise und darin geht es immer um Family Values. Also lebt der beste Techniker, den Hobbs kennt, der einzige, der Hattie von diesem Virus erlösen kann, auf Samoa und ist … Hobbs' Bruder, den er seit 25 Jahren nicht gesehen hat, weil er damals abgehauen ist, nachdem er … ach egal; nach Shaw muss halt auch Hobbs' Familie endlich gefunden und wiedervereinigt werden. Und da entwirft der Multimillionen-Dollar-Actioner dann ein Samoa, das aussieht, wie ein Zurück-zum-Früher-in-Wanne-Eickel.

In diesem Samoa hat eine resolute Mutterfigur, die kinomäßig traditionell übergewichtig und asexuell die Einhaltung der althergebrachten Regeln überwacht, alle automatischen Waffen verbannt. Heißt: Die Helden werden sich mit traditionellen Schlag- und Stichwaffen gegen den technisch überzüchteten Feind zur Wehr setzen und – wir spoilern da nicht wirklich – gewinnen. Zurück zur Natur, könnte man sagen. Oder auch Weg mit dem fremden High-Tech-Kram. In der Ideologie, die auf der Meta-Ebene dieses Films mitrollt, steckt identitäres und nationalistisches Gedankengut.

Die Schwäche dieses als Kinofilm getarnten Actionspielplatz' offenbart sich aber erst, wenn auffällt, dass diesem Werk ein Drehbuch zugrunde liegt und nicht etwa nur die Choreografie eines Stuntkoordinators – also, wenn die Menschen miteinander sprechen. Vor dem Film war es witzig, als meine Kinobegleitung sich wundert, dass der Film 137 Minuten dauern soll, wo doch der Trailer schon das Wesentliche gezeigt habe; was denn da noch kommen solle? Nun: Viel Dialog aus der „Wir dürfen die Hoffnung niemals aufgeben. Wir finden eine Lösung“-Schublade, in der Helden ihr schlechtes Gewissen eincremen, das sie haben, weil sie mal das Richtige getan haben, das aber falsch, und die vor dem Bossfight im Finale in den Sonnenuntergang starren und sich versichern, dass sie den Sonnenuntergang morgen – nach dem Bossfight – auch noch erleben werden; und wer wollte daran zweifeln, wo sich beide doch gerade geküsst haben?

In den Dialogen dieses Films klingelt das Mittelmaß der zahllosen TV-Serien nach, die die Welt in den vergangenen Jahren geflutet haben; ein Mittelmaß, dass einem Riesling umspülten TV-Zuschauer auf der Couch als echte Emotion verkauft werden kann, das im Kino aber unfassbar albern klingt. Unrealistisch. So unrealistisch, wie alles andere an diesem Film. Und damit sind wir beim Spaß!

Das Fast-&-Furious-Franchise war noch nie ein Vertreter gehobener Filmkunst. Und Dialoge kann Quentin Tarantino sicher besser (dessen 9. Film ja in einer Woche startet). „Fast & Furious“ ist dafür bekannt, gehobene Action unterhaltsam zu verpacken. Das macht der Film gut. Ideologie-verliebt könnte man sagen, er behandelt als Thema den Kampf des Menschen gegen den Übermenschen – hier dargestellt durch den kybernetisch aufgemotzten Idris Elba –; den des Bürgers gegen die drohende Machtübernahme durch eine Künstliche Intelligenz. Die Figur der Hattie Shaw mag eine typische Vertreterin von Männern geschriebener Frauenfiguren sein, die sich sofort in den 15 Jahre älteren Muskelberg Hobbs verguckt, aber was soll's? Das Franchise war auch immer ein Produkt für pubertierende Jungs jeden Alters. In ein solches fügt sich Vanessa Kirby (Mission impossible: Fallout – 2018; „The Crown“ – ab 2016), zwar mit etwas aufdringlichem Lidstrich, aber perfekt um sich schlagend, gut ein.

Unklar ist, warum das Franchise diese Nebenlinie entwickelt. Warum diese Story – mit leichten Anpassungen beim Personal – nicht auch als „Fast & Furious 9“ hätte gedreht werden können, bleibt offen. Es gab 2016 bei den Dreharbeiten zu Fast & Furious 8 offenbar Krach zwischen Co-Produzent und Hauptdarsteller Vin Diesel und Weltstar-to-be Dwayne Johnson wegen unterschiedlicher Auffassungen, was Disziplin am Set betrifft. Der Hollywood Reporter berichtet, es habe da, weil Diesel die Crew wiederholt warten ließ, einen – längst wieder gelöschten – Instagram-Post gegeben, in dem Johnson Diesel deutlich kritisiert. Erste Erkenntnis danach: Offenbar sind die Family Values dieses Franchise nicht nur behauptet: Die Crew war sauer auf Weltstar-to-be Johnson, dass der das öffentlich machte. Zweite Erkenntnis: Johnson ist heute (und war auf dem Weg dorthin auch schon 2016) der Kinokassenmagnet Nummer Eins in Hollywoods Männer-Liga – Filme mit ihm holen das meiste Geld. Johnson also einfach zur Seite schubsen könnte im gewinnorientierten Moviebusiness kontraproduktiv sein. Vielleicht gibt es deshalb diese Nebenlinie. Produzent Hiram Garcia jedenfalls erzählt nun auf dem roten Premierenteppich, dass er den Weg des Marvel Cinematic Universe eben anders herum beschreite: „Sie haben mit ihren Spin-offs begonnen und landeten bei den Avengers, wir haben mit unseren Avengers in Fast & Furious angefangen und nun beginnen wir damit, auszugliedern.

Jedenfalls ist „Fast & Furious 9“ fest für April 2020 eingeplant. Ob mit oder ohne Johnson ist noch unklar. Die Episode aber bietet einen Einblick, wie das Business in Hollywood tickt und arbeitet. Der vorliegende Film baut allerlei neue Figuren ein und auf – was eher vermuten lässt, dass die Produzenten künftig eine Vin-Diesel-Linie und eine Dwayne-Johnson-Linie verfolgen.

Sinnvoll erscheint es daher, mehr Intelligenz in die Bücher zu legen. Tatsächlich ist „Hobbs & Shaw“ mit 137 Minuten zu lang. Ryan Reynolds zum Beispiel hat eine – seinem derzeitigen Star-Status unangemessen – kleine Rolle, die nichts bringt, die eher für später was aufbaut. Sein Charakter des CIA-Mannes Locke bremst immer dann, wenn der Actionfilm gerade Fahrt  aufnimmt. Es geht da auf der Meta-Ebene ja auch immer um einen dunklen Konzern, der die Weltherrschaft anstrebt, indem er – mit diesem mysteriösen Virus – die Schwachen unter den Homo Sapiens auslöscht und die Würdigen kybernetisch optimiert – „Willkommen in der Evolution!“ raunt Cyberterrorist Brixton und will dann die Welt von „Kapitalismus, Umweltkatastrophen und Terrorismus befreien“. Auch ein paar dieser Kerlesprüche-Schlachten zwischen Hobbs und Shaw, die seit F&F7 zur Grundausstattung des Franchise gehören, entwickeln eine Eigendynamik, die dem Film nichts bringt und den Zuschauer – zumindest der deutschen Fassung – bald anödet. Ein von seinem Job frustrierter Sky-Marshall, der von der Rückkehr in ordentliche CIA-Action träumt, taucht auf, bremst den Film runter auf Null, nur damit das Script später erklären kann, wie die Helden aus der Ukraine nach Samoa geflogen sind – als hätten sich jemals um solch nebensächliche Logik die Autoren oder die Zuschauer gekümmert; wenn Shaw mit einem beliebigen IT-Gadget jederzeit irgendwo auf der Welt Hochsicherheitscomputer hacken kann, ist die Frage, wie er von A nach C kommt, eher unbedeutend.

Ohne all den nur vermeintlich wichtigen Quatsch würde der Film wahrscheinlich 120 Minuten dauern. Und er wäre noch spaßiger. Gelangweilt habe ich mich nicht. Auch wenn die Action nach einer grandiosen Auto-Motorrad-Jagd durch London Ende des ersten Drittels eigentlich nicht mehr gesteigert wird.

Wertung: 5 von 8 €uro
IMDB