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Plakatmotiv: Halloween (2018)

Ein ansprechende Geisterbahnfahrt
mit einem ausgelutschten Triebtäter

Titel Halloween
(Halloween)
Drehbuch Jeff Fradley + Danny McBride + David Gordon Green
mit Charakteren, erfunden von John Carpenter und Debra Hill
Regie David Gordon Green, USA 2018
Darsteller

Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak, James Jude Courtney, Nick Castle, Haluk Bilginer, Will Patton, Rhian Rees, Jefferson Hall, Toby Huss, Virginia Gardner, Dylan Arnold, Miles Robbins, Drew Scheid, Jibrail Nantambu u.a.

Genre Horror
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
25. Oktober 2018
Website halloweenmovies.com
Inhalt

40 Jahre sind vergangen, seit Michael Myers in der halloweennacht sechs Menschen ermordet hat. Seitdem sitzt er im Hochsicherheitstrakt einer psychatrischen Anstalt. Die Geschehnisse von damals sind außerhalb diedser Welt zu kriminalhistorischen Fußnoten geschrumpft. Nur nicht für laurie Strode.

Lauries Leben ist ein Trümmerhaufen. Zwei gescheiterte Ehen, das Sorgerecht für Tochter hat sie verloren, weil sie als „Psychotante“ gilt, die fest damit rechnet, dass Michael Myers dereinst zurückkehren wird. Zu ihrer Enkelin Allyson hat Laurie sporadischen Kontakt – da Mom über Grandma immer schimpft, muss die Oma cool sein.

Laurie hat sich ein Hochsicherheitshaus im Wald gebaut, mit Kameraüberwachung, Flutlichanlage, zig Schlössern, einem Panic Room und einer großen Waffenkammer. Das war kein Fehler.

Am Abend vor Halloween gelingt Michael Myers die Flucht aus der geschlossenen Anstalt. Er kehrt nach Haddonfield zurück und bald pflastern Leichen seinen Weg …

Was zu sagen wäre

Für die Marketingstrategen des Filmstudios ist diese Idee natürlich unwiderstehlich: Nachdem die Halloween-Reihe mittlerweile so tot ist wie der Friedhof von Chicago, erklären John Carpenter und Jamie Lee Curtis als Executive Producers alle sieben Fortsetzungen, die es seit 1981 gegeben hat, für nicht erzählt (die Neuverfilmungen ab 2007 zählen ohnehin nicht) und ihren neuen Halloween-Film zum echten zweiten Teil. Da ist zwar die Michael-Myers-mit-dem-Küchenmesser-Figur nicht weniger ausgelutscht, als in jenen immer blasser gewordenen Fortsetzungen, aber man kann nochmal an alte Zeiten erinnern – hat vor 20 Jahren ja schon mal so ähnlich mit H20 funktioniert.

40 Jahre sind vergangen und Laurie Strode ist als „Psychotante“ verschrieen, hat zwei geschiedene Ehen hinter sich, das Sorgerecht für ihre Tochter verloren, und lebt in einem selbst entworfenen Sicherheitshaus. Laurie wird gespielt wieder von Jamie Lee Curtis („Freaky Friday“ – 2003; Halloween: Resurrection – 2002; Der Schneider von Panama – 2001; „Virus – Schiff ohne Wiederkehr“ – 1999; Halloween H20 – 1998; Wilde Kreaturen – 1997; True Lies – Wahre Lügen – 1994; „Forever Young“ – 1992; „My Girl – Meine erste Liebe“ – 1991; „Blue Steel“ – 1990; „Ein Fisch namens Wanda“ – 1988; „Perfect“ – 1985; Die Glücksritter – 1983; Halloween 3 – 1982; Halloween 2 – Das Grauen kehrt zurück – 1981; „Prom Night – Die Nacht des Schlächters “ – 1980; The Fog – Nebel des Grauens – 1980; Halloween – Die Nacht des Grauens – 1978). Sie hat ihren Strickpullover-und-Kniestrümpfe-Backfisch von 1978 in eine grauhaarige, vom Leben geschlagene Unverstandene mit Rambo-Tick verwandelt.

Auch Michael hat 40 Jahre gewartet, hat einen neuen, ihm sehr zugewandten Psychater, und bricht pünktlich zu Halloween wieder aus. 40 Jahre sind eine lange Zeit. Die Babysittermorde von Haddonfield locken niemanden mehr so recht hinterm Ofen hervor. Ja, klar, sechs Tote sind irgendwie 'ne Nummer, sagt ein Teenager zu Lauries Enkelin Allyson, aber heutzutage, nach all den Amokläufen wären ja sechs Tote auch nicht mehr was, wo man 40 Jahre lang Psycho bleiben müsse. Die Morde von Haddonfield sind heute Stoff für Kriminalseminare und einen Podcast, für den zwei junge, engagierte Reporter Michael Myers in seiner Hochsicherheitsklinik besuchen und versuchen wollen, ihn nochmal mit Laurie zusammenzubringen – vielleicht könne man ja „nochmal über alles reden“.

Mit dem Begriff des „absolut Bösen“, mit dem Psychater Loomis Michael Myers damals belegt hat, möchten die aufgeklärten, modernen Menschen nichts zu tun haben; es muss eine rationale Erklärung für Michaels Verhalten geben. Michaels neuer Psychater ist verzweifelt auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, was Michael triggert, was ihn treibt, denn dass er zwar in der Klinik starr und stumm bleibt, heißt nicht, dass er nicht genau wahrnähme, was um ihn herum geschieht. Und tatsächlich verliert man während seines baldigen Mordens zwischendurch den Überblick, wen er eigentlich warum tötet – oder warum er ein quäkendes Laufstallbaby nicht antastet.

Plakatmotiv: Halloween (2018)Vor 40 Jahren war das noch überschaubarer; die familiären Bande, die die Fortsetzungen damals zwischen Laurie und Michael erzählten, sind zwar gestrichen, dennoch waren die Teenager im Original von 1978 irgendwie verbunden. Heute gibt es wenigstens zwei Morde, die keinen Sinn ergeben, es sei denn die, dem Teenager recht zu geben, der sagt, dass sechs Tote doch jetzt eigentlich nicht so schlimm sind. Sechs Tote schafft Michael in den ersten zehn Filmminuten nach seinem Ausbruch. Denn das hat ihn ganz offensichtlich getriggert: die 40 Jahre sind ihm wichtig. Logischer wären im Alltag ja die traditionellen 50 Jahre – aber so lange wollten die Produzenten mit ihrer Neu-Neuauflage wahrscheinlich nicht warten – Jamie Lee Curtis ist dann ja jetzt auch schon 60 Jahre alt.

Also läuft Michael Myers mit seiner Maske eben nach 40 Jahren wieder durch das beschauliche Haddonfield, in dem sich wenig verändert hat – von einem kaputten, von Arbeitslosigkeit verseuchten Haddonfield, wie es Rob Zombie vor elf Jahren in seiner Neuauflage des Originals erschuf, ist hier nicht mehr die Rede.

Die Eltern gehen ihren Berufen nach, machen sich Sorgen um ihre in die Pubertät gekommenen Kinder, die wiederum vor allem scharf auf Party, Alkohol und Sex sind. Nach Michaels Flucht aus der Anstalt beginnt sein Morden an einer Tankstelle mit Toilettenräumen, deren Unsauberkeit wir im Kino riechen können. Hier kommt es zum besten Nägelbeißer des Films – alles was folgt, ist ordentliches Handwerk, keine Raffinesse.

Es folgen einfache Morde, die wir nur höen und das Ergebnis dann kurz sehen, und solche, die ganz unappetitlich sind; einige zitieren auch liebevoll das Original – wie der Film vor allem von seinen Zitaten am Laufen gehalten wird. Denn es ist schon so: Die Story bleibt ausgelutscht, der Film funktioniert über seine effektive Inszenierung als Geisterbahn für die nicht ganz so taffen Zuschauer. Ausgestellter Innereien-Splatter, wie wir ihn aus Saw oder „Hostel“ kennen, die einst angetreten waren, die Halloween-Filme zu beerben, bleibt uns erspart; auch da zitiert David Gordon Green (Die Wahlkämpferin – 2015) John Carpenters Original, das gruselige Bilder hatte, aber kaum expressive Mordszenen.

Der Kleiderschrank mit den Lamellen, in dem sich Laurie einst versteckte, spielt eine Rolle; Lauries altes Familienhaus steht als Puppenstubenmodell im Schlafzimmer und die legendäre erste Kamerafahrt 1978, in der wir aus Michaels Augen erleben, wie er in sein Haus eindringt und seine Schwester tötet, findet hier eine tiefe Verbeugung, während der dann auch die beiden unerklärlichen Morde geschehen. P.J. Soles, die als barbrüstige Teenager-Blondine vor 40 Jahren im Bett abgestochen wurde, hat einen kurzen Gastauftritt als Lehrerin, Nick Castle streift sich wieder die Maske über, Jamie Lee Curtis lässt sich wieder jagen – Halloween 2018 hat was von einem herzlichen Familientreffen.

Aber vor all diesen Verbeugungen vor dem Original hat David Gordon Green die Story seines Films schleifen lassen: Schon die Prämisse, dass Michael Myers nun ausgerechnet am 40. Jahrestag seiner Mordserie in einem Bus von einer Anstalt in die andere verfrachtet werden soll ist, naja, wahrscheinlich einer jener Zufälle, die es fürs Kino halt braucht. Dann verschwindet Allysons On/Off-Lover einfach aus der Geschichte, obwohl der vor allen anderen harmlos-lieben Opfern einen blutigen Abgang verdient hätte. Das Motiv des seinen Patienten insgeheim bewundernden Psychaters ist so ungefähr das älteste, das es in Filmen mit Psychatern gibt. Zweimal legt das Drehbuch Spuren, die später nicht mehr verfolgt werden – sowas geht im europäischen Erzählkino; im professionellen US-Kommerzkino ist das Zeitverschwendung, die Spaß mit der Erwartung verdirbt.

Diese Halloween-Version ist altmodischer als Rob Zombies erst elf Jahre alte Neuauflage. Und damit liebevoller. Denn was ist schon das absolut Böse, das in die graue Arbeitslosigkeit einfällt gegen das absolut Böse, das in fröhlich kreischende, bunte Kinderhorden einbricht. Gleichzeitig ist diese Version Top-of-the-Pops: Am Ende ist es die geballte Macht der Frauen aus drei Generationen, die dem Bösen (im Körper eines Mannes) den Garaus macht: Oma, Mutter und Enkeltochter.

Wobei … weiß man's? Wieder scheint Michael im letzten Bild nicht mehr da zu sein, wo er eben noch hingerichtet worden war. Und als der Abspann ausläuft, hören wir ihn hinter seiner Maske atmen. Das Böse mag ausgelutscht sein, bleibt aber ein ewiger Widergänger unter John Carpenters emblemischem Score, der auch nach 40 Jahren nichts von seiner Wucht verloren hat – und dessen Einfachheit, dessen Komplexität, dessen Schönheit, dessen Drive, dessen geniale Einzigartigkeit kein Marketingstratege jemals auch nur angedacht hätte.

„Halloween“, egal in welchem Jahrzehnt, ist längst vor allem dieser Score.

Wertung: 5 von 8 €uro
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