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Kinoplakat: Das Kabinett des Doktor Parnassus
Ein Bunter Teller voller CGI, eine
verlorene Story aus dem Einerlei
Titel Das Kabinett des Doktor Parnassus
(The Imaginarium of Doctor Parnassus)
Drehbuch Terry Gilliam + Charles McKeown
Regie Terry Gilliam, UK, Kanada, Frankreich 2009
Darsteller Andrew Garfield, Christopher Plummer, Lily Cole, Heath Ledger, Tom Waits, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell, Richard Riddell, Katie Lyons, Richard Shanks, Verne Troyer, Bruce Crawford, Johnny Harris, Lorraine Cheshire, Mark Benton, Lewis Gott, Sian Scott, Simon Day, Moya Brady u.a.
Genre Abenteuer
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
7. Januar 2010
Inhalt

Alles begann vor vielen vielen Jahrhunderten, als Parnassus in den Bergen mit seinen Geschichten dafür sorgte, dass das Leben, dass der Lauf der Welt weiterging. Bis eines Tages Mr. Nick auftauchte, der Teufel persönlich, Parnassus' Geschichtenerzählern den Mund verklebte und diesem die Sinnlosigkeit seines Glaubens vor Augen führte; und ihm dafür eine Wette anbot, die Parnassus gewann.

Der Preis war die Unsterblichkeit. Aber Parnassus hatte nicht auf „Unsterblichkeit in jugendlicher Schönheit” bestanden, also wurde er immer älter. Und so verliebte er sich eines fernen Tages in eine junge schöne Frau und Mr. Nick bot ihm wieder einen Deal an. „Du bist wieder jung und darfst mit ihr leben. Aber jedes Kind, das ihr zeugt, gehört mir, sobald dieses 16 Jahre alt ist!”

London. 15 Jahre und 362 Tage später. Heute. Mit seinem modrigen, rostigen Varieté-Wagen rumpelt eine kleine Schaustellertruppe um den altersmüden Trinker Parnassus und dessen Tocher Valentina durch nasskalte Straßen, bietet einem desinteressierten Publikum „Die Gedankenwelt des Dr. Parnassus” an. Keiner will das mehr sehen heutzutage. An einer Brücke retten sie einem Erhängten das Leben. Er hat das Gedächtnis verloren und wird spontan von Valentina in ihr Herz geschlossen. Sie träumt von einem bodenständigen Leben mit Mann und Kind und hofft, dass dieser Mann, Tony, der Schlüssel dazu ist. Parnassus vermutet in ihm einen Handlanger von Mr. Nick, der jedoch jede Verbindung mit Tony zurückweist.

Mr. Nick bietet Parnassus jedoch eine weitere Wette an, um Valentina zu retten: Wer bis zu ihrem 16. Geburtstag – in drei Tagen – fünf Seelen für sich gewinnen kann, soll Valentina besitzen. Was bleibt Parnassus anderes übrig? Zumal sich Neuling Tony als hervorragender Besuchermagnet eignet, der schnell die ersten zahlenden Besucher in Parnassus' Gedankenwelt lotst.

Diese Gedankenwelt betritt der Besucher durch einen Spiegel und sieht sich ahnungslos mit seiner eigenen Wunschwelt konfrontiert, in der er – mühsam – seine Träume erklimmen kann, oder – einfach – schneller Verlockung folgt. In diesem Fall verfällt seine Seele dem Teufel. Schnell hat Tony für Parnassus vier Seelen auf seine Seite gezogen. Noch schneller hat Mr. Nick, der Tonys wahre Geschichte kennt, vier Seelen auf seine Seite gezogen.

In den Straßen Londons und der Gedankenwelt des Dr. Parnassus entbrennt der Kampf um Valentinas Seele …

Was zu sagen wäre

So einen Film kann nur nur Terry Gilliam („The Brothers Grimm” – USA, UK 2005; „Angst und Schrecken in Las Vegas” – USA 1998; „12 Monkeys” – USA 1995; „König der Fischer” – USA  1991; „Brazil”, UK 1985) machen. Oder Tim Burton - der mit „Big Fish” (USA 2003) eine ähnlich opulent bebilderte Geschichtenerzähler-Geschichte in die Kinos brachte. In Zeiten des digitalen Bildersturms der Pixelgeneration ist es allerdings bezeichnend, dass der spannendste Spezial-Effekt die rumplige Varieté-Kutsche ist, die im altmodischen analogen Hochbau in echt durch nasskalte Londoner Straßen wackelt. Die knallbunten Bilderwelten aus Parnassus Imaginarium bleiben dagegen beliebig und austauschbar.

Ein Regisseur und sein digitaler Farbeimer

Als die Dreharbeiten im Dezember 2007 in London begannen, hat Gilliam offenbar vor dem digitalien Farbeimer gestanden, wie das Kind vor dem vollen Weihnachtsteller und einfach mal ordentlich zugegriffen. Die surrealen Zerrwelten, die er schuf sind bunt, mal weit, mal eng, mal einfach nur Boah-guck-mal-was-mit-CGI-alles-geht, aber sie sind an keiner Stelle zwingend, kaum einmal haben sie mit den Personen zu tun, die sie betreten – es sei denn, man reduziert die Wünsche eines Pummel-Jungen auf Zuckerstangen und Eiscrème und die erwachsener Frauen auf Schuhe. Aber natürlich hatte Terry Gilliam eigentlich ein anderes Problem.

Während der Dreharbeiten starb Heath Ledger („Brokeback Mountain” – USA 2005; „The Brothers Grimm” – USA 2005; Monster's Ball – USA 2001; Ritter aus Leidenschaft – USA 2001), der den erinnerungslosen Tony gibt. Die Szenen mit Ledger in der Gegenwart Londons waren fast fertiggedreht, es fehlten jene mit Ledger hinter dem Zauberspiegel. Am 24. Januar 2008 brach Gilliam die Dreharbeiten ab. Man entschloss sich, das Drehbuch umzuschreiben. Die Tonys hinter dem Zauberspiegel sollten von verschiedenen Darstellern gespielt werden, die sich in Stil und Kleidung Heath Ledgers Darstellung anpassten. Die Zuschauer erleben also Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrel, die Heath Ledger spielen, der einen Tony spielt.

Die Charaktere bleiben schemenhaft

Ledger selbst konnte wenig tun – wie schon häufiger bei Gilliam bleiben die Figuren gegenüber der bunten Phantasie-Welt zweidimensional und schemenhaft. Offenbar konnte Ledger, der eben erst seine komplexe Arbeit an „The Dark Knight” (USA 2008) beendet hatte, sich wenig auf diese Figur einlassen und so wirkt sein Spiel an vielen Stellen, als habe er die Maske des Jokers noch nicht abgelegt. Die vielen Tonys gaben der Story eine weitere Ebene innerhalb der Traumwelt, die aber – sieht man rein den Film – ebenso sinnleer blieb, wie die Gestaltung dieser Welten.

Am Ende bleibt von Gilliams Fantasy-Epos wenig hängen außer der Erkenntnis, dass, wer unsterblich ist, irgendwann Alkoholiker wird. Parnassus und der Teufel sitzen zusammen und frotzeln sich versöhnt an. Die Erzählungen, von denen es zu Beginn hieß, sie bewahrten die Welt vor ihrem Ende, retteten die Seelen der Menschen, schrumpeln am Ende zu einer Wette zweier gelangweilter Unsterblicher. Das ist zu wenig für Fantasy.

Die Weltpremiere des Films fand am 22. Mai 2009 auf dem Film Festival in Cannes statt.

Wertung: 3 von 6 €uro
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