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Plakatmotiv: Yesterday

Ein Märchen über den Kampf gegen
das seelenlose Monster Popmusik

Titel Yesterday
(Yesterday)
Drehbuch Jack Barth + Richard Curtis
Regie Danny Boyle, UK, USA 2019
Darsteller

Himesh Patel, Lily James, Joel Fry, Kate McKinnon, Ed Sheeran, Sophia Di Martino, Ellise Chappell, Meera Syal, Harry Michell, Vincent Franklin, Robert Carlyle, Justin Edwards, Sarah Lancashire, Michael Kiwanuka, Karma Sood, Gus Brown, Sanjeev Bhaskar, Karl Theobald, Alexander Arnold, Dominic Coleman u.a.

Genre Musik, Komödie
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
11. Juli 2019
Website yesterdaymovie.com
Inhalt

Er hatte ja seine Karriere schon an den Nagel gehängt, weil auch er schließlich erkannt hat, dass sein Talent als Singer-Songwriter lediglich für die kleine Kneipe reicht, niemals aber für ein Album oder eine große Konzertbühne – streng genommen reicht es gerade für Ellie, seine Freundin aus Kindheitstagen, heute seine Managerin, Roadie, Fahrerin, und im Hauptberuf eigentlich Mathematiklehrerin, die unbeirrbar an sein Talent glaubt.

Mit 27 Jahren steht Jack Malik also wieder am (beruflichen) Anfang. Und als er sich also entschieden hat, zurück in den Lehrerberuf zu gehen, geht auf der ganzen Welt für zwölf Sekunden das Licht aus und wird Jack vom Bus angefahren. Jack wird schwer verletzt, schlägt sich zwei Zähne aus. Gleichzeitig hat aber während dieses Stromausfalls das Weltgedächtnis Schaden genommen; gewisse Dinge sind aus der Historie gelöscht. Sucht man im Internet nach Coke oder Tabak oder Harry Potter, landet man bei Drogenbaronen, technischen Geräten und Persönlichkeiten aus lange zurückliegenden Kriegen. Sucht man nach den Beatles, landet man beim Hirschkäfer (Beetle) und beim VW-Käfer (engl. Beetle). Keinesfalls bei John, Paul, George und Ringo. Denn die hat es seit dem 12-sekündigen Stromausfall nie gegeben.

Nur Jack erinnert sich an die Band und ihre zahlreichen Megahits. Als er nach seinem Unfall im privaten Kreis Yesterday begleitet auf seiner Akustikgitarre vorstellt, denken seine Freunde, er hätte den Song geschrieben. Auch bei Hey Jude und Let It Be glauben Freunde und Familie, diese Lieder stammten von ihm. Jack, der erfolglose Musiker ohne Ausstrahlung, lebt plötzlich in einer Welt ohne die Welthits der Beatles. Viele der Songs kann er auswendig spielen und baut sie nach und nach in seine Kneipen-Gigs ein; bei Eleanor Rigby und Penny Lane hat er Schwierigkeiten, die Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Ed Sheeran, der weltberühmte Singer-Songwriter, wird auf ihn aufmerksam und heuert ihn als Vorgruppe für seinen Auftritt in Moskau an, wo Jack mit Back in the USSR den Saal zum Kochen bringt. Sheerans Produzentin Debra Hammer holt Jack nach Los Angeles, um mit ihm weitere Songs aus dem Beetles-Repertoire zu produzieren.

Sukzessive baut Debra ihren neuen Schützling zum großen Songwriter und Musiker auf, nicht uneigennützig; sie spricht offen davon, dass sie mit ihm vor allem viel Geld verdienen möchte.   Dabei ist Jack von diesem Weg gar nicht so überzeugt, zumal, als ihm bei einer Pressekonferenz eine Frau signalisiert, dass sie sich wie er an die Beatles erinnert. Das verstärkt sein schlechtes Gewissen und seine Albträume darüber, enttarnt zu werden. Außerdem vermisst er Ellie, die als bester Kumpel immer an seiner Seite war. Der war die Kumpelrolle aber immer schon zu wenig, wie sie Jack gesteht, als der gerade als Popstar durchstartet ...

Was zu sagen wäre

Was für eine hübsche These: Die Beatles hat es nie gegeben, Let it be, All You need is Love oder Sgt. Pepper's lonely Hearts Club Band wurden nie gehört. Was für lahme Radioprogramme müssen das sein, in denen nur Lieder gespielt werden können, die nicht von den popmusikalisch größten Influencern des 20. Jahrhunderts inspiriert worden sind. Das wäre mal eine Recherchearbeit für seriöse Musikmagazine wie "Musikexpress" oder "Rolling Stone".

Danny Boyle und seine Autoren Jack Barth und Richard Curtis reduzieren die Beatles in ihrem Film zu Lieferanten eingängiger Tonfolgen und Melodien, die sich, so ihre Behauptung, auch im heutigen heiß drehenden Popmusikmarkt durchsetzen würden. Zeitlose Qualität also, kann man sagen. Damit beleidigen sie die Popmusik im Allgemeinen und die Beatles im Besonderen. Auf den ersten Blick. Weil sie ignorieren, dass zum Erfolg – oder Nicht-Erfolg – eines Popsongs dessen Entstehungszeit, gesellschaftliches Umfeld, die Authentizität seiner Komponisten/Interpreten gehören, also Herkunft und Erlebtes der Singer-Songwriter. In Boyles Film sind Popsongs artig arrangierte Klingeldingelschmusehits, deren Inhalt völlig egal ist. Nicht nur die modernen Popsongs. Sondern auch die Klassiker der Beatles.

Das heißt – Stopp! Gerade übertreiben wir. Es ist nicht Danny Boyles, Richard Curtis' und Jack Barths Aufgabe, die musikhistorische Einordnung eines Pop-Phänomens vorzunehmen. Ihre Was-wäre-wenn-Prämisse ist Auftakt für ein Märchen: Es war einmal eine Welt, in der niemand rauchte und niemand die Beatles kannte und sich ein Junge und ein Mädchen nicht trauten, sich ihre Liebe einzugestehen. Und im Folgenden erzählt dieses Märchen nun, was die beiden jeweils lernen müssen, um doch zueinander zu finden.

Die Musik der Beatles unterstreicht den Gute-Laune-Faktor, der den Film begleitet. Sie ist der MacGuffin für die Liebesgeschichte; Jack könnte auch ein Fake-News-Reporter sein, der erst lernen muss, was Wahrhaftigkeit bedeutet, bevor seine Liebste ihm ihr Herz öffnet. Er könnte, wie so oft, der Büro-Bully sein, der erst lernen muss, dass es auf die inneren Werte ankommt, nicht auf Muskeln. Hier ist er halt der Typ, der vortäuscht, die Beatles-Hits geschrieben und komponiert zu haben und jetzt zwischen wahrer Liebe und Welterfolg entscheiden muss. Daraus ziehen die Macher Nektar und erzeugen Gänsehautmomente. Nicht der zeithistorische, gesellschaftliche Kontext der Beatlemania steht im Zentrum; da steht die Romanze, was bei einem Autor wie Richard Curtis auch nicht überrascht (“Mamma Mia! Here We Go Again" – 2018; Tatsächlich… Liebe – 2003; Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück – 2001; Notting Hill – 1999; Vier Hochzeiten und ein Todesfall – 1992).

Plakatmotiv: Yesterday (2019)Der Feind einer Romanze ist selten ein verlogen raffinierter Nebenbuhler. Im Allgemeinen sind es die Umstände. In Notting Hill waren es die unterschiedlichen Welten, aus denen die Liebenden kommen, in Harry & Sally (1989) die paarungstechnisch immer gerade nicht passenden Momente, in denen sich beide wieder treffen, in Casablanca (1942) der freiheitskämpfende Anti-Nazi-Status des anderen Mannes. In "Yesterday" ist es das kalte Gltzerbusiness der zeitgenössischen Popmusik, das im Kontrast steht zu Kleinstadtliebe. Jack plötzlicher Erfolg beißt sich mit Ellies Liebe zu ihren Schülern, die sie für Jack „nicht aufgeben will“, nicht als Anhängsel für die freien Momente eines Popweltstars. Das wirkt modern, lässt aber die Frage offen, warum diese moderne Frau nicht mal selbst die Initiativer ergriffen hat – wir leben ja nicht mehr in den 1960er Jahren.

Danny Boyle erzählt diese Geschichte mit gekonntem Rhythmus und schönen Bildideen. Um Jack musikalisch zu positionieren, sehen wir ihn bei einigen seiner Gigs vor traurig leeren Stuhlreihen, nur seine Freunde sind immer da und fordern den „Summer Song“, der so klingt, als habe ihn ein gitarrenkundiger Typ eben am Lagerfeuer zusammengeschrammelt; nein, Talent hat dieser Jack wirklich nicht. Wenn er seinen Eltern zum ersten Mal Let it be vorspielt, sind die höflich interessiert, unterbrechen ihn aber dauernd, holen sich einen Tee, es klingelt an der Tür, sie schwatzen mit dem Nachbarn – ein Welthit hat Premiere und niemand hört zu. Später sitzen Jack und Ellie im Hotelzimmer, der erste Kuss bahnt sich an; im Hintergrund flimmert der Fernseher weiß. Der Zuschauer fragt sich kurz, ob da in der Postproduktion vergessen wurde, digital ein Bild einzubauen. Dann macht Jack das licht aus, sie küssen sich – ein bisschen – und das weiße Licht schimmert wie Mondlicht. Schöne Idee. Und wenn Jack Ellie endlich seine Liebe gesteht, tut er das vor größtmöglicher Bühne, vor der zehntausend Handykerzen leuchten.

Der Prinz, vulgo: Held, gerät in die Fänge der bösen Schwiegermutter, die hier als blonde Hit-Produzentin Debra Hammer auftritt, hexenartig gespielt von Kate McKinnon. Ihr leuchten die Dollarzeichen deutlich im Auge. Sie macht keinen Hehl daraus, erklärt Jack unumwunden, dass seine Ausstrahlung langweilig sei, sein Aussehen unattraktiv und das, was er sage, auch nicht weiter interessant. Aber seine Hits hätten halt das Potenzial, das ihr eine weitere Villa an der Pazifikküste, ach was: gleich den ganzen Strand finanzieren würde.

Im Grunde ist das Nichtssagende ja der eigentlich Erfolgsgarant im modernen Pop – wo kein Inhalt, da kein Anecken, also bessere Vermarktung. Es ist bezeichnend, dass Debra Hammer all diese äußerliche Kritik nicht an ihrem anderen Klienten äußert, der ebenso langweilig aussieht, einsilbig textet und gerade deshalb erfolgreich ist – Ed Sheeran. Der ist im wahren Leben außerhalb des Kinosaals einer der erfolgreichsten Popkünstler seiner Dekade – ein Mann mit dem Image des Kumpels von nebenan mit zufällig lauter Number-One-Songs. Im Film ist er das auch. Den Job vor der Kamera als Schauspieler seiner selbst löst Sheeran dabei ordentlich. Schon viele Prominente sind an der Aufgabe gescheitert, in einem Spielfilm sich selbst zu spielen – selbst in viel kürzeren Szenen.

Spoiler Warnung

Sheeran bleibt in langen Sequenzen freundlich uneingebildeter Kumpel. Einmal forciert er im Film ein Komponisten-Duell zwischen sich und Jack. Und als Jack sich nach zehn Minuten Komponier-Zeit dann mit Long and Windig Road ans Klavier setzt, gibt sich Sheeran ohne Diskussion geschlagen und seufzt, Jack sei halt „Mozart und ich Salieri“. Es ist für den erfolgreichen (realen) Popstar sicher ein Leichtes, sich vor den Beatles zu verneigen. Sich im Film einem Nobody der Charts geschlagen zu geben, ist sympathisch und hilft nebenbei auch dem als akribisch und geschäftstüchtig geltenden Musikarbeiter Ed Sheeran in seiner weiteren Karriere im echten Leben.

Aber Sheeran ist auch eine clevere Wahl der Filmemacher, um eben doch einen Blick auf das gewandelte Popbusiness deutlich zu machen. Die rebellische Pose, das unentwegte Koksen, das früher unbedingt zum RockPop gehörte, überzeugt im Instagramzeitalter, wo sich jeder Höhlenmensch als Superstar inszeniert, niemanden mehr. Einfache Typen wie Sheeran, nett und gerade heraus, sind gefragt – so sie denn auch schöne Lieder schreiben. Wenn Sheeran in jemanden verliebt ist, singt er: „Ich bin so verliebt in dich“; und wenn es etwas mehr zur Sache gehen soll, singt er: „Ich liebe deine Figur.“ Schnörkelfrei, umspielt von unverschämt guten Melodien. Auch die Beatles sangen Let me hold Your Hand oder All You need is Love und stürmten mit Bläser-Arrangements und unverschämt Mitgröhl-tauglichen Melodien die Charts. Sie lieferten ihrer FlowerPowerPopUp-Ära 1967 aber eben auch die tiefsinnigen und surrealistischen Texte für Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band. Damals LSD-Rausch auf dem Sommer of Love, heute möglichst unprätentiöse, uninszenierte Gute Laune. Jack Malik mit seiner Art, die Beatles nicht zu interpretieren sondern einfach nachzusingen, ist mit deren unverschämt guten Melodien Ed Sheerans Zwilling.

Entsprechend gelangweilt sind die Medienvertreter im Film. Was soll man über den netten Kumpel von nebenan schon groß berichten? An dem neuen Popprinzen, den das Business gerade durchs Dorf treibt, haben sie wenig Interesse; er weiß ja nicht einmal selbst, was er da singt. Um Songs wie Penny Lane oder Strawberry Fields forever aus der Erinnerung niederschreiben zu können, muss Jack tatsächlich erst nach Liverpool reisen, um die Entstehung dieser Klassiker nachempfinden zu können. Bei Eleanor Rigby liefert er eine Version, in der die Strophen völlig durcheinander sind. Jack liefert das Hitpotenzial, nicht aber die Seele der Songs. Dass die Fans dennoch ausflippen, ist dem professionellen Marketing der blonden Produzenten-Schwiegermutter geschuldet, das ein White Album als „nicht divers genug“ nicht durchgehen lässt. Die Reporter jagen den Sänger erst, als die Wahrheit ans Licht kommt und damit eine große Story winkt. 

Verpackung vor Inhalt, so richtig wohl fühlt sich unser Held die ganze Zeit nicht, auch wenn der glitzernde Erfolg ihn zunehmend in Bann zieht. Niemand Geringerer als John Lennon führt ihn zurück auf den rechten Weg. Robert Carlyle, der schon als James-Bond-Gegner und als Held im britischen Working-Class-Movie Erfolge feierte, spielt ihn als Jesusfigur mit ergrautem Langhaar und Nickelbrille, der auf der Suche nach der großen Liebe die Weltmeere befahren hat und schließlich in einer Hütte am Meer sein Glück gefunden hat. Dieser Held aus Jacks Kindheit hat einen simplen Rat: „Sei nett. Und sei ehrlich, wo es geht!

Und kaum ist Jack, der Prinz, im verlogenen, auf Dollar schielenden Business also ehrlich, bricht das fünfsterneswimmingpoolscheinwerferbestrahlte Sonnenscheinleben in sich zusammen und beginnt die Liebe eines für seine Ehrlichkeit respektierten Mannes, der als Musiklehrer die Schüler seiner Kleinstadt unterrichtet und mit seiner wenig ambitionierten Prinzessin zwei Kinder in einer unscheinbaren Hütte am Strand groß zieht. Und wenn sie nicht gestorben sind …

Wertung: 6 von 8 €uro
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