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Plakatmotiv: Million Dollar Baby (2004)
Ein großes, reifes Alterswerk
eines Ausnahme-Regisseurs
Titel Million Dollar Baby
(Million Dollar Baby)
Drehbuch Paul Haggis
nach den Stories „Rope Burns“ von F.X. Tool
Regie Clint Eastwood, USA 2004
Darsteller Clint Eastwood, Hilary Swank, Morgan Freeman, Jay Baruchel, Mike Colter, Lucia Rijker, Brían F. O'Byrne, Anthony Mackie, Margo Martindale, Riki Lindhome, Michael Peña, Benito Martinez, Bruce MacVittie, David Powledge, Joe D'Angerio u.a.
Genre Drama
Filmlänge 132 Minuten
Deutschlandstart
24. März 2005
Inhalt

Frankie Dunn ist ein in die Jahre gekommener Boxtrainer, der viele junge Boxtalente durch sein Training zum Erfolg gebracht hat. Aber da sie ihn immer kurz vor dem großen Durchbruch für einen anderen Manager verlassen haben, konnte er letztlich nie am Ruhm teilhaben. Dazu kommt noch, dass er auch im privaten Bereich, im speziellen bei seiner Tochter, keine Erfolge verbuchen konnte. Sie will keinen Kontakt mehr mit ihm. So zweifelt er an vielen Entscheidungen, die er im Leben getroffen hat, und verzweifelt an sich selbst.

Als eines Tages die junge Boxerin Maggie, eine vom Leben nicht gerade verwöhnte Frau, die sich mit Kellnern über Wasser hält und deren einzige Leidenschaft das Boxen ist, bei Frankie nachfragt, ob er sie trainieren könne, hat er nicht gerade viel Lust dazu und lehnt ab. Doch nachdem er merkt, dass Maggie sich nicht von ihrem Traum abbringen lässt und sein Kumpel, der Ex-Boxer Eddie, der in Frankie Box-Club als Hausmeister arbeitet, ihm immer wieder gut zuredet, nimmt sich Frankie der jungen Boxerin an.

Er erkennt schnell, dass Maggie viel Talent hat und es noch weit bringen kann. Frankie nimmt sich vor, Maggie bis ganz an die Spitze zu bringen …

Was zu sagen wäre

Da ist etwas, wenn Hilary Swank den Sandsack prügelt. Ein Strahlen aus der Leinwand, wenn sie die Boxbirne bearbeitet? Sie hebt den Film schon über die Erwartung, wenn der noch genretypische Sportlerfiguren und-schicksale auffächert. „Million Dollar Baby“ wirkt zunächst, wie einer dieser Sporlerfilme über einen Underdog, der sich bis ganz nach oben durchbeißt, unterstützt von der melancholischen Stimme Morgan Freemans aus dem Off: „Beim Boxen geht es um Respekt“, sagt Freeman gleich zu Anfang, während Eastwoods Mann, schwer angeschlagen, seinen Gegner auf die Bretter schickt. Zwei Minuten später speist Frankie Dunn, der Trainer, Maggie Fitzgerald, die Boxerin, die sich als „ziemlich hart“ anpreist, ab: „Baby, hart sein reicht nicht!“ (Girly, tough ain't enigh!) Es geht als um Respekt in diesem Film, darum, ihn sich zu erkämpfen, darum ihn zu entrichten und darum, ihn nicht zu verlieren. Genrekino. Sportfilm.

Es ist aber auch ein Familiendrama. Ein Film über dysfunktionale, biologisch begründete Familien und funktionierende, loyale, durch das Schicksal zusammengeführte Menschen, die eine Ersatzfamilie bilden. Hier ist es die Männerwirtschaft aus Clint Eastwood und Morgan Freeman, zwei Uralt-Kumpel, die sich unentwegt beschimpfen, und ihren Schützlings Maggie, die „eines seit frühester Kindheit wusste: Sie ist Trash!“ Wenn Hilary Swank (11:14 – 2003; „Insomnia – Schlaflos“ – 2002; The Gift – Die dunkle Gabe – 2000; Boys Don't Cry – 1999) als unerschütterlich optimistische Maggie Fitzgerald ihren „Boss“ Frankie Dunn anstrahlt, glüht die Leinwand – eine der schönsten Filmpaarungen, die ich in vielen Jahren gesehen habe, und das ganz ohne, dass Eastwood der jüngeren Frau an die Wäsche darf; ein Umstand, der in bisherigen Filmen immer noch häufig zu besichtigen war, aber dieser Frankie Dunn ist ein echter Old Man Charakter, in dessen Leben die Libido nur noch die Rolle eine dummen Spruchs spielt – „Hey, runter von mir. Weißt Du, wie alt ich bin?“ Es ist das erste echte Alterswerk des großen Mannes der jüngeren Filmgeschichte, routiniert und mit leichter Hand inszeniert, elegant fotografiert und – naja, wie gesagt – strahlend schön gespielt.

Quotensicher wird Clint Eastwood mittlerweile für jeden seiner Filme gefeiert, wird mit Filmpreisen geehrt. Daraus spricht die tiefe Sehnsucht der Branche nach einem solchen Regisseur (oder Regisseurin), der ohne Duselei Storys erzählt. Eastwood wird von Schauspielern und Mitarbeitern nachgesagt, er schaffe am Drehort eine angenehme Atmosphäre der Ruhe anstelle des typischen hohen Spannungslevels. Er verlässt sich auf die Schauspielkunst seiner Akteure, was sich zum einen darin ausdrückt, dass er den Schauspielern viel Raum lässt, die eigenen Figuren zu verkörpern. Zum Anderen dreht Eastwood selten mehr als zwei Takes einer Szene und lässt oft schon während der Proben aufnehmen, was den Schauspielern ermöglicht, ihre Energie gezielter einzusetzen. Er weiß halt, was er will – Betonung auf er; was andere wollen, Produzenten etwa, Studios oder gar Kritiker, interessiert ihn nicht, nur die zahlenden Zuschauer. Für die macht er das alles. Eastwood ist Geschäftsmann, wusste seinen Marktwert schon früh in seiner Karriere einzuschätzen, wofür er sich fast mit Sergio Leone überworfen hätte, dem er für Zwei glorreiche Halunken eine sehr viel höhere Gage abpresste und – unter anderem – deshalb in Spiel mir das Lied vom Tod nicht mehr besetzt wurde. Kaum dem Italo Western enkommen, gründete er die Malpaso Company, die seit Hängt ihn höher (1968) alle Filme produziert, an denen er mitwirkt.

In das klassische Genre Boxerfilm hinein webt Eastwood unaufdringlich ein großes Drama, das vom Ausverkauf amerikanischer Tradition erzählt, von der Vaporisierung der American Family Values. Frankie geht jeden Tag zur Kirche und traktiert den Reverend mit Sarkasmus über Gott und dessen Nebengötter; irgendwas ist vorgefallen, das ihm seine Tochter entfremdet hat, die ihn so sehr hasst, dass sie ihn seit Jahren nicht mehr sehen will und alle seine Briefe ungeöffnet „return to sender“ zurückschickt. Maggie stammt aus einer Familie, die so zu nennen, kaum möglich ist. Als Maggie, durchs Boxen zu einigem Wohlstand gekommen, ihrer verwitweten Mutter ein Haus schenkt, motzt die sie an, wie das denn gehen solle. Als Hausbesitzerin würden ihr die Unterhaltszahlungen vom Sozialamt gestrichen, auf die sie aber angewiesen sei. Ihrer Schwester mosert, in dem (noch leeren) Haus gäbe es ja nicht mal Kühlschrank und wo bitte ihr Mann unterkommen solle, der bald aus dem Knast käme. Es ist Trailerpark-Trash, eingerichtet im Welfare State System, vom American Dream so weit entfernt wie die Erde vom Mond. Die romantischste Geschichte, die Maggie über ihren verstorbenen Vater erzählen kann, ist der liebevolle Umgang mit Schäferhund Axel, dessen Hinterläufe gelähmt waren, was ihn nur ungelenk durchs haus rutschen ließ; eines Nachmittags seien Axel und Dad in den Wald gefahren. Spät abends sei Dad heimgekehert, ohne Hund, aber mit dreckiger Schaufel auf der Ladefläche seines Pickups. Ein rührende Erzählung, die im letzten Drittel des Films, das nichts mehr hat vom Boxergenre, ein dramatisches Echo erhält.

Die Sportlerwelt, in der der Film angesiedelt ist, ist die des Weltergewichts und es mag sein, dass da in den unteren Klassen nicht immer ganz fair geboxt wird. Allerdings nimmt das in diesem Film dramatische Ausmaße an: Die amtierende Boxweltmeisterin im Mittelgewicht ist eine Deutsche, eine ehemalige Prostituierte aus Ostberlin, die berüchtigt ist, besonders aggressiv zu kämpfen und zu unfairen Mitteln zu greifen. In den ersten Runden traktiert sie Maggie mehrfach mit – auch für Laien im Kinosessel erkannbar – unerlaubten Schlägen, die der Ringrichter nicht ahndet. Der lezte dieser unerlaubten Schläge – die Glocke hatte längst geschellt, die Kämpferinnen waren in ihre Ecken geschickt worden – steht am Anfang des Dramas, das sich nun entwickelt und Maggie für immer ans Bett fesselt.

Dieser Film wirkt, wie ein langer Abschied aus Eastwoods bisheriger Kinowelt, in der er meist mit der Waffe für klare Verhältnisse sorgte. Am Ende verschwindet er in einem langen dunklen Gang. Die letzte Einstellung zeigt ein altes Diner, in der er mal mit Maggie saß – könnte sein, dass er da sitzt, erkennen kann man ihn durchs trübe Fenster nicht, und Zitronenkuchen isst … oder verkauft?

Die eigene Klasse dieses Regisseurs erkennt man, wenn man die Schlussminuten aus den Augen zweier anderer Regisseure betrachtet, die in seinem Leben eine Rolle spielten. Zum dramatischen Höhepunkt des Films muss Trainer Frankie eine Entscheidung über Leben und Tod seiner Ziehtochter treffen. Steven Spielberg, der lange mit sich rang, bevor er die Regie zu Perfect World (1993) an Clint Eastwood weiter reichte, hätte wohl seinen Hauskompnisten John Williams angewiesen, Bläser und Streicher an dieser Stelle vorsorglich doppelt zu besetzen.

Sergio Leone, der Eastwoods Karriere auf die Startrampe setzte, hätte eine Duell-Szene entwickelt: Frankie gegen die Maschine. Erst Leinwand füllend Frankies Augen, Schnitt: der Beatmungsapparat, Schnitt: die Totale des Krankenzimmers, Schnitt; der Beatmungsschlauch in Maggies Hals, Schnitt: Frankies zitternde Hände, Schnitt: wieder die Totale, wieder die Augen, Gegenschnitt auf die flackernden Augen der Gelähmten, Hände, Schlauch, EKG, und Ennio Morricone hätte seine elektronisch verzerrten Gitarren aufheulen lassen, seinem Synthesizer Violin-Klänge entlockt und hinterher hätten wir alle gesagt „Boa, wie aufregend!“

Eastwoods Erzählverständnis geht anders, er hat sich von seinem Mentor Leone emanzipiert: Da sitzt Trainer Frankie am Bett seiner vom Hals abwärts gelähmten Ziehtochter, der sie nach Durchblutungsstörungen gerade ein Bein abgenommen haben. Sie möchte, dass er die Beatmungsmaschine abschaltet. Nach langem Ringen mit sich, mit Gott, mit seiner Familiengeschichte, trifft er eine Entscheidung. Eine ruhige Szene, untermalt von leisem Gitarrengezupfe. „It's the Story makes the Story“, hat er in der „Süddeutschen Zeitung“ kürzlich gesagt (Die Geschichte ist die Geschichte!). Der Zuschauer müsse „schon selbst etwas wissen wollen“, er wolle „nicht hinter jedes Gefühl ein Ausrufezeichen setzen“ – den Score hat der passionierte Jazz-Musiker dann auch gleich selbst komponiert und von seinem Score-Buddy Lennie Niehaus einspielen lassen.

Wertung: 6 von 6 €uro
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