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Plakatmotiv: Invictus – Unbezwungen (2009)
Ein bisschen Pathos muss sein!
Große Politik in kleinen Gesten
Titel Invictus – Unbezwungen
(Invictus)
Drehbuch Anthony Peckham
nach dem Sachbuch „Der Sieg des Nelson Mandela: Wie aus Feinden Freunde wurden“ („Playing the Enemy“) von John Carlin
Regie Clint Eastwood, USA 2009
Darsteller Morgan Freeman, Matt Damon, Tony Kgoroge, Patrick Mofokeng, Matt Stern, Julian Lewis Jones, Adjoa Andoh, Marguerite Wheatley, Leleti Khumalo, Patrick Lyster, Penny Downie, Sibongile Nojila, Bonnie Henna, Shakes Myeko, Louis Minnaar u.a.
Genre Biografie, Drama
Filmlänge 134 Minuten
Deutschlandstart
18. Februar 2010
Inhalt

Südafrika 1995: Der gerade zum Präsidenten gewählte Nelson Mandela sieht den Kampf gegen die Nachwehen der Rassentrennung zwischen Weißen und Farbigen in der Republik als sein höchstes Ziel an.

Gerade den Sport begreift er als große Chance, das noch immer geteilte Volk zusammenzubringen. So unterstützt er mit allen Mitteln die in Südafrika stattfindende Rugby-WM und die südafrikanische Mannschaft, die als Symbol der überwundenen weißen Herrschaft gilt, da Rugby vor allem der Volkssport der Buren ist, und die von den meisten Schwarzen keinerlei Unterstützung erhält.

Aufgrund der Apartheid wurde die Mannschaft von Anfang der 1980er Jahre bis 1992 von den meisten anderen Nationalmannschaften boykottiert. Im Hinblick auf die bevorstehende Weltmeisterschaft im eigenen Land überzeugt Mandela die schwarzen Mitglieder des 1992 neugegründeten südafrikanischen Rugbyverbandes, die alten Symbole und Farben der Mannschaft beizubehalten.

Mandela trifft Mannschaftskapitän Francois Pienaar und gibt diesem indirekt zu verstehen, dass ein erfolgreiches Abschneiden bei der Weltmeisterschaft die beste Möglichkeit sei, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen einander näher zu bringen.

Mandelas Auftrag: Das Team soll die Weltmeisterschaft gewinnen …

Was zu sagen wäre

Politiker greifen gerne zu Sportmetaphern, um den Statement-Häppchen-verwöhnten Zuhörer die Weltlage in passender Form darzureichen – da liegt dann der Ball im Feld des politischen Gegners, ist die Regierungsmannschaft gut aufgestellt und hat die Partei für Nachfolger-Diskussionen ausreichend Qualität auf der Ersatzbank. „Invictus – Unbezwungen“ ist sozusagen der Film zur politischen Sport-Metapher und Clint Eastwood hat auch noch eine historisch verbürgte Geschichte dazu gefunden: Der frisch gewählte Nelson Mandela, erster schwarzer Präsident im über Jahrzehnte von weißen beherrschten Südafrika, findet im von den Weißen gespielten Rugby den geeigneten Hebel, sein Volk – schwarz & weiß – zu versöhnen.

Unabhängig, wie wir die Filme Eastwoods bis hierher bewerten, sie sind mal brillant, mal nur gut, manchmal auch so naja – aber sie erinnern uns daran, was Kino einmal war und was über all die Special-Effects Gigantomanien, Roboterschlachten und Weltraumkämpfe manchmal vergessen: Gutes Kino erzählt Geschichten über Dich und mich, authentische Geschichten, die mal historisch und mal erfunden und mal beides sind, und dabei packender und nachhaltig spannender als jede Superheldenprügelei und jede Romantic Comedy. Das geht am besten, wenn man sich als Erzähler an Menschen hält, nicht an politische oder gesellschaftliche Gemengelagen. Es ist eine Stärke des Kinos, Geschichte entlang an Menschen zu erzählen und sie subjektiv zu dramatisieren.

In diesem Fall erzählt Eastwood – der immer besser ist, wenn er eine auf historischen Begebenheiten beruhende Geschichte verfilmen kann – die Geschichte einer Freundschaft, die Geschichte, wie Mandela versucht hat, die Apartheit in den Köpfen seiner Landsleute zu überwinden. Die Freundschaft ist keine persönlich intime – also so eine, wo sich die Freunde in der Kneipe zum Bier verabreden würden – sie ist politisch, aber vertrauensvoll; eine von zwei Männern mit ähnlichen Ideen – der eine sportlich, der andere politisch –, die sich ansonsten gar nicht viel zu sagen zu haben; jedesmal, wenn sie sich begegnen, geht es über „Viel Glück!“ „Danke, Mr. President.“ kaum hinaus. Sie verhandeln das Thema, das alle Eastwood-Filme zuletzt beschäftigt hat: Wie die Gesellschaft zusammenwachsen kann – und was man gegebenenfalls dafür alles aufgeben muss. Besonder subtil geht es dabei diesmal nicht zu Werke. Politisch halbwegs Interessierte wissen einerseits, dass der Prozess des Zusammenwachsens in Südafrika nach anfänglichen Erfolgen mit Mandela nach dessen Tod mittlerweile in Korruption und Vetternwirtschaft geendet ist. Die Geschichte mit der Rugby-Weltmeisterschaft, die kein Drehbuchautor hätte erfinden dürfen, kennen die wenigsten – weil Rugby hierzulande nicht so populär ist. Also greift Eastwood zum groben Pinsel für seinen Appell zur Völkerverständigung: Nelson Mandela erringt einen wichtigen Etappensieg, in einer ungewohnten Disziplin: beim Rugby. Der Film führt, in Fortsetzung der kulturellen Annäherungen in Gran Torino (2008) – analog zum Rugby-Spiel – zu einem wilden Hin und Her zwischen Banalität und Ergriffenheit; also zu eben dem Gefühl, das ein Sieg der eigenen Mannschaft erzeugen kann. Innerhalb des groben Pinsels setzt Eastwood, und das macht den Film dann doch reizvoll, feine Haarlinien – jede Szene bietet schöne Details, die sich zu einem historischen Bild voller kultureller Impressionen zusammenfügen.

Das Problem, das auch Eastwood erkennt: Die meisten Menschen im Kinosaal verstehen die komplexen Rugbyregeln nicht, deshalb inszeniert er die Spiele als wildes Aufeinanderprallen von Menschenknäueln, was sich nicht zu einer Dramaturgie zusammenfindet; zwischenzeitliche Kameraschwenks über die Anzeigetafel müssen helfen, u. Zu wissen, ob's gerade spitz auf knöpf steht, oder ob Südafrika vorne liegt. Diese Spielszenen braucht er, um Gesichter und Emotionen zu zeigen – wie etwas entsteht zwischen den Hautfarben. Am eindrücklichsten führt uns das das Rugby-Finale vor augen. Zwanzig Minuten lässt Eastwood dafür Zeit, hat dem sportlichen Laien ein paar Fakten an die Hand gegeben – etwa, dass die neuseeländischen „All Blacks“ immer haushoch gewinnen (es also schon achtbar wäre, bei dieser für Südafrika überraschenden Finalteilnahme nur knapp zu verlieren). Das Spiel als solches interessiert ihn dann aber wieder nicht: Wieder erleben wir verknäuelte Leiber, fliegende Eier uhnd Matt damon,  der motovierende Auf-gehts-Leute-Sprüche verteilt. Während also diese Spiel so vor sich hinwogt, sucht die Kamera Gesichter: Da sind zwei der Leibwächter – einer weiß, einer schwarz – die wie unbeteiligt nebeneinander stehen, schon weil der Schwarze die Regeln des ungeliebten Sports nicht versteht; am Ende klatschen sie sich begeistert ab. Da sind die zunehmend fiebernden Massen in den Kneipen im ganzen Land und die Kinder, die draußen vorm Fenster einen Blick aufs TV-Gerät suchen. Da sind die beiden weißen Security-Männer vor dem Stadion in ihrem Auto, die das Spiel im Radio verfolgen, während draußen ein schwarzer Junge ums Auto streift, misstrauisch beäugt wird, irgendwann auf der Motorhaube sitzt und nach dem Sieg der Südafrikaner von den vierschrötigen Securityjungs auf Schultern getragen wird. Dieses Hin und Her zwischen Spiel und Zuschauern, zwischen drinnen und draußen ist ganz konventionell und flüssig geschnitten – da wächst zusammen, was zusamen gehört, als würde Eastwood persönlich Nadel und Faden bereithalten, um zur Not zusammen zu nähen, was zusammen gehört. In diese Form des dramaturgischen Brennglases gehört auch die Leibgarde Mandelas, die der ganz bewusst mit Schwarzen und Weißen besetzt, die sich in ihrem absurd kleinen Büro – logisch – zunächst misstrauisch beäugen. Und dann nach und nach alle kleinen und großen Konflikte abräumen und zusammenwachsen nach der Devise: Wir sind doch ein Volk!

Dass ein Film zu dieser Thematik nicht ohne Pathos auskommt – Südadfrika, Rassentrennung, Unterdrückung – ist klar: Moran Freeman fällt als Nelson Mandela die Aufgabe zu, allerlei Erbauungssätze zu sprechen, die Worte wie Gemeinsam, Zusammen, Überwinden, Nation, Nach vorne schauen, nicht zurück enthalten; nahezu jeden dieser Drehbuchsätze kann man getrost in Stein meißeln und in ein jedes Parament der Welt hängen. Freeman entschärft die Pathosgefahr, indem er Mandela mit einem authentisch heiseren Singsang spricht und sich in Gang und Akzent ganz in dem vielelicht berühmtesten Mann der Welt verliert und dem, was eben noch Pathos hieß, eine Aura des eben erstmals Gedachten verleiht.

The Game, that made a Nation“, tönt der Untertitel der Buchvorlage von John Carlin – und da glitzert die süffige Hoffnung auf den großen Gesellschaftsentwurf in – ausgerechnet – einem Rugbyspiel durch – „Ein Spiel für Hooligens, gespielt von Gentlemen“. 15 Jahre nach diesem großen Finale ist Südafrika noch immer ein gespaltenes Land. Clint Eastwood erzählt also nicht im Rahmen eines BioPics ein bisschen Weltgeschichte. Er erzählt von der Kraft, die eine Idee entfalten kann, die zu einer Vision wird – auch wenn sie die Jahre nicht überdauert.

Wertung: 4 von 7 €uro
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