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Plakatmotiv: Erbarmungslos (1992)
Die Dekonstruktion des Mythos
Titel Erbarmungslos
(Unforgiven)
Drehbuch David Webb Peoples
Regie Clint Eastwood, USA 1992
Darsteller Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Frances Fisher, Anna Levine, David Mucci, Rob Campbell, Anthony James, Tara Frederick, Beverley Elliott, Liisa Repo-Martell, Josie Smith u.a.
Genre Western
Filmlänge 130 Minuten
Deutschlandstart
24. September 1992
Inhalt

In der verschlafenen Kleinstadt Big Whiskey wird eine Prostituierte von ihrem Freier, einem Cowboy, zusammengeschlagen und durch Messerschnitte im Gesicht verletzt, weil sie ihn verspottet hat. Der Sheriff sieht gegen Bezahlung einer hohen Buße von einer Anklage ab. Den Prostituierten genügt das nicht; sie verbreiten das Gerücht, dem Opfer seien die Ohren abgeschnitten und die Augen ausgestochen worden und versprechen demjenigen 1.000 Dollar, der die Täter tötet. In die einsetzende Jagd auf die beiden Viehtreiber wird auch der alternde und desillusionierte Revolverheld William Munny hineingezogen.

Munny hat seinem kriminellen Leben abgeschworen, ist braver Ehemann, Vater und Schweinezüchter geworden, bleibt jedoch glücklos: Seine Frau stirbt im Alter von nur 29 Jahren, seine Farm wird von der Schweinepest heimgesucht und droht, ihn in den finanziellen Ruin zu treiben. So beschließt Munny (obwohl seine Schießkünste inzwischen stark nachgelassen haben und er nur noch mit großen Schwierigkeiten in den Sattel kommt) Haus, Hof und seine zwei Kinder für 14 Tage zu verlassen, um sich zusammen mit seinem ebenfalls frustrierten ehemaligen Partner Ned Logan und einem jungen, kurzsichtigen Möchtegern-Revolverhelden, der sich Schofield Kid nennt, auf die Suche nach den beiden Viehtreibern zu machen und die 1.000 Dollar Kopfgeld zu kassieren.

Kaum in Big Whiskey angekommen, wird der inzwischen an Fieber erkrankte und geschwächte Munny von Sheriff „Little Bill“ Daggett, der ebenfalls einst ein Revolverheld war und jetzt als Ordnungsfanatiker die Rachemorde verhindern und zugleich seine Macht über die kleine Stadt bewahren will, halb totgeprügelt und aus der Stadt gejagt. Nachdem Munny sich erholt hat, spüren er und seine beiden Begleiter die gesuchten Cowboys auf. Munny, nicht mehr so treffsicher wie früher, verpasst einem von ihnen aus dem Hinterhalt einen Bauchschuss, an dem dieser qualvoll stirbt. Dabei erkennt Logan, dass das Leben eines Revolverhelden für ihn endgültig vorüber ist. Er verlässt die Gruppe und reitet heimwärts. Unterwegs wird er jedoch von Daggetts Leuten aufgegriffen und nach Big Whiskey gebracht, wo ihn der Sheriff, um herauszufinden, wer und wo seine Partner sind, so lange foltert, bis Logan seinen Verletzungen erliegt. Seine Leiche wird von Little Bill auf offener Straße vor dem Saloon als abschreckendes Beispiel zur Schau gestellt.

Plakatmotiv (US): Erbarmungslos (1992)Kid hat inzwischen mit Munnys Hilfe auch den zweiten Cowboy aufgespürt und erschossen: keine Heldentat, denn dieser saß gerade wehrlos auf der Toilette, als ihn der Tod überraschte. Als Munny bei der Aushändigung der versprochenen Belohnung durch eine der Prostituierten von Logans Tod erfährt, greift er zur Flasche, verwandelt sich wieder in den alten Säufer und Revolverhelden und reitet in die Stadt zurück, um Rache für den Tod seines Freundes zu nehmen …

Was zu sagen wäre

Menschen zu töten ist ein dreckiger Job, ein Scheißjob manchmal. Wenn Du Deinen ersten umlegst und der sitzt gerade wehr- und würdelos auf dem Klo, hat das nichts johnwaynehaftes. Und meistens sind die Leute ja auch gar nicht sofort tot, wie das der Western der 50er Jahre immer darstellt. Meistens jammern die im Bauch Getroffenen noch minutenlang über Schmerzen, dass ihnen so kalt sei und dass sie doch so Durst hätten. Nein, Leute zu erschießen hat gar nichts heldenhaftes; die Heldengeschichten haben ihm die Filme und Romane angedichtet. Und Clint Eastwood hat den Spieß nun einfach mal umgedreht und zeigt, wie es viel häufiger war.

Dazu hebt er die Figur des English Bob auf die Bühne, die der wundervolle Richard Harris als eitlen, selbstgefälliger Pistolenheld mit gepflegter Blondhaar-Tolle spielt, der sich, ganz Engländer, über den Präsidenten lustig macht – „Warum sollte man einen Präsidenten nicht erschießen? Eine Königin dagegen, da hat man eine gewisse Ehrfurcht.“ – und mit eigenem Dichter durchs Land reist, gegen Geld Leute abknallt und das vom Dichter dann in schöne Texte malen lässt. Es stellt sich dann heraus, dass eine dieser besungenen Heldentaten – English Bob tötet einen Doppelpistolero, der eine Frau bedrängt – labbriger Mord war an einem sehr potenten Mann, der Bob die Frau streitig gemacht hatte und dem beim Schießen die Pistole in der Hand explodierte, „das passierte bei diesem Modell recht häufig“. Bob knallte den längst Wehrlosen dann ab.

Und William Munny, der ehemalige Menschenschlächter und geläuterte Witwer und Alleinerzieher zweier Kinder? Der trifft auch die Büchse in zehn Meter Entfernung nicht mehr und kommt nicht aufs Pferd. Clint Eastwood, der große Mann des schweigenden Lonesome Cowboy, spielt diesen William Munny als überlebt habendes Wrack, den nur seine zwei Kinder auf den Beinen halten und der, wenn ihm die Schweine nicht am Fieber wegsterben von diesen durch den Dreck gezogen werden. Sollte sich je jemand gefragt haben, was John Waynes Cole Thornton zehn Jahre nach dem El Dorado-Zwischenfall gemacht hat – vielleicht haben ihn Schweine durch den Dreck gezogen.

Dann ist da Gene Hackman („Das Gesetz der Macht“ – 1991; „Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses“ – 1988; No Way Out – 1987; „Reds – Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit“ – 1981; Superman – 1978; „French Connection II“ – 1975; Frankenstein Junior – 1974; „Der Dialog“ – 1974; Die Höllenfahrt der Poseidon – 1972; „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ – 1971). Im Grunde die tragischste Figur im Reigen der alten Männer. Als ehemaliger Revolvermann hat er sich als Sheriff niedergelassen und bekommt es nun mit all den Typen zu tun, die die 1.000 Dollar der Huren kassieren wollen. Darin, die zu vertreiben, ist er ganz gut. Knallhart zu sein, das hat er Jahre lang üben können als Revolvermann. aber sesshaft zu sein, ein Haus zu bauen, eine Frau zu finden, das ist ihm nicht gelungen. Seine Deputys machen sich lustig über seine Versuche, ein Haus zu bauen. Sein Haus habe nicht mal einen rechten Winkel, lästern sie, es regne durchs Dach. Der alte Sheriff ist mit dem Leben im Frieden genauso überfordert wie der Schweinebauer Munny. Und Hackman schafft es, diesem Machtmenschen in all seiner Brutalität die Verzweiflung des überlebenden Verlierers mitzugeben.

Eastwood dekonstruiert die Mythen des Wilden Westens und kennt keine Rücksicht. Er erzählt keine große Geschichte über How the West was won. Es sind einfach nur Huren, die Rache wollen, die die ganze Geschichte auslösen, weil ihre Geschäftsgrundlage zerstört worden ist – und dies auch nicht von elegant schwarz gekleideten Lee-van-Cleef-Typen, sondern einfach von ein paar schwobbeligen, naiven Cowboys; nicht, dass man es gut heißen köönte, dass da ein Kerl einer Nutte das Gesicht zerschlitzt warum auch immer, aber der eine wollte ihr anderntags sogar sein wertvollstes Pferd schenken. Das mag plump und geschmacklos sein, aber Cowboys im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten selten eine Benimmschule besucht. Kurz: Es sind im Grunde harmlose Jungs, die zwei oder fünf Jahre wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis gehören, aber nicht erschossen von versoffenen Schweinebauern.

So, wie die meisten Legenden des Westens offenbar gelogen sind. Eastwood schafft's nicht mehr aufs Pferd und Kopfgeldjäger jagen Nuttenprämien hinterher – und wer John-Wayne-artige Profis erwartet, hat sich geschnitten; ein Prämienjäger ist fast blind, einer mehr eitel als treffsicher, zwei sind zu alt für diesen Job. Es sind nur die alten Männer noch übrig, die ihren eigenen Mythos überlebt haben. Und wofür? Schweinepest? Und dazu entlarven sich die Legenden der edlen Revolvermänner als journalistisch überhöhte Lügengeschichten. „Ich erinnere mich nicht. Ich war meistens betrunken“, sagt Munny über früher. Es ist ein schmutziges Leben. In jeder Hinsicht.

Wertung: 10 von 10 D-Mark
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