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Plakatmotiv: Der Mann, der niemals aufgibt (1977)
Ein Action-Comic mit
hoher Schussfrequenz
Titel Der Mann, der niemals aufgibt
(The Gauntlet)
Drehbuch Michael Butler + Dennis Shryack
Regie Clint Eastwood, USA 1977
Darsteller Clint Eastwood, Sondra Locke, Pat Hingle, William Prince, Bill McKinney, Michael Cavanaugh, Carole Cook, Mara Corday, Doug McGrath, Jeff Morris, Samantha Doane, Roy Jenson, Dan Vadis, Carver Barnes, Robert Barrett u.a.
Genre Acton, Thriller
Filmlänge 109 Minuten
Deutschlandstart
2. Februar 1978
Inhalt

Der abgehalfterte Polizist und Alkoholiker Ben Shockley wird von seinem Chef mit der Überführung der Prostituierten Gus Mally von Las Vegas nach Phoenix beauftragt. Sie soll als Zeugin in einem Prozess aussagen.

In Vegas angekommen, holt er sie vom dortigen Revier ab und wird bereits von ihr gewarnt, sie nicht nach Phoenix zu bringen, da man auf ihren Tod Wetten abgeschlossen hat. Die Wette wird in Vegas beim Pferdewetten als „Mally No Show“ (Kein Auftritt für Mally) geführt. Shockley glaubt ihr nicht und wird prompt von Unbekannten im Wagen auf der Straße angegriffen.

Sie flüchten in Mallys Haus. Als Shockley die örtlichen Behörden verständigt, wird die Polizei aber angewiesen, das Haus zu umstellen. Sie schießen es kurz und klein. Durch einen Geheimtunnel können sie ins Freie fliehen. Shockley zwingt einen Streifenpolizisten, sie beide aus der Stadt bis zur Stadtgrenze zu bringen. Dort sollen sie von der Polizei von Phoenix übernommen werden. Zur Sicherheit schickt er den Polizisten erstmal allein zum Treffpunkt, und dieser wird beim Empfang von Kugeln durchsiebt.

Ben und Gus fliehen zu Fuß weiter, und es kommt bei einer Übernachtung im Freien zu einer seelischen Zerreißprobe, indem sie ihm alles erzählt. Als am Morgen Rocker dort auftauchen, zwingt Shockley einen mit Waffengewalt, ihm sein Motorrad zu überlassen. Mit diesem fahren sie weiter durch das Niemandsland und werden plötzlich von einem Hubschrauber gejagt …

Was zu sagen wäre

Als Shockley morgens vor dem Präsidium vorfährt, um seinen täglichen Dienst anzutreten, fällt eine halbleere Jack-Daniels-Flasche aus der Wagentür und zersplittert am Boden. Dieser Mann ist fertig, wahrscheinlich ausgelaugt vom stupiden Job als Stadtpolizist in Phoenix. Wer kennen diesen Cop mit dem Gesicht von Clint Eastwood unter dem namen Coogan oder Callahan – kompromisslos gegen sich und die Gauner. Sein oberster Vorgesetzter, Police Commissioner Blakelock zitiert ihn zu sich – klar was jetzt fokgt: der wöchentliche Anschiss wegen Fehlverhaltens im Dienst, wegen hohen Sachschadens bei einer Festnahme, wegen vorschnellen Abfeuerns der Dienstwaffe.

Statt dessen: „Rasieren Sie sich mal!“ und ein untergeordneter Zeugen-Überführungs-Auftrag. Nein, dieser Clint-Eastwood-Cop ist anders, nicht ausgebrannt, weil er nicht alle Gauner dieser welt persönlich aus derselben befördern kann, nicht am ende, weil seine Frau ihgn verlassen hat. Ben Shockley ist im falschen Job stecken geblieben. Später wird erin einer vertrauten Stunde seiner Gefangenen davon berichten, dass der Traum, Polizist zu sein, weil Polizisten die einzigen seien, die „für eine Sache einstehen“ sich schnell verflüchtigt habe, dass sich ein Mädchen, das sich für ihn interessiert, einfach nicht gefunden habe und über den immeer gleichen Polizei-Alltag in der tägliche Routine von Phoenix, Arizona plötzlich 20 Jahre ins Land gegangen seien – eigentlich habe er immer von einer kleinen Ranch mit Frau und vielen Kindern geträumt – „Und ein paar Bäumen drumrum“, ergänzt die Gefangene seinen Traum der auch der ihre ist.

Plakatmotiv (US): The Gauntlet – Der Mann, der niemals aufgibt (1977)Auch die hartgesottensten Nutten träumen im Männerkino ja eigentlich vom friedlichen Leben auf einer Ranch, auf der sie den Rancher im gestärkten Kleid in der Tür erwarten während auf dem Ofen schon der Eintopf dampft. Es ist schon erstaunlich, welche Idylle das amerikanische Männer-Genre, zu dem die jüngeren Western ebenso gehören wie Cop-Movies, immer wieder beschwört, ohne die je zu erreichen – alle träumen davon, aber entweder sterben sie auf dem Weg dorthin oder, wenn sie es erreichen, ist der Film zu Ende. Nicht die Idylle ist eine Geschichte, es ist der Kampf darum – die Idylle ist der MacGuffin dieser Männer-Genres, um Männer und Frauen in Bewegung zu setzen. Früher, in den 40er und 50er – und auch ein wenig noch in den 60er Jahren – wurzelten diese Geschichte auf der noch jungen Historie dieses Kontinents. Mittlerweile wurzeln diese Geschichten in jenen Filmen von einst, sind mal mehr, mal weniger gelungene Zitate eigener Glorie. Einerseits nimmt das den Filmen aus den USA ihr inneres, heroisiertes Drama – über das wir Europäer uns so gerne erheben und diese Filme als so amerikanisch abqualifizieren – andererseits eröffnet das dem zeitgenössischen Kino neue Möglichkeiten: Eskapismus hält Einzug in die Produktionen, Ironie, fröhlicher Over-the-Edge-Quatsch, bei dem wir nicht mehr mit armen weiße Siedlern bei einem Indianerüberfall zittern, sondern vielleicht mit unserem Mageninhalt bei Betreten einer Achterbahn.

„The Gauntlet“, Clint Eastwoods sechste Regiearbeit, ist reiner Eskapismus. Da ist die überraschend gewaltfreie Attitüde der männlichen Hauptfigur, die in so deutlichem Gegensatz zu den Eastwood-Männern steht, nur der Anfang. Der toughere Kerl in diesem Film ist weiblich, klein, zierlich, blond und mit sehr großen Augen ausgestattet – Sondra Locke. Freunden des Eastwoodschen Kinos war sie schon im vergangenen Jahr in seinem The Outlaw Josey Wales aufgefallen, in dem sie ein viel zu junges, viel zu unreifes Mädchen spielte, das sich den großen, hochgewachsenen, knurrigen Outlaw schnappte. Damals kniff man als aufgeklärter Mitteleuropäer fremdbeschämt die Augen zusammen und dachte sich, naja, da wird der Regisseur Eastwood Spaß gehabt haben, seinem knurrigen Helden einen unschuldigen Engel ins Bett zu legen, und wer könnte das besser sein, als seine Freundin – Eastwood und Locke sind seit 1975 ein Paar. Die Paarung Eastwood-Locke war der einzige Schwachpunkt in Eastwoods Western-Odyssee.

Es ist nicht überliefert, ob Eastwood das auch so sieht, oder ob ihn solche mitteleuropäischen Anwürfe überhaupt scheren, in „The Gauntlet“ jedenfalls hat er den Spieß umgedreht. Die Zeugin, die Cop Shockley (Eastwood) hier überführen soll, ist ein nervtötender Lautsprecher. Diese Augusta „Gus“ Mally zetert, flucht, redet in Rätseln und traut dem „blöden Bullen“ nichts zu. Und dann: Sie sitzt gefangen auf dem Rücksitzt eines Streifenwagens. Der feiste Cop am Steuer kübelt eine Kaskade von Scheiße aus seinem Mund über die Hure auf dem Rücksitz, die sich das ungerührt anhört, während Cop Shockley auf dem Beifahrersitz nicht recht weiß, wie er sich korrekt zu verhalten hätte. Und während der noch überlegt, kanzelt die kleine blonde Hure, die offenbar ein lebensgefährliches Geheimnis mit sich herumschleppt, diesen feisten Streifencop am Steuer, der alle gängigen Klischees über geile, übergriffige, ungehobelte, brutale, feige kleine Männer in Uniform erfüllt, ab: „Ich weiß, Sie mögen Frauen wie mich nicht. Wir sind etwas zu aggressiv. Wir jagen Euch Angst ein. Aber nur, weil Ihr kein Hirn, sondern Dreck im Schädel habt und ich fürchte, den werdet Ihr nur rauskriegen, wenn Ihr Euch eine Kugel durch den Kopf jagt. Für mich sind Sie ein impotenter Schwachkopf!“ Beim Wort „Impotenz“ jault der Streifencop verzweifelt auf und verliert die Kontrolle über sein Auto. Locke, die zierliche kleine Blonde ist hier der harte Hund, während Eastwood ein ausgebrannter Suffkopp ist, der lange braucht, bis er durchblickt und anfängt nachzudenken.

Die Frage, worum es in diesem Film eigentlich geht, ist, das gehört zum Kino des Eskapismus' dazu, nicht wichtig. Der Traum von der Ranch mit Bäumen drumrum taucht als wolkiger Traum im letzten Drittel auf. Bis dahin gilt die Goldene Regel des Kinoerfolgs: Du musst den Inhalt in einem Satz umschreiben können. Kurz: Cop und Zeugin müssen sich gegen eine Heerschar bis an die Zähne bewaffneter Kerle ihren Weg quer durch Arizona freischießen. Los geht's.

Was die Zeugin eigentlich so wichtig macht, dass alle hinter ihr her sind, klärt sich dann ganz nebenher. Gus, die Hure, erinnert sich an einen mann, dem sie zugeführt wurde, „äußerst vornehm und er hatte ein Gesicht, wie aus Stein gemeißelt. Und seine Stimme, die hörte sich an als käme sie aus einem Grab“. Sollten wir da selber noch nicht drauf gekommen sein, hilft und Eastwoods Cop auf die Sprünge: „Blakelock!“ Rätsel gelöst. Und Blakelock hat Shockley den Auftrag gegeben, weil der ein versoffener Cop ist, der nichts auf die Reihe bekommt. Damit hat dann auch der Star eine Motivation, alles dafür zu tun, dass die Zeugin pünktlich und lebend vor Gericht für ihre Aussage erscheint. So einfach kann Kino sein. Und gleichzeitig so schwer. Ein Cop in der Identitätskrise erfüllt die Bedingung für ein europäisches Filmdrama, bei dem das Wachbleiben erfahrungsgemäß schwer fällt. 90 Minuten Dauerfeuer erfüllt die Bedingung für einen geilen Ride auf dem Jahrmarkt, bei dem das Wachbleiben erfahrungsgemäß schwer fällt.

Der Film, dessen Plakatmotiv wahrscheinlich nicht zufällig an das von Star Wars erinnert (der ein halbes Jahr vor The Gauntlet in den USA gestartet ist), ist ein großes Comic; darf man nicht so ernst nehmen. Clint Eastwood hat mal alles, was in den vergangenen Jahren an Actionfilmen mit Harten Kerlen so über Leinwand und Zuschauer hereingebrochen ist, ausgeschüttelt und mit einer Portion Ironie parfümiert. Ein Haus wird von Kugeln durchsiebt, bis es in sich zusammensackt, ein Auto zerschossen, bis es auseinander fällt. Die andauernd sich steigernde Angriffswelle, die gegen das einsame Paar rollt, erinnert in der Struktur eher an den Slapstick, den Laurel & Hardy oder Buster Keaton erdulden mussten. „The Gauntlet“ heißt zu deutsch etwa Der Spießrutenlauf. Den treibt Eastwood auf die Spitze: Da jagt erst eine bewaffnete Hubschrauberbesatzung das Paar auf einer Harley durch die Berge Arizonas und das Script dann einen gepanzerten Überlandbus ins Dauerfeuer der Cops von Phoenix – gut dass der Bus offensichtlich kugelsichere Reifen und einen ebensolchen Motorblock hat … wie gesagt: Darf man nicht so ernst nehmen. Clint Eastwood hatte Spaß an ein wenig Action für seinen Alltag als Filmemacher.

Ein großer Spaß!

Wertung: 7 von 9 D-Mark
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