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Plakatmotiv: 15:17 to Paris (2018)
cc
Titel 15:17 to Paris
(The 15:17 to Paris)
Drehbuch Dorothy Blyskal
nach dem Tatsachenbericht von Alek Skarlatos + Anthony Sadler + Spencer Stone
Regie Clint Eastwood, USA 2018
Darsteller Alek Skarlatos, Anthony Sadler, Spencer Stone, Ray Corasani, Judy Greer, Jenna Fischer, Tony Hale, Thomas Lennon, Sinqua Walls, Victoria Cyr, P.J. Byrne, Jaleel White, Mr. Skarlatos u.a.
Genre Drama
Filmlänge 94 Minuten
Deutschlandstart
19. April 2018
Inhalt

Bereits seit ihrer Kindheit sind Alek Skarlatos, Spencer Stone und Anthony Sadler beste Freunde. Bedingt durch ihren Einsatz in der US-Army hat es Alek und Spencer weit in die Welt hinaus verschlagen. Der Sommer 2015 vereint die Freunde schließlich mitten in Europa, wo sie beschließen, gemeinsam Paris einen Besuch abzustatten.

Doch am Nachmittag des 21. August 2015 besteigt auch der 25-jährige Marokkaner Ayoub El Khazzani in Brüssel den Thalys-Zug 9364 nach Paris. Kurz nach der Überquerung der Grenze zu Frankreich verlässt er die Toilette in Wagen 12 und bietet den anderen Passagieren ein Bild, das ihnen das Blut in den Adern gefrieren lässt: Bewaffnet mit einem Maschinengewehr und einer Pistole werden seine Absichten für alle Anwesenden schnell deutlich.

Die Schockstarre hält allerdings nur einen kurzen Moment und schnell versuchen die ersten Zuggäste den offenkundigen Attentäter aufzuhalten, bis die ersten Schüsse fallen. Sich deutlich der Gefahr bewusst, greifen Alek, Spencer und Anthony ins Geschehen ein und werden so zur potenziell letzten Hoffnung der Passagiere von Thalys-Zug 9364 …

Was zu sagen wäre

Am Ende laufen all die gerissenen Fäden einer Existenz zusammen, die aus Träumen, mindestens die Welt zu retten, bestand und dann doch im Mittmaß stecken blieb – um dann doch ein lebensrettendes, starkes Tau zu werden. Spencer Stone, die Hauptfigur des Films, ist nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Tochter, Sohn einer allein erziehenden Mutter, in der Schule gemobbt, beim Militär in seinen Traumjobs gescheitert und schließlich ein bisschen Jiu-Jitso-Kämpfer, ein bisschen Sanitäter und nichts so richtig. Genau das qualifiziert ihn, am Ende Leben zu retten. Es klingt sowas wie Göttliche Fügung an. Das darf man bei einem film von Clint Eastwood ruhig unterstellen. Der Regisseur hält mit seiner konservativ christlichen Haltung nichht hinterm Berg. In seinen frühen Westernfiguren umflorte den schweigsame Namenlosen immer wieder mal religiös imprägnierte Aura, das war schon in Für eine Handvoll Dollar 1964 so, wo sein namenloser ein selbstloser Rächer ist, der sich für kleinen Sünder furchtbar verprügeln lässt. Sein Fremder ohne Namen (1973) war gar eine Art aus der Hölle entsandter Rächer und sein Pale Rider aus dem Jahr 1985 erschien zur Rettung, nachdem ein Mädchen den „lieben Gott“ inbrünstig um Hilfe gebetet hatte. Auch Spencer Stone betet inbrünstig. Schon als kleiner Junge fleht er den Herrn an, dieser möge ihn im späteren Leben doch bitte zu seinem „Werkzeug des Friedens“ machen.

Spencer geht in eine christlich konservative Schule, wo ihn die Werte der großen Amerikaner gelehrt werden, sein Geschichtslehrer schwärmt über Franklin D. Roosevelt schwärmen, den Bezwinger der Wirtschaftsdepression in den 1920er jahren, der „zur richtigen Zeit das Richtige machte, um gefährliche Situationen in kritischen Momenten zu entschärfen“. In diesem Weltbild wächst der Junge heran in sein von so vielen Enttäuschungen begleitetes Leben. Gelernt hat er auch, dass er auf sich vertrauen muss; diejenigen, die sich als Diener Gottes bezeichnen oder behaupten, sein Wort auf Erden zu zu erfüllen, hat er als verlogene Interessenvertreter erlebt. In seiner Schule rät der scheinheilige Direktor einer allein erziehenden Mutter, ihren Sohn doch dauerhaft zum Vater zu bringen, da sei er bessder aufgehoben. Und als Mutter insistiert, der Direktor habe kein Recht, da sagt der, er habe sich mit dem Herrn beraten.

Clint Eastwood erzählt also eine Heldengeschichte, wie er viele erzählt hat. Meist waren seine Helden etwas düsterer, zwielichtiger. Hier hat er gleich drei Rächer. Aus dem wahren Leben in einer wahren Geschichte. Männer, die sich entscheiden, das Richtige zu tun, auf sich zu vertrauen, dann werde Gott schon helfen. Und siehe: Gott hilft tatsächlich. Oder das Schicksal. Das mag man so oder so sehen, weil die Geschichte aber wahr ist, können wir sie so oder so auch akzeptieren. „15:15 to Paris“ beruht auf den authentischen Erlebnissen dreier Männer, die im August 2015 im Schnellzug von Amsterdam nach Paris einen mutmaßlichen IS-Terroristen entwaffnet und Leben gerettet. Eine Heldengeschichte aus dem real Life.

Aus Eastwoods archaischen Rächerfiguren werden hier drei Jedermanns, die wir in Rückblenden als einfache Jungs aus einfachen Verhältnissen kennenlernen, die sich im Wald hinter der Schule zum Paintball treffen. Die Kids sind Außenseiter, die gemobbt werden, die Schwierigkeiten mit dem Lernen haben. Es folgen geplatzte Lebensträume, zerstörte Hoffnungen, Jobs an der Theke einer Burgerkette und schließlich eine ziellose Reise durch Europa – Rom, Venedig, Berlin, spontan nach Amsterdam und immer wieder die Überlegung, ob man Paris nicht auslassen solle, immer wieder erzählen Touristen ihnen, Paris lohne sich nicht. Angesichts der Ereignisse, die jeder kennt, der oberfläöchlich die Nachrichten verfolgt, könnte man die Stimmen, die Paris schmähen als das Werk des Teufels interpretieren, der verhindern will, dass die Männer den Schnellzug nach Paris besteigen. Die drei lassen sich treiben, mehrmals betont Spencer, Gotte werde ihre Schritte schon lenken. Dass ihnen am Ende in ebenjenem Paris, von dem alle abgeraten haben, im Elysseepalast der französische Präsident die Ehrenmedaille der Fremdenlegion anheftet, klingt wie eine kitschige Pointe aus dem ersten Drehbuchsemester und natürlich ist unklar, wie stark die Zweifel, nach Paris zu fahren, bei den drei realen Männern ausgeprägt waren, oder ob der stark religiöse Kontext Eastwoods Ansatz war, dieser realen Heldengeschichte einen filmdramaturgischen Spannungsbogen zu geben.

Nimmt man die Realität mit in diesen Film, dann ist er entstanden, als im Weißen Haus Donald Trump regierte. Vor diesem Hintergrund bekommt der flammende Appell des französischen Präsidenten Francois Hollande, der als authentisches Newsfeet in den Film geschnitten ist, zur Einheit, zur Gemeinsamkeit und Freundschaft unter den Völkern dieser Erde eine sehnsüchtige Grundierung. Man kann auch gar nicht ohne Realität in diesen Film gehen. Die drei Helden werden nämlich gespielt von sich selbst. Und da sehen wir eine große Leistung Eastwoods, dessen Regie ja immer so unaufgeregt daher kommt, dass man vergisst, dass es sie trotzdem gibt. Die drei Männer, Laien im Schauspiel, wirken nicht peinlich, nicht zum fremdschämend, nicht überheblich – sie sind grundsympathisch. Sie produzieren sich nicht. Ihre Scheu vor der Kamera haben sie gerade so weit abgelegt, dass man ihnen ohne Qualen zuschauen kann, aber ihre Scheu vor jeder Art von Falschheit bleibt.

Das Authentische des Films ist gleichzeitig sein Vorteil wie sein Nachteil. Die Ereignisse im Zug waren in der Realität nach wenigen Minuten erledigt. Der Film dauert aber 90 Minuten. Die erzählte Kindheit ist eine, die wir dutzendfach im Kino gesehen haben. Dadurch gerät der Film in seinem Mittelbau zu einer zähen Aneinanderreihung von Ereignissen, die für den Film keine Rolle spielen. Die ausgedehnte Europareise, die im Thalys-Zig gipfelt zieht sich, die drei lernen andere reisende kennen, die sie wieder aus den Augen verlieren, die führen Stichwort-Dialoge ohne Ziel. Das fantastische daran: Dass Menschen genau so miteinander umgehen. Der Darstellung der drei Männer fehlt jedes Gekünstel. Dennoch merkt man, wie froh Eastwood ist, wenn er bekanntes Terrain des Thrillers betreten kann. Im Zug, wenn  der Terrorist sich vorbereitet, ist Eastwood wieder ganz in seinem Element.

Wertung: 5 von 8 €uro
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