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Kinoplakat: Cliffhanger
Charaktere in grobem Strich, Story dünn,
großartige Szenerie, spannender Einstieg
Titel Cliffhanger
(Cliffhanger)
Drehbuch Michael France + Sylvester Stallone + John Long
Regie Renny Harlin, Italien, Frankreich, USA 1993
Darsteller

Sylvester Stallone, John Lithgow, Michael Rooker, Janine Turner, Rex Linn, Caroline Goodall, Leon, Craig Fairbrass, Gregory Scott Cummins, Denis Forest, Michelle Joyner, Max Perlich, Paul Winfield, Ralph Waite, Trey Brownell u.a.

Genre Action
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
29. Juli 1993
Inhalt

Als er sie damals nicht mehr halten konnte, sie seiner Hand entglitt und fiel, konnte er die Todesangst in ihren Augen sehen. Ihre Schreie hallten lange von den Bergwänden wieder, denn sie fiel lange. Dass sie auf den Felsen zerschmetterte, konnte er nicht sehen. Das war zu weit unten. Viele hundert Meter unter ihm. Seit damals war der paassionierte Bergsteiger Gabe Walker nicht mehr in den Bergen. Er konnte absolut nichts dafür, aber er verlor nicht nur sie, er verlor seinen besten Freund Hal, der ihn, Gabe, für den Tod der Frau, Hals Freundin verantwortlich macht. Und Gabe sieht das auch so: Er, Gabe, hat einen Fehler gemacht.

Nach acht Monaten kehrt er in die Bergstation zurück, will endlich seine Sachen holen, will seine Freundin, Jessie, überreden, ihre Zelte abzubrechen und mit ihm zu kommen. Obwohl: „Freundin“ ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Als er damals, nachdem die Untersuchung des Todes abgeschlossen war, abhaute, hat Jessie das als Ende ihrer Liebesgeschichte interpretiert und sich in die Arbeit gestürzt. Sie und Hal und Gabe leiteten die Bergstation in den Rocky Mountains, zusammen mit Frank, dem Piloten des Rettungshubschraubers.

Ein Hilferuf zwigt das Team von damals, wieder zusammenzuarbeiten. Es ist ein gefaketer Hilferuf. Ausgesandt von einer Gangstertruppe, die gerade 100 Millionen Dollar aus einem Jet hoch über den Rocky Mountains geklaut hat. Blöderweise ging bei dem Raub was schief, der Jet stürzte ab, die 100 Millionen liegen auf drei Koffer verteilt irgendwo hier in den Bergen. Eric Qualen ist der Anführer der Gangster. Er zwingt Gabe und Hal, die Gruppe sicher zu den Koffern zu bringen. Aber auch das geht schief.

Als Gabe den ersten Koffer findet, wollen sie ihn erschießen; schließlich brauche man nur einen Bergführer, sagt Qualen. Aber Gabe gelingt die Flucht und gemeinsam mit Jessie hetzt er jetzt über Berge und Schluchten, um vor Qualens Trupp die andern beiden Geldkoffer zu finden. Ein gefährliches Unterfangen. Die Gangster haben immer noch Hal in ihrer Gewalt, den Gabe keinesfalls opfern will. Sie sind bis an die Zähne mit automatischen Gewehren bewaffnet. Und sie sind zu allem entschlossen, denn sie haben nichts zu verlieren …

Was zu sagen wäre
Kinoplakat (US): Cliffhanger

Der Einstieg in die Geschichte macht den Film unsterblich: Wenn Gabe, am Stahlseil hängend, Sarah an die Schwerkraft verliert, sie langsam aus seinen schwitzigen Händen rutscht, schreiend in Angst aufgelöst keinen Halt mehr findet – „Bitte lass mich nicht fallen!!!!“ – und schließlich endlos lange fällt, ist der Ton gesetzt. Die Gegend hier ist lebensgefährlich und Renny Harlin scheut sich nicht, Sympathieträger in den Tod zu schicken. Es wird nicht der letzte sein. Das funktioniert sehr gut. Obwohl wir die Frau erst ein paar Minuten kennen, ist sie durch wenige Dialogzeilen als sympathische, in der Crew geschätzte Person markiert. Und dann fällt sie. Für mich ein Filmopener aus der ewigen Bestenliste.

Nichts passt zusammen

„Cliffhanger“ ist ein Highlight des Actionkinos der frühen 1990er Jahre. Wuchtig, physisch und in großartiger Kulisse – mächtige Kerls in mächiger Landschaft und mit Sylvester Stallone („Tango & Cash“ – 1989; Die City Cobra – 1986; Rambo – 1982; „Nachtfalken“ – 1981; Rocky – 1976) den – neben Arnold Schwarzenegger – Brachialhelden seiner Zeit in der Hauptrolle. Insgesamt gesehen ist der Film aber Mist. Nichts stimmt. Nichts passt zusammen. Einzig die Spezialeffekte, die Sylvester Stallone in die gigantische Bergwelt setzen und ihn an Überhängen in schwindelerregender Höhe hangeln lassen, sind perfekt (für 1993). Aber sonst?

Die etwas windige Ausgangssituation mit dem Geldraub lasse ich mir in einem Actionfilm gefallen, da ist ja alles ein wenig over the edge und Renny Harlin hat schon in der Fortsetzung des Action-Kammerspiels Die Hard (1990) gezeigt, wie er sich so ein zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Film vorstellt – laut, schnell und Flugzeuge fallen vom Himmel. Hier fallen auch Flugzeuge vom Himmel und setzten dabei Geldkoffer und Großstadthyänen ins verschneite Gelände – das Fish-out-of-Water-Prinzip. Weil unsere Bergsteigerhelden hier aber die Fische im Wasser – oder besser: die Gemsen im Berg – sind und sich die Gangster erkennbar überhaupt nicht grün untereinander sind, liegt die Spannung bei knapp über Null.

Nur, weil der Absturz vom Anfang noch nachklingt, und weil Renny Harlin Actionsequenzen zu inszenieren versteht, liegt eine gewisse Spannung in der Luft. In der hängt dann Gabe Walker im T-Shirt und dünnem Pullover im schroffen Fels, er stürzt in zugefrorene Flüsse und sitzt fünf Minuten später mummelig entspannt und telefoniert übers Satelitentelefon. Das Flugzeug stürzt ab und landet auf der einzig ebenen Fläche in einer Bergwelt die, wohin das Auge schaut, nur aus Fels und Schlucht besteht, sowohl Stallone als auch Michael Rooker (JFK – Tatort Dallas – 1991; Tage des Donners – 1990; „Mississippi Burning“ – 1988) werden so übel verprügelt, dass deren Blut den Schnee verfärbt, aber sie laufen lustig immer weiter und bezwingen die schwersten Kletterwege; und Qualen, der Gangster, bringt zwischendrin mal rasch seine Geliebte um, damit er der einzig verbliebene Pilot in der Gangstertruppe ist und damit unangreifbar, weil der einzige, der alle hier rausfliegen kann.

DVD-Cover (US): CliffhangerJohn Lithgow als Schurke ist toll

Dieser Qualen wird uns als diabolisch intelligenter Gangster verkauft – sowas spielt John Lithgow („Mein Bruder Kain“ – 1992; „Ricochet – Der Aufprall“ – 1991; Schwarzer Engel – 1976) blind runter, wenn man ihn nachts um drei aus dem Tiefschlaf reißen würde, inklusive böse schnarrender Stimme und Finsterblick. Sein Plan – wie gesagt – passt zu einem over-the-edge-action-adventure, aber alles andere. Der Film spielt in der schroffen, wunderschönen Bergwelt, die ein eigener Charakter in diesem Film ist, aber alles, was diese Bergwelt ausmacht – Todesgefahr, Kälte, Stürme – spielt keine für die Helden keine Rolle. Stallone darf dünn bekleidet unbeschadet dürch den Schneesturm kraxeln? Michael Rooker (als Hal) mit sehr lädiertem Knie verschneite Abhänge runter hetzen? Mit Bergen hat „Cliffhanger“ so viel zu tun wie Stirb langsam mit Romantik. Da verlieren Film und Berg jedes Apnnungsmoment.

Und dann muss ich auch ein Wort über die Frauenrollen in diesem Film verlieren. Nicht, weil Actionfilme, dieses klassische Jungs-Genre - plötzlich durchdachte Frauenrollen haben müssten, aber wenn sie schon auftauchen … hier gibt es drei: Die erste ist der Anfixer – die abstürzende Sarah, die die Gefahr der Berge personifiziert. Die zweite ist Kristel, die Geliebte des Oberschurken, deren Weiblichkeit erst zutage tritt, als Qualen sie umbringt, vorher ist sie Pilotin, die sich nicht vor blutigen Leichen ekelt.

Frauen haben Angst zu haben

Und dann ist da Jessie: Kurzhaarfrisur, erfrischend offenes Gesicht, kein kreischendes Mädchen, vielleicht als Geliebte etwas zu zart für den wuchtigen Stallone, aber insgesamt macht sie, was hier nötig ist – klettern, laufen, Schüssen ausweichen, frieren – ohne zu jammern. Im Gegenteil. Das hätte eine gute Frauenfigur in einem Actionfilm werden können. Und dann verlässt Renny Harlin der Mut und baut eine Fledermaus-Kolonie ein, die für nichts in der Handlung gut ist, außer aufgeschreckt aus dem Schlaf in Scharen durch eine Höhle zu fliegen – hier nun hat Jessica Angst und kreischt und Stallone darf den schützenden Arm um sie legen. Davon erholt sich die Jessie-Figur nicht mehr, den Rest des Films verbringt sie hinter der schützenden Schulter ihres Galans. Damit Männer sein können, was Männer sein müssen, müssen Frauen kreischen.

Man(n) kann „Clifhanger“ gut für einen Jungsabend einplanen. Renny Harlin inszeniert ein Actioncomic mit krassen wie albernen Szenen. Das ist flott und nailbiting, aber man(n) sollte schon zwei, drei Bier im Kopf haben und nicht mitdenken.

 
Wertung: 5 von 10 D-Mark
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