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Plakatmotiv: Chaos im Netz (2018)
Raffiniert, bunt, charmant
und ein bisschen arrogant
Titel Chaos im Netz
(Ralph braks the Internet)
Drehbuch Phil Johnston + Pamela Ribon + Rich Moore + Jim Reardon + Josie Trinidad
Regie Phil Johnston & Rich Moore, USA 2018
Stimmen

John C. Reilly/Pierre Peters-Arnolds, Sarah Silverman/Anna Fischer, Jack McBrayer/Kim Hasper, Gal Gadot/Maria Koschny, Taraji P. Henson/Tanja Geke, Alan Tudyk/Lutz Mackensy, Alfred Molina/Axel Lutter, Bill Hader/Rainer Fritzsche, John DiMaggio/Tommy Morgenstern, Sean Giambrone/Dirk Petrick, Rebecca Wisocky/Martina Treger, Flula Borg/Timmo Niesner, Ali Wong/Julia Kaufmann, Timothy Simons/Sven Brieger, GloZell Green/Sarah Alles, Hamish Blake/Leonhard Mahlich, Tim Allen/Walter von Hauff, Brad Garrett/Tilo Schmitz, Anthony Daniels/Joachim Tennstedt, Corey Burton, Vin Diesel/Hans-Eckart Eckhardt, Kristen Bell/Yvonne Greitzke, Jodi Benson/Anna Carlsson, Kate Higgins/Jodie Blank, Paige O’Hara/Gabrielle Pietermann, Jennifer Hale/Marie Bierstedt, Idina Menzel/Dina Kürten, Linda Larkin/Giuliana Jakobeit, Kelly Macdonald/Laurine Betz, Ming-Na Wen/Dascha Lehmann, Irene Bedard/Alexandra Wilcke, Mandy Moore/Lina Rabea Mohr, Pamela Ribon/Magdalena Höfner, Anika Noni Rose/Olivia Büschken, Auliʻi Cravalho/Lina Larissa Strahl, Jane Lynch/Vera Teltz, Roger Craig Smith/Tobias Müller, Melissa Villasenor/Anja Stadlober, Maurice LaMarche/Tobias Lelle, Rich Moore/Jan Spitzer/Klaus-Dieter Klebsch, Phil Johnston/Stefan Staudinger u.a.

aufgeführt sind Synchronstimmen der US- sowie der deutschen Fassung

Genre Animation
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
24. Januar 2019
Inhalt

Das Leben als Spielfigur in einem Rennspiel ist auf die Dauer ermüdend: ständig dieselben drei Strecken durchs süße Schokoladenland; ständig gewinnst Du; irgendwann kennst Du einfach jeden Pixel auf der Strecke mit Vornamen! Klar, dass Vanellope nach so vielen Jahren des immer Gleichen die Nase voll hat – obwohl Ralph da ist, ihr bester Freund, mit dem sie seit sechs Jahren die Nächte im Tappers verbringt, zu Root Beer rülpst und sich manchmal ärgert, dass der Virus noch immer nicht aus dem Tron-Spiel entfernt wurde. Und ebenso klar, dass Vanellope völlig elektrisiert ist, als Stan Litwak, der Besitzer der Spielhalle, in der all die Spielautomaten stehen, seinen Betrieb ans Internet anschließt: Die große weite Welt, die dauernd Neues bringt, in der man nie weiß, was als nächstes passiert; ganz im Gegensatz zu dem, was auf ihren drei Rennstrecken passiert.

Ralph kann das Trauerspiel nicht mehr mit ansehen, er mag nicht, wenn seine beste Freundin leidet. Also hämmert er ihr kurzentschlossen eine neue Bahn  in ihren Parcours und Vanellope ist im ersten Moment auch ganz begeistert und jegt jauchzend über den neuen Parcours. Blöd, dass das Mädchen in der Spielhalle, das Vanellope gerade steuert, andere Reflexe hat als Vanellope selbst; sie schießt übers Ziel hinaus, die Gamerin ist verwirrt und zerrt so sehr am Steuer des Spielautomaten, der der entzweibricht. Mr. Litwack zuckt resigniert die Schultern: Die Firma, die das Rennspiel „Sugar Rush“ auf den Markt brachte, ist längst pleite und bei ebay wird ein neues Steuerrad für 200 Dollar gehandelt, „soviel spielt der Kasten ja in einem Monat nicht ein“, sagt er und entscheidet, das der Apparat in drei Tagen verschrottet wird – das heißt: Vanellope und ihre 14 Konkurrenten auf der Rennstrecke und die zahllosen bunten Zuschauer im Spiel werden obdachlos, werden keine Heimat mehr haben.

Und irgendwie ist daran Ralph schuld, sagt er selbst. Nach dem dritten Root-Beer bei Tappers beschließt er, selbst in dieses Internet zu gehenh, das Steuer bei eBay zu kaufen und alles wieder gut zu machen. Vanellope ist begeistert. Blöderweise verstehen beide nicht die Dramaturgie einer Versteigerung.

Noch ein wenig geblendet von der Größe, der Schönheit und der schieren Unendlichkeit des Internets behandeln sie den Biet-Vorgang bei der Auktion wie einen Highscore im spiel – je höher, desto besser – und so bieten sie sich gegenseitig auf eine Summe von 27.001 Dollar für das Steuerrad. Und wenn sie die jetzt nicht binnen 24 Stunden auftreiben, ist die Chance auf die Rettung der „Sugar Rush“-Familie für immer dahin.

Aber wie sollen zwei Pixelfiguren 27.001 reale Dollar auftreiben. Ein PopUp-Spam „Machen Sie ein Vermögen mit Internetspielen“ rät ihnen, ein Rennauto zu besorgen, für das ein Gamer draußen in einem In-App-Kauf 40.000 Dollar zahlen möchte. So kommen Ralph und Vanellope nach „Slaughter Race“, einem Open-World-Game, in dem Raserfreunde ihre rasant brutale Befriedigung bekommen.

In dieser Raserwelt ohne Gesetze regiert Shank, unumstrittene Meisterin der Unfallstraßen, der auch der Flitzer gehört, der 40.000 Dollar wert ist. Und die lässt sich das Auto natürlich nicht einfach so abnehmen …

Was zu sagen wäre

Die Disney-Studios haben in ihrer „Meisterwerke“-Reihe (s.u.) wieder einen Film für die ganze Familie gemacht. In der Fortsetzung von Ralph reicht's (2012) erleben die Jüngsten ein buntes Abenteuer, das von den Schmerzen erzählt, wenn Dein bester Kumpel sich nicht wie Du für Fußball interessiert, sondern vielleicht fürs Rudern und plötzlich seine Zeit lieber auf dem Wasser statt auf dem Bolzplatz verbringt. Die älteren Geschwister haben ihre helle Freude an zahllosen Easter Eggs, die die Internetwelt des rasanten Films bereit hält. Und die sie begleitenden Eltern erleben ein fröhliches Drama aus der Arbeiterklasse, die von der digitalen Bohème fallen gelassen wird.

Ralph, der Arbeiter mit den kräftigen Oberarmen und dem einfachen Gemüt, will nicht mehr, als tagsüber in dem alten Arcade-Spiel „Wreck-it-Ralph“ seinen Job machen – Haus abreißen, sich von Fix-it-Felix besiegen lassen und von vorne anfangen – und nach Feierabend mit seinem besten Kumpel beim Bier abhängen. In Teil 1 hatte der Titelheld sein Zuhause auf einer Müllkippe, jetzt im zweiten Teil umgeht er die Müllkippe, indem er mit seinem Kumpel eben die Nächte durchzecht. Aber auf diesem Level wollen die Walt-Disney-Studios die Gesellschaft nicht stehen lassen; die Gesellschaft muss sich entwickeln, den Status des einfachen Arbeiters hinter sich lassen: Ralphs bester Kumpel ist ein altersloses Mädchen, die Rennfahrerin Vanellope, die, deutlich jünger, mehr vom Leben erwartet, als ein Parcours mit nur drei verschiedenen Rennstrecken, auf denen sie immer gewinnt. Der Film feiert dieses Weiter-Wollen. Ralphs Job, der aus hartem, körperlichen Handwerk besteht, ist in diesem Film das Rückständige, nicht Erstrebenswerte.

Die Sympathien gehören klar der mangaäugigen, entzückend knarzigen Vanellope, die vom Leben mehr als drei vorgegebene Strecken erwartet, ja Überraschungen einfordert, und bereit ist, dafür ins Risiko zu gehen. Ralph steht eigentlich dauernd im Weg. Was soll er auch als Bauarbeiter, bzw. Housewrecker in einer digitalen Welt, in der sein Handwerk nicht gebraucht wird? Er will wieder gut machen, was er als seinen Fehler ansieht. Und zu Beginn ist Vanellope auch ganz auf seiner Seite; klar: Sie hat Angst vor der Zukunft ohne ihr Zuhause namens „Sugar Rush“. Aber je länger sie sich in der Welt der Möglichkeiten, aka: Internet, aufhält, desto weniger will sie zurück in ihre Zuckerwelt. Sie hat schließlich Talent, kann Auto fahren wie keine Zweite und trifft in der Racerin Shank auf die große Schwester, die das Gegenteil von Ralph ist, der eine Art großen, tumben Bruder darstellt. Dahinter verbirgt sich noch eine diversifizierte Zielgruppe innerhalb der ganzen Familie.

In diesem Film dürften sich junge Mädchen in besonderer Weise verstanden fühlen: Die große Schwester, Shank, ist so viel cooler, als der fürsorgliche, aber etwas schwammige große Bruder. Und als dann Vanellope in einer – ich glaube, man darf sagen: filmhistorisch bedeutsamen – Szene auf die berühmtesten Prinzessinen der Kinogeschichte trifft, nämlich auf alle Disney-Prinzessinnen (Arielle, Pocahontas, Merida, Schneewittchen, Dornröschen, Elsa, Aurora, Mulan, Belle, Vaiana etc.), da stellt sich heraus, dass die Ladies weitaus mehr drauf haben, als sich von einem großen starken Mann retten zu lassen; am Ende retten statt dessen sie mit ihren jeweiligen Fähigkeiten einen großen starken Mann.

In dieser bewegenden Szene lassen die Disneystudios ihre tatsächlich ja stärkeren Figuren in ihrer Wohngemeinschaft, die sie – man muss annehmen – nach dem obligatorischen Platzen ihrer Träume (denn wo sind all die Prinzen geblieben?) gegründet haben, zu ihrem dramaturgischen Recht kommen; es waren ja stets die Prinzessinnen, die ein spannendes, aufregendes, gefährliches Leben führten; ihre Prinzen waren langweilig, wurden aber dem Zeitgeist ihrer Entstehung geschuldet als Retter in der Not inszeniert.

Weil sich seit den Dreißigerjahren aber selbst bei der konservativen Disney Company so einiges getan hat, was die Verhaltensweisen und Wunschträume im Prinzessinnenuniversum angeht, wo früher doch recht viel geschmachtet und gelitten wurde, ist die Szene auch eine Parodie aufs traditionelle Prinzessinnentum. Die Mädchen wollen herausfinden, ob diese kleine Vanellope, die da in ihr Domizil platzt, eine der royalen Ihren ist. Deshalb machen sie den Prinzessinnentest mit ihr. „Hast du magisches Haar“, fragt Rapunzel. „Bist du vergiftet worden“, will Schneewittchen wissen. Oder, da können alle Mädchen mitreden, glauben die Leute gar, „dass all Deine Probleme gelöst wurden, nur weil ein großer starker Mann kam?“ Und weil Vanellopes Outfit, Hoodie und Jogginghose, den Ladies als Prinzessinnen-Gewandt eher ungewohnt erscheint, sorgen Cinderella und ihre Mäuse kurz mal dafür, dass rasch für alle Prinzessinnen ein Casual Look bereit liegt – auf Dornröschens Sweater steht dann in Großbuchstaben The Nap Queen, „Königin des Nickerchens“ (In der Originalversion  haben alle noch lebenden Sprecherinnen der Prinzessinnen ihre Figuren wieder selbst eingesprochen).

Ralph seinerseits, der einfache Handwerker, schafft es zwar, in der unübersichtlichen digitalen Welt das Geld zu besorgen, um das gesuchte Steuerrad zu bezahlen. aber das macht ihn nicht zum Helden, nicht zum strahlenden Ritter in Latzhosen. Er bekommt das Geld, weil er sich zur Lachfigur macht auf einem Youtube-ähnlichen Kanal, wo er mit lächerlichen Posen die meisten Likes und Herzchen – und somit Dollars – einsaugt. Ralph dreht jede Menge Videos, die aktuellen Trends entsprechen – vom Floss Dance und Unboxings über das Essen von scharfen Chilis bis hin zu Chewbacca Mom, Bob Ross und schreienden Ziegen ist alles dabei, was sich in den letzten Jahren als besonders beliebt im Internet erwies. Da fühlen sich die Teenager der ganzen Familie zuhause und verstanden. Im Film wirft der Alltagsmensch in seiner Wabe im Großraumbüro einen Blick auf Ralphs Videos, grinst, schickt den Link an den Kollegen, „Schon gesehen?“, und setzt dann einen abschätzigen Kommentar darunter.

Da bekommt der Film seine für gute Unterhaltungsware so wichtige, weil in der Realität abgeschaute bittere Note: Als Hofnarr ist der einfache Arbeiter in der modernen Welt noch geduldet, wir gewähren ihm unsere Groschen als zwischenzeitliche Ablenkung vom tristen Arbeitsallerlei. Auch darin ist der Film eine gelungene Fortsetzung von Wreck it Ralph, in dem der Titelheld zwar für die Dramaturgie des Arcade-Spiel „Fix-it-Felix“ unumgänglich war, von der darin lebenden Gesellschaft aber als Widerling abgelehnt wurde.

Den Jüngsten in der Familie ist all das egal: Sie sehen einen wunderbaren, abwechslungsreichen, lustigen, spannenden, sogar unheimlichen – wir lernen auch das dunkle Darknet mit allerlei grusligen Figuren kennen – Film aus dem Innenleben ihrer Tablets und Smartphones. Die Designer und Konstrukteure dieses Films haben nicht gespart, sondern die Mechanik des Netzes sorgsam in die Dreidimensionalität übersetzt – also in die Welt eines Beteiligten; wir klicken auf Links, der Beteiligte surft ganz physisch dorthin. „Chaos im Netz“ ist da nicht der erste Film, der die Mechaniken des Internet aufdröselt. Ähnlich hat das schon Emoji - Der Film (2017) versucht, blieb aber im sparsam Halbgaren stecken. Auch Steven Spielbergs Ready Player One (2018) hat gerade erst das Innenleben einer Gamerwelt gezeigt – und natürlich die Mutter all dieser Filme, Tron (1982), dem die Disney-Leute huldvoll ihren Respekt erweisen.

Phil Johnston und Rich Moore bleiben nicht im Erklärbären stecken, sie schichten Wendepunkt auf Wendepunkt – Ralph wird eifersüchtig und besorgt sich im Darknet einen Computervirus und wird, in einem Disneyfilm natürlich nicht überraschend, durch das Chas, das er anrichtet, eine wichtige Lektion für sein Leben lernen – und liefern einen sehr unterhaltsamen Film ab. Die Botschaft in der Katharsis, nun gut, die ist für die Eltern etwas dröge, für die Teenager wahrscheinlich spießig, aber für die Jüngsten ein Aha-Erlebnis.

Da hat die ganze Familie viel zu erzählen auf dem Nachhause-Weg.

Wertung: 7 von 8 €uro
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