Kinoplakat: Captain America – The Winter Soldier
MARVEL Studios erreicht Betriebstemperatur
Der Winter Soldier ist Comic in ganz groß
Titel Captain America – The Winter Soldier
(Captain America: The Winter Soldier)
Drehbuch Christopher Markus + Stephen McFeely + Ed Brubaker
nach den Comics von Joe Simon + Jack Kirby
Regie Anthony Russo & Joe Russo, USA 2014
Darsteller

Chris Evans, Scarlett Johansson, Cobie Smulders, Samuel L. Jackson, Robert Redford, Hayley Atwell, Dominic Cooper, Sebastian Stan, Emily VanCamp, Stan Lee, Anthony Mackie, Frank Grillo, Callan Mulvey, Toby Jones, Jenny Agutter u.a.

Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
27. März 2014
Website marvel.com/captain_america
Inhalt

Seit den Ereignissen von New York kämpfen Captain America und Black Widow im Auftrag Nick Furys an Schauplätzen in aller Welt für das wahre, schöne und gute Amerika. Das „schöne“? Das „gute“? Cap beschleichen Zweifel, nachdem er beim jüngsten Einsatz Geiseln aus der Hand französischer Söldner befreit hat, und feststellen muss, dass sich Black Widow nicht an den Plan gehalten hat – jedenfalls nicht an seinen. Sie habe einen anderen Auftrag, sagt sie kühl, als sie Daten aus dem Schiffscomputer saugt, anstatt die bösen Buben zu bekämpfen.

Zwischen den Aufträgen versucht Steve Rogers, sich in der neuen Welt, die er fünfzig Jahre verschlafen hat, zurechzufinden. Natasha Romanoff versucht ihn zu überzeugen, mal mit Frauen auszugehen, aber Cap ist „zu beschäftigt“ und springt schon wieder aus dem Flugzeug zur nächsten Mission und mitten hinein in ein Netz aus Intrigen, gewoben in höchsten Regierungskreisen und zum Zwecke der Destabilisierung der ganzen Welt. Offenbar hat Hydra ihre Finger im Spiel, der wissenschaftliche Geheimdienst der Nazis, den alle zerstört glaubten. Gemeinsam mit Black Widow versucht Cap, die Verschwörung aufzudecken. Dabei muss er sich gegen professionelle Attentäter wehren, die ihn zum Schweigen bringen sollen – Attentäter, die eben noch an seiner Seite standen!

Vertrauen ist in dieser Situation Glückssache, also vertraut Cap lange Zeit niemandem, nicht einmal der Widow, mit der er so manchen Gegner besiegt hat. Als sich ihm aber die perfide Tragweite des gegnerischen Plans offenbart, finden er und Black Widow in Falcon einen neuen Verbündeten. Gemeinsam stehen sie einem ebenso unerwarteten wie höchst gefährlichen Gegner gegenüber – dem Winter Soldier …

Was zu sagen wäre

MARVEL Studios erreicht Betriebstemperatur und legt ein überraschend komplexes Kapitel seines Superheldenkosmos‘ rund um die Avengers auf. Es vereint die Naivität, die den Superheldencomics in ihrer Dramaturgie schon immer innewohnten mit den düsteren Visionen der Verschwörungsthriller aus den guten alten 1970er Jahren. Dass Robert Redford mitspielt, der 1975 die 3 Tage des Condor durchlitt, in denen sich seine eigenen CIA-Kollegen gegen ihn stellten, ist sozusagen folgerichtig. Und Redford wertet dieses hochklassige Actiondrama auf. Kunstvolll schafft er es, seinen Charakter lange in der Schwebe zu halten – können wir ihm trauen? Er ist immerhin Robert Redford (s.u.)! Er hat Nixon besiegtPferde geheilt und Brad Pitt aus den Klauen der chinesischen Staatsmacht befreit, er hat für die Kleinen und Schwachen gegen die Großen und Starken gekämpft. Aber er ist als Alexander Pierce im vorliegenden Drama auch der oberste Geheimdienstboss, mächtiger noch als der rätselhafte Nick Fury. Hat nicht gerade erst die Lausch-Orgie der Geheimdienste uns gezeigt, in welcher Logik diese Dienste ihren Auftrag zum Schutz der Gesellschaft sehen? „Wir überwachen Euch zu Tode!“ Aber wenn Robert Redford an der Spitze steht, kann ja eigentlich nichts schief gehen. 

MARVELS Sonnenschein-Dramaturgie geht auf

„Der Winter Soldier“ ist als Comicabenteuer eines der herausragenden: Es regnet ununterbrochen, die Story scheint hauptsächlich nachts zu spielen und am Ende liegt Captain America tot auf den Stufen des Gerichtsgebäudes, in dem er wegen Hochverrats anbgeklagt werden sollte – erschossen von seiner Freundin Sharon Carter – Agent 13. Im Film regnet es nicht – es sei denn Trümmerteile. Hier bleibt MARVEL seiner Sonnenschein-Linie treu: Es sterben haufenweise Menschen, aber Blut ist so gut wie keins zu sehen. Wenn Cap oder Black Widow angreifen, gehen sie mit sehr eleganten, effektiven Moves als Gewinner vom Platz, deren Platzwunden in der nächsten Szene geheilt sind. Wenn Cap sich prügelt, wenn Natasha ganze Wachbatallione ausschaltet, tun sie das mit einer Beweglichkeit, die Batman in seinem Kevlar-Panzer wohl immer fremd bleiben wird.

Wenn es keinen anderen Ausweg gibt, springt Cap halt aus dem 13 Stockwerk auf den harten Asphalt, sein unzerstörbarer Schild rettet ihn vor ausgekugelten Schultern oder gar Knochenbrüchen. Diese verdrehte Physik lassen wir uns im Kinosessel gerne auftischen; es macht Spaß, dem unblutbaren Captain dabei zuzusehen, wie er einen schwer bewaffneten gepanzerten Jet nur mit seinem Schild vom Himmel holt, mit welcher Präzision er diesen Schild über bande wirft und fünf Finsterlinge ausschaltet. Wie bei allen bisherigen MARVEL-Studio-Filmen gilt auch hier: Auf die Comic-Prämisse muss man sich einlassen.

Die Rückkehr der Actiondramaturgie

Der Höhepunkt, der entscheidende Schlag gegen den jetzt alles andere als unsichtbaren Gegner, ist kein waghalsiges Unterfangen, das auch schief gehen könnte, im Gegenteil: Es erinnert in seiner naiven Struktur an den Angriff auf den Todesplaneten – der Hammer fällt in der letzten Sekunde, ganz klar! An diesem Schlusskampf lässt sich erkennen, wie MARVEL arbeitet, wie es seiner Comicwelt vertraut. MARVEL belässt die Action, wie in den gezeichneten Vorlagen, auf der Comicebene – simpel, schön choreografiert, garniert mit flotten Sprüchen („Woran erkennen wir die bösen Jungs?“ „Wenn sie auf Dich schießen, sind es die Bösen!“) und dann ist der jeweilige Kampf auch schon gewonnen.

Vom aktuellen Krach-Bumm-Schnitt-Kino unterscheidet sich die MARVEL-Action durch lange Einstellungen. Klar: In Zeiten von CGI (computer generated image), in denen alle Bilder möglich sind, die dem Regisseur einfallen, lassen sich mehr Actiondetails besser zeigen, kann die Actionschnitt-Frequenz auf das Niveau der späten 1990er Jahre zurück gefahren werden. Da begleitet die Kamera lieber eine Autoverfolgung, anstatt sie von 20 Kameras aus 40 Blickwinkeln zu filmen und die Perspektiven anschließend mit 3.798 Schnitten unsichtbar zu machen. 

Neue Helden betreten die Leinwand

Mit dem Falcon betritt ein neuer Held des MARVEL-Universums die Leinwand, eine gute Type, geerdet, mit Vergangenheit, unbedingt loyal. Anthony Mackie gibt der Figur den Charme des zuverlässigen Sidekicks. Seine Flugbewegungen kommen gut, an der Landung dieser Figur müssen die Effektleute noch arbeiten, da hat sich seit Supermans Zeiten (1978) nichts geändert: Fliegende Menschen fallen spätestens mit der Landung auf den harten Boden der Kinoirrealität. Das sieht eben aus, wie ein Mensch, der am Seil zu Boden gelassen wird. Sharon Carter betritt hier noch nicht als Steve Rogers Freundin die Bühne, sondern als junge Agentin, die ihren Platz bei S.H.I.E.L.D noch sucht, aber die entscheidenden Dinge schon sehr richtig macht. Noch ist sie die Frau am Horizont, die wohl späte Belohnung des Helden aus dem Zweiten Weltkrieg, der seit seiner Peggy – kurz vor seinem Absturz ins Eis – keine Frau mehr geküsst hat und dem Natasha Romanoff, die agile russische Agentin Black Widow, rührend versucht, etwas modernes Leben beizubringen – und eine Frau zu finden.

Letzteres scheitert schon daran, dass er „zu beschäftigt“ ist für ein Liebesleben, ständig wird er von S.H.I.E.L.D auf irgendwelche Ausputzer-Missionen geschickt, die Agentur scheint den Maskierten als ihr Eigentum misszuverstehen, der kein Privatleben hat und keines braucht. „Was macht sie glücklich?“ fragt ihn Sam, der spätere Falcon. „Ich weiß es nicht.“ antwortet Captain America. Er kennt nur den Krieg. Diese kleinen Ecken geben dem Titelhelden gerade jene emotionale Tiefe, die er braucht, um seinem gezeichneten Comic-Charakter etwas mehr realistisches Kino-Leben zu verpassen. Dafür ist Scarlett Johansson zuständig, die ihre Rolle als rothaarige Superagentin im engen Catsuit aus Iron Man 2 (2010) und The Avengers (2012) verinnerlicht hat – hier hat Widow ihre erste durchgehende Hauptrolle (neben dem Titelhelden) und kommt cool, abgebrüht, extrem beweglich, den anderen immer einen Schritt voraus; dass Scarlett Johansson im engen Kampfdress eine gute Figur macht … naja geschenkt; in diesen Superheldencomics sehen alle Frauen aus wie Topmodels, alle Männer wie Adonis.

Aktuelle Kriegspolitik und große Actiondramaturgie

Was dem Film fehlt, ist die düstere Dramatik seiner Comicvorlage, aber das machen die Autoren durch komplexe, aktuelle Politik aufgreifende Verschwörungsmotive („Das hat mit Verteidigung nichts zu tun. Das hat mit Angst zu tun!“) ebenso wett wie die Regisseure durch die bunte Actiondramaturgie. Für die Superheldencomics bedeutet CGI ein Jungbrunnen. MARVEL hat die Evolution vom Papier auf die Leinwand geschafft. Der vorliegende Actioncomic ist dramatischer Verschwörungsthriller für die Popcorngeneration, die im Kino nebenbei ihr Smartphone befingert. Die können Filmemacher mit der Langsamkeit der „Drei Tage des Condor“ heute nicht mehr vom heimischen Rechner weglocken. Also verpacken die Comicstrategen das, was sie sagen wollen, in bonbonbunte Spektakel – mit Speck fängt an Mäuse. Als Cap irgendwann die unvermeindliche Star-spangled-Banner-Rede schwingt, flachst ihn der Falcon an, ob er sich das eigentlich vorher irgendwo aufschreibe, oder ob so Sätze einfach aus seinem Kopf fielen.

In der Action aus den MARVEL Studios steckt Drama neben Dynamik. Das macht von der ersten Minute an Spaß.

Wertung: 8 von 8 €uro