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Kinofilm: Caligula
Ein verdorbenes, zerstückeltes,
plakatives Machwerk ohne Sinn
Titel Caligula
(Caligola)
Drehbuch Gore Vidal
Regie Tinto Brass & Bob Guccione (additional footage) & Giancarlo Lui (additional footage), Italien, USA 1979
Darsteller

Malcolm McDowell, Teresa Ann Savoy, Guido Mannari, John Gielgud, Peter O'Toole, Giancarlo Badessi, Bruno Brive, Adriana Asti, Leopoldo Trieste, Paolo Bonacelli, John Steiner, Mirella D'Angelo, Helen Mirren, Rick Parets, Paula Mitchell u.a.

Genre Biografie, Historien
Filmlänge 156/134 Minuten
Deutschlandstart
25. April 1980
Inhalt

37 n. Chr. im alten Rom: Der von Krankheit gezeichnete Kaiser Tiberius sucht einen Nachfolger. Deshalb holt er Gaius, auch Caligula genannt, in seinen Palast. Caligula wittert die Chance seines Lebens. Er tötet Tiberius, bemächtigt sich des kaiserlichen Siegelrings und lässt sich zum neuen Imperator ausrufen.

An der Seite seiner Geliebten (und Schwester) Drusilla führt er ein ausschweifendes Leben und ein hartes Regiment. Im Verlauf der Handlung wird seine Abhängigkeit von Drusilla immer deutlicher. Sie nennt ihn „Stiefelchen“ (Caligula: lateinisch für „Soldatenstiefelchen“, Diminutiv zu caliga).

Das Leben am Hofe ist fortschreitend durch Dekadenz und Ausschweifungen aller Art geprägt. Dabei werden mehr und mehr die geltenden Regeln ignoriert. So fordert Caligula von einem jungen Paar noch während der Hochzeit sexuelle Unterwerfung und lässt den Bräutigam schließlich ermorden. Die Ehefrauen unliebsam gewordener Senatoren zwingt er zur Prostitution, die Senatoren lässt er verbannen oder ermorden. Höhepunkt der Grausamkeiten ist der Auftritt einer riesigen Sensenmaschine, mit der im Boden des Circus Maximus eingegrabene Verräter geköpft werden.

Als er sich zum Gott ernennt, formiert sich der Widerstand gegen den Tyrannen …

Was zu sagen wäre

Ich habe den Film kurz vor meinem 19. Geburtstag im Filmtheater am Rudolfplatz in Köln gesehen, damals noch in einer ungeschnitten Zweieinhalb-Stunden-Fassung. Ich bin sehr verunsichert aus dem Kino gekommen und bin abends schlecht eingeschlafen. Mir wurde ein Rom gezeigt, in dem der allmächtige Imperator mordet, vergewaltigt, foltert, kastriert wie es ihm gerade beliebt – in einer Szene lässt er einen Wachsoldaten mit Rotwein vollschütten und ihm gleichzeitig den Penis zubinden, sodass nichts rauslaufen kann. Der Soldat wird also immer dicker und praller, bis Caligula ihm ein Kurzschwert in den Bauch sticht, der daraufhin platzt. Einem anderen Soldaten schneidet er das Gemächt ab und verfüttert es an die Hunde, die das vernehmlich schmatzend in Großaufnahme zerkauen. Beide Szenen sind mittlerweile – wenn überhaupt – nur noch auf verstaubten VHS-Cassetten zu sehen, der Film als solches nur in einer sehr verwaltigten Version – was aber schon wieder zu dem Film passt.

Handlung? Fehlanzeige!

Oben beschriebene Gräuel wären vielleicht leichter verarbeitbar für mein noch junges Hirn gewesen, wenn sie durch eine irgendwie geartete Handlung begründet gewesen wären. Waren – und sind – sie aber nicht. Tinto Brass zeigt unablässig Orgien, Folter und Morde, während am Bildrand nackte Männer wichsen, nackte Frauen ihre Vulva in die Kamera halten oder römische Edelmänner hineindrücken. Das Ambiente erinnert bisweilen an eine große Theaterbühne, in die die Kulissenbauer alles gehängt haben, was irgendwie römisch aussieht und als Herrscherpalast durchgehen kann. Darin herum laufen in der ersten viertel Stunde die Shakespeare-Größe Sir John Gielgud, Großschauspieler Peter O'Toole („Freitag und Robinson“ – 1975; „Das Wiegenlied der Verdammten“ – 1971; Casino Royale – 1967; „Lawrence von Arabien“ – 1962) als von der Syphilis zerfressener Tiberius und der durch Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ (1971) einschlägig vorgebildete Malcom McDowell. Sie rezitieren ihre Texte in teilnahmslosem, lupenreinem british accent und behaupteten später, nicht geahnt zu haben, in was Tinto Brass ihre Szenen schneiden würde. Sie waren rechtschaffen empört – glauben kann ich das nicht, da reicht ein Blick auf die nackten Menschen, die es überall in der Kulisse miteinander treiben.

Der Film ist nicht nur radikal gekürzt worden, wenn er überhaupt mal aufgeführt werden durfte, er wurde auch hemmungslos umgeschnitten. Die seit Oktober 2012 erhältliche offizielle-FSK-18-Fassung fängt mit nacktem „Hasch mich“ im sonnigen Wald an – eine Szene, die im ursprünglichen Film (damals kurz vor meinem 19. Geburtstag) noch irgendwo mittendrin war. Sobald ich mich damals von meinem Ekel erholt hatte, fiel mir kein Zugang zu dem Film ein. Römisches Kaiserportrait? Naja … Ausschweifungen der herrschenden Klasse im alten Rom als Spiegelbild heutiger Verhältnisse in der Politik? Weia … Ein komplett in die Hose gegangenes Cäsarendrama shakespeareschen Ausmaßes? Vielleicht!

Ein verkappter Porno für die Lehrer unter den Zuschauern

Der Film ist nicht … irgendwie … schön, auffällig, spektakulär fotografiert. Er hat keine sophisticated dreilagigen Dialoge. Für Porno ist zu wenig Explizites, für Sex zu viel Blutiges. Die Kulissen sehen aus wie Klein-Erna sich Herrschers Palast so vorstellt: Bunt. Gülden. Seidig. Ich weiß nicht, was der Film soll – wenn er nicht ein verbrämter Porno fürs Bildungsbürgertum sein will, weil Herr Lehrer und Frau Redakteurin sich natürlich keinen Porno im Bahnhofskino anschauen würden. Dieser hier hatte seine Köln-Premiere in dem Kino, in dem zwei Jahre vorher Krieg der Sterne (1977) Premiere hatte (damals noch ohne römische Episodenziffern); in dieses Kino gingen auch Lehrer, Journalisten, Künstler und Schüler. Heute gibt es das Kino nicht mehr. Der US-Filmkritiker Roger Ebert bezeichnete den Film als schamlosen Müll („the worst piece of shit I have ever seen“) und setzte ihn auf die Liste der von ihm meistgehassten Filme. Er nannte den Film „sickening, utterly worthless, shameful trash. If it is not the worst film I have ever seen, that makes it all the more shameful: People with talent allowed themselves to participate in this travesty.

Kann ich verstehen.

Wertung: 1 von 9 D-Mark
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