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Kinoplakat: Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung
Martin Scorsese kehrt in den Hexenkessel
des New Yorker Taxi Driver zurück
Titel Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung
(Bringing out the Dead)
Drehbuch Paul Schrader
nach einem Roman von Joe Connelly
Regie Martin Scorsese, USA 1999
Darsteller

Nicolas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Ving Rhames, Tom Sizemore, Marc Anthony, Mary Beth Hurt, Cliff Curtis, Nestor Serrano, Aida Turturro, Sonja Sohn, Cynthia Roman, Afemo Omilami, Cullen O. Johnson, Arthur J. Nascarella u.a.

Genre Drama
Filmlänge 121 Minuten
Deutschlandstart
4. Mai 2000
Inhalt

New York, Anfang der 90er Jahre. Frank Pierce ist ein Rettungssanitäter, der nachts seine Einsätze fährt, zu wenig schläft und zu viel gesehen hat. Frank lebt in einem Albtraum: Die Geister derer, die er nicht mehr retten konnte, verfolgen ihn. Er droht, daran zu zerbrechen.

Bis Frank auf Mary trifft, deren Vater er als Komapatienten in die Notaufnahme bringt: Mary hat ihre eigenen Sorgen, ihre Drogenvergangenheit, die sie einholt. Doch Frank sieht auch die Wärme und Menschlichkeit in ihr und er klammert sich daran, in der Hoffnung, sie und sich selbst zu retten …

Was zu sagen wäre

Dieser Frank Pierce ist ein naher Verwandter von Taxi Driver Travis Bickle sein. Einsam cruist er durch die Nacht, wehrlos den Gezeiten der Stadt ausgesetzt, die aus Junkies, Verrückten, Selbstmördern und Infarktopfern bestehen, nicht mehr in der Lage, sich aus dem Sumpf des Untergangs zu befreien. Wenn einer sterbe, sagt Frank, dann stehe sein Geist abseits der Rettungsmaßnahmen und warte nur darauf, dass man ihn endlich gehen lässt. Mr. Burke, Franks erster Patient im Film, will dann einfach nicht sterben; manchmal wirkt es, als wisse Mr. Burks Geist nicht, wie er wieder rein, oder ob er endlich raus kann. Irgendwann macht ihn das so fertig, dass er einen Möchtegern-Suizidalen anschnauzt, eine ganze Stadt bringe sich jede Nacht um, zerfleische sich, spritze sich tot, „und Du bringst es nicht, das Messer richtig anzusetzen?!?!?!?

Nicolas Cage, der in seiner Karriere schon so manches Opfer nahenden Wahnsinns gespielt hat („8mm – Acht Millimeter“ – 1999; Stadt der Engel – 1998; Spiel auf Zeit – 1998; Im Körper des Feindes – 1997; Con Air – 1997; The Rock – Fels der Entscheidung – 1996; Leaving Las Vegas – 1995; „Kiss of Death“ – 1995; „Tess und ihr Bodyguard“ – 1994; Airborne – Flügel aus Stahl – 1990; „Wild at Heart“ – 1990; „Mondsüchtig“ – 1987; „Peggy Sue hat geheiratet“ – 1986), liefert eine intensive Vorstellung als ausgebrannter Nachtfalke, der kein eigenes Leben hat. „Ein Leben zu retten ist wie sich zu verlieben“, sagt er, aber so ein Moment hat er seit Monaten nicht mehr erlebt. Statt einer neuen Liebe verfolgen ihn die Trennungen, also alle jene Opfer, die er nicht hat zurückholen können. Seine Kollegen machen es sich da leichter, sagen „Wer dran ist ist dran. Besser, man denkt nicht drüber nach.“ Frank sagt, in der Ausbildung hätten sie ihm erklärt, er müsse seinen Job verrichten, „wie ein Soldat, der ohne zu denken, seine Waffe auseinander nimmt und zusammensetzt“. Das schafft Frank nicht mehr – es sei denn er spritzt sich Aufputsch-Cocktails und leert seinen Jack-Daniels-Flachmann.

Der rote Faden, der so eine Art Boy-meets-Girl-Geschichte zwischen Nicolas Cage und Patricia Arquette, die ihren komatösen Vater, eben jenen Mr. Burke, in der Nothilfe bewacht, erzählt, ist mehr der Kitt, der den nicht enden wollenden Albtraum voller hyperrealistischen Episoden dramaturgisch zusammenhält. Da ist die Schwester in der Notaufnahme, die Säufer und Junkies fragt, ob sie nicht allen einen Gefallen tun, und sich einfach totspritzen oder -saufen könnten, denn schließlich: „Warum sollen wir Dir nun helfen? Du versuchst jeden Tag, Dir den endgültigen Schuss zu setzen und wir sollen Dich dann wieder aufpäppeln und dafür ein freies Bett verschwenden, das wir eigentlich nicht haben“. Diese nicht humanistische Haltung der Schwester ist angesichts der überfüllten Station voller Halbtoter, Blutender und Serienjunkies nur zu verständlich – und das ist für die Mitarbeiter nicht nach acht Stunden vorbei. Dieser spezielle just another day in the office hat kein Ende.

Oliver Stones Lieblingskameramann Robert Richardson taucht Scorseses nächtliches Junkie-New-York in tiefschwarze Bilder, ausgeleuchtet nur von Scheinwerfern, Ampeln und Signallampen – Sinnbild einer ausgebrannten Nacht voller ausgebrannter Typen (Schnee, der auf Zedern fällt – 1999; Der Pferdeflüsterer – 1998; Wag the Dog – 1997; Casino – 1995), der seine besten Filme bislang für Oliver Stone fotografiert hat (U-Turn – Kein Weg zurück – 1997; Nixon – 1995; Natural Born Killers – 1994; Zwischen Himmel und Hölle – 1993; JFK – Tatort Dallas – 1991; The Doors – 1991; Wall Street – 1987; Platoon – 1986).

Martin Scorsese (Casino – 1995; „Zeit der Unschuld“ – 1993; Kap der Angst – 1991; GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Die letzte Versuchung Christi“ – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; „New York, New York“ – 1977) kehrt zurück in sein New York von „Taxi Driver“ (1976) und „Mean Streets“ (1973). Paul Schrader (City Hall – 1996; Ein Mann für gewisse Stunden – 1980) schrieb das Drehbuch nach der gleichnamigen Romanvorlage von Joe Connelly.

Dieses impressionistische Albtraum-Potpourri, das an die ekstatischen Montagen Oliver Stones erinnert, entfaltet seine Wirkung erst im Nachhinein, erst, wenn der Vorspann vorbei, der Vorhang geschlossen ist. Die ununterbrochene Kaskade menschlicher Abgründe lässt Dich, so beeindruckend sie in jedem Einzelfall ist, im Kinosessel nach einer Weile abstumpfen. Warum noch Menschen retten? Wofür? Wenn der Vorhang zu ist, bleibt Respekt für Rettungssanitäter und Notfall-Ärzte.

Aber auch die werden das marode System nicht retten können.

Wertung: 8 von 11 D-Mark
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