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Plakatmotiv: Unicorn Store (2017)

Ein phantastisches Märchen
aus unserer realen Gegenwart

Titel Unicorn Store
(Unicorn Store)
Drehbuch Samantha McIntyre
Regie Brie Larson, USA 2017
Darsteller

Brie Larson, Samuel L. Jackson, Joan Cusack, Bradley Whitford, Mamoudou Athie, Hamish Linklater, Martha MacIsaac, Karan Soni, Annaleigh Ashford, Ryan Hansen, Mary Holland, Ithamar Enriquez, Todd Jeffries, Deb Hiett, Nelson Franklin u.a.

Genre Komödie
Filmlänge 92 Minuten
Deutschlandstart
5. April 2019 (auf Netflix)
Inhalt

Eine junge Frau namens Kid, die noch bei ihren Eltern lebt, liebt das Malen, schafft aber die Aufnahmeprüfung an der Uni nicht und muss nun einen öden Bürojob annehmen: In einer PR-Firma wird sie von Chef Gary damit beauftragt, eine Kampagne für einen Staubsauger zu entwickeln.

Verheißungsvoller erscheinen ihr da die verzierten Einladungen, die Kit plötzlich erhält: Sie soll in einen "The Store" genannten Laden kommen. Mehr steht da nicht.

Ohne also genau zu wissen, was sie dort erwartet, macht sich die neugierige Kitt auf zu dem Laden, wo sie den ganz in Pink gekleideten Verkäufer kennenlernt. Er macht ihr Bub ungewöhnliches Angebot. Der Verkäufer möchte ihr einen Kindheitswunsch erfüllen. Kit könnte ein Einhorn bekommen. Allerdings sind Vorarbeiten zu leisten. Das Einhorn brauche eine liebevolle Umgebung, also baut Kit einen Stall, färbt Heu blau und versucht, sich mit ihren Eltern zu versöhnen 

Was zu sagen wäre

Das Leben eines Erwachsenen unterscheidet sich ultimativ von dem Leben, das der Erwachsene als Kind gelebt hat, als noch Träume selbstverständlicher Bestandteil dieses Lebens waren. Wann wechselt die Perspektive? Man wird nicht plötzlich, mit einem mal erwachsen. Das muss doch ein Prozess sein. Kit steckt mitten drin in diesem Prozess.

Kit hatte so eine Art Lillifee-Kindheit; mit Prinzesschen-Diadem, bunten Regenbögen, plüschigen Glücksbärchis im Holzhaus, das Daddy ihr in den Garten gestellt hat und einem Einhorn, das im Schrank über sie wachte. Jetzt ist sie nach landläufiger Ansicht "erwachsen", um die 30, und um sie herum sind Menschen in dunklen Anzügen mit dunklen Haaren, dunklen Augen hinter dunklen Brillen, die ihr sagen, was sie zu tun hat, was richtig und was falsch ist. Einer dieser schwarz Gewandeten, ein gefeierter Künstler – gefeiert dafür, als erster einen Stock in eine Kiste gelegt und dies als "Stock in der Kiste" zur Kunst ausgerufen zu haben – lehnt sie an der Kunstakademie ab. Weil Kit viel zu bunt ist. Sie trägt regenbogenbunte Klamotten, malt regenbogenbunte Bilder und hat ein regenbogenbuntes Gemüt mit gelegentlichen Wutausbrüchen. Und sie hat das Gefühl, dass niemand sie mag, weil sie so regenbogenbunt ist.

"Unicorn Store" ist ein Märchenfilm. Angesiedelt in der Realität. Mit einer Geschichte, die nicht gebrochen wird, die nicht in einem großen Zurück-in-die-Gegenwart-Aufwach-Moment kulminiert. Kit ist eine erwachsene Frau, die halt ein wenig anders ist, als die ästhetischen Distinktionsregeln ihrer Altersgruppe es vorsehen. Deshalb muss sie in der Folge auch wieder bei ihren Eltern einziehen.

Brie Larson ist Kit (Captain Marvel – 2019; Kong: Skull Island – 2017; Raum – 2015; Don Jon – 2013; The Spectacular Now: Perfekt ist jetzt – 2013; Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt – 2010). Brie Larson ist die Regisseurin. Brie Larson nimmt sich eine Freiheit, die im US-Filmbusiness noch nicht sehr ausgereift ist: Sie erzählt Heldengeschichten aus der Mädchenperspektive statt aus der der Jungs. Filme, in denen aus Jungs Männer werden gibt es wie Sand am Meer; wir haben uns an diese Kino-Appartements gewöhnt, wo das Fahrrad an der Wand hängt, das Surfboard in der Ecke steht und das Skateboard jederzeit greifbar ist, im Kühlschrank ein Sixpack und die Pizza von gestern. Kit hat kein Fahrrad an der Wand hängen.

Kits Welt ist halt rosarot-regenbogenbunt. Das muss ich als Zuschauer akzeptieren und Larson findet den rechten Kniff, um mich mitzunehmen. Sie erzählt straight. Eben ohne so einen Aufwachen-Moment. Der Süddeutschen Zeitung sagte sie im vergangenen März, dass in ihren Augen Märchen und Realität zusammenhängen: „Fantasie ist Innovation. Wir beide würden nicht auf diesen Stühlen sitzen, wenn nicht irgendwann mal jemand in einer Fantasie oder einem Tagtraum plötzlich einen Stuhl imaginiert hätte.“ Kit wünscht sich ein Einhorn. Jungs träumen in vergleichbaren Filmen von schönen Mädchen mit großen Brüsten, das sie dann auch alsbald finden. Kit passt sich also vordergründig der Gesellschaft um sie herum an, schwört deshalb aber dem Glitzer noch lange nicht ab. Diese Lebenshaltung ist nicht einfach zu spielen, kann jederzeit ins Lächerliche kippen. Larson schafft es aber, eine Balance zwischen großäugiger Verzauberungswilligkeit, trockener Komik und Indie-Schrulligkeit herzustellen.

Dass es Einhörner nicht gibt, stellt der Film eher am Rande mal klar, wenn Kit in der Bücherei alle Bücher über Einhörner ausleihen möchte und die Bibliothekarin ihr Lexika über Mythologien anbietet. An dieser Stelle ist Samuel L. Jackson als der Verkäufer hilfreich, der Kits Traum einfach ernst nimmt (Killer's Bodyguard – 2017; Kong: Skull Island – 2017; xXx: Die Rückkehr des Xander Cage – 2017; Legend of Tarzan – 2016; The Hateful 8 – 2015; Kingsman: The Secret Service – 2014; Django Unchained – 2012; The Avengers – 2012; Unthinkable – 2010; Kill Bill: Vol. 2 – 2004; xXx – Triple X – 2002; Spurwechsel – 2002; Unbreakable – 2000; Shaft – Noch Fragen? – 2000; Rules – Sekunden der Entscheidung – 2000; Deep Blue Sea – 1999; Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung – 1999; Verhandlungssache – 1998; Out of Sight – 1998; Sphere – Die Macht aus dem All – 1998; Jackie Brown – 1997; Die Jury – 1996; Stirb langsam – Jetzt erst recht – 1995Pulp Fiction – 1994; True Romance – 1993; Jurassic Park – 1993). Jackson spielt das so, dass es einerseits komisch ist, aber immer die Möglichkeit durchscheinen lässt, alles wörtlich zu nehmen. Kit jedenfalls glaubt ihm.

Weil Kit ihren Wunsch aber lange weder in der Familie noch bei ihrem Freund Virgil formuliert, erspart uns der Film überflüssige Diskussionen über das Für oder Wider solcher Wünsche und schaut statt dessen einfach zu, was mit Kit passiert, während sie auf die Erfüllung ihres Traums wartet: Kit wird erwachsen, mit ihrem sehr speziellen Wunsch in der Familie und bei Freunden zu bestehen, wird ihre ganz persönliche Bewährungsprobe. Sie versteht schließlich, dass sie nicht für andere funktionieren muss, sondern, dass es ihr Leben ist, das sie leben sollte, nicht das eines anderen. Da braucht sie dann auch das Einhorn nicht mehr, das eben nur eine Projektionsfläche war.

Neu ist diese Erkenntnis natürlich nicht, viele Disney-Filme zelebrieren sie. Und viele der Jungs-Filme, in denen die Jungs am Ende entdecken, dass das schöne Mädchen mit den großen Brüsten nicht halb so nett ist, wie die gute Freundin nebenan, die man die ganze Zeit nicht als Mädchen wahr genommen hat. Aber Brie Larson hat einen schönen Ansatz gefunden, diese Geschichte ein weiteres Mal zu erzählen – eine Art Fantasyrealismus … oder Real Fantasy.

Wertung: 5 von 8 €uro
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