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Plakatmotiv: Teufelskreis Alpha
Elegant inszennierter Thriller mit
einer erstaunlichen Amy Irving
Titel Teufelskreis Alpha
(The Fury)
Drehbuch John Farris
nach seinem gleichnamigen Roman
Regie Brian De Palma, USA 1978
Darsteller Kirk Douglas, John Cassavetes, Carrie Snodgress, Charles Durning, Amy Irving, Fiona Lewis, Andrew Stevens, Carol Eve Rossen, Rutanya Alda, Joyce Easton, William Finley, Jane Lambert, Sam Laws, J. Patrick McNamara, Alice Nunn u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
1. März 1979
Inhalt

Während eines Urlaubs zusammen mit seinem Vater Peter wird Robert scheinbar von arabischen Terroristen entführt. Doch Peter findet heraus, dass sein Sohn sich in Wirklichkeit in den Fängen einer geheimen amerikanischen Regierungsorganisation unter der Führung des ominösen Ben Childress befindet.

Robert besitzt telepathische Kräfte und soll von der Organisation gezielt dahingehend umgepolt werden, dass er für Spionagezwecke eingesetzt werden kann. Bald hat es Childress auch auf die Studentin Gillian abgesehen, ebenfalls ein Medium.

Peter gelingt es, Gillian im letzten Augenblick den Händen der Häscher zu entreißen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Robin, der aufgrund der fortlaufenden Gehirnwäsche jedoch inzwischen bereits stark verändert ist …

Was zu sagen wäre

Paranoia. Verfolgungswahn. Eine Welt ohne Freunde. Ohne Sicherheit. Einer gegen alle. Wissenschaft und übernatürliche Kräfte. Unausgesprochene Vater/Sohn- Mutter/Tochter-Konflikte. Das ist Brian De Palmas Kinouniversum (s.u.). Zu dieser Welt gehören effektvoll in Szene gesetzte Situationen. Gleich der Einstieg in diesen Thriller: Eine Strandidylle endet in einer wilden Schießerei mit abschließender Feuerball-Explosion. Dem aufmerksamen Zuschauer wird hier eine Unaufmerksamkeit des ansonsten stilsicheren Regisseurs auffallen. Unmittelbar bevor die Schießerei losgeht, bei der ein Ober an Kirk Douglas' Tisch zwei Kugeln in die Brust bekommt, ist dieser Ober schon so nervös (an der richtigen Stelle zu zucken), dass er augenscheinlich unmotiviert zitternd Rotwein verschüttet.

De Palmas Film ist diesmal weniger Psycho- als handfester Psi-Thriller, eingehängt in die derzeit allgegenwärtige Geheimdienstparanoia, der sich vor allem das US-Kino in den vergangenen Jahren gerne bedient hat. Seinen Stilmitteln bleibt De Palma treu: elegante Plansequenzen, in denen die Kamera souverän den Figuren folgt, den Zuschauer auf deren Handeln fokussiert, ohne dass er durch Bildschnitte abgelenkt wird, die ihm neue Orientierung abnötigen. Geschickt variiert De Palma das Tempo. Er beginnt mit hoher Schlagzahl, lässt seine Geschichte dann in Agentengeplänkel mit Autoverfolgung verschwimmen. Und dann explodieren Gillian Kräfte. Sie sieht mit den Augen des verschwundenen Robin, wie der „behandelt“ wird – und wieder (wie in De Palmas Obsession) kreist die Kamera in einem 360 Grad-Bogen durch ein fernes Labor, dann Schreien, dann spritzt einer Ärztin das Blut aus allen Poren, in einem Glastisch spiegelt sich der maltraitierte Robin. Stress. Dann normalisiert sich das Tempo wieder.

Die beeindruckenste Szene gelingt De Palma, als Gillian aus der Anstalt fliehen kann. Bis sie und Peter im rettenden Bus sitzen läuft alles in Zeitlupe ab, ohne Atmo, nur mit Musik (von John Williams) unterlegt. Das dauert drei, vier Minuten, erzählt eine dramatische Geschichte von Rettung und Verlust und wirkt – in einer Zeit, in der solche Szenen zum Alltag amerikanischer Krimis gehören – durch die Zeitlupe ungeheuer intensiv. Aber de Palma hat diesmal auch zeit für Humor. Während Gillian in der Schule langsam ihre unheimlichen Kräfte kennengelernt hat, erlaubt uns De Palma Einblick in eine New Yorker Nachbarschaft, in die Peter vor seinen Geheimdienst-Häschern fliehen muss und auf eine resolute Großmutter (Mutter Nuggets) in einer nörgelnden Familie stößt; es ist das Einzige menschliche Umfeld, das in diesem Film voller böser Agenten das Adjektiv warmherzig verdient und es unterstreicht Peters Charakter als Familien-Normalo, der seinen Sohn sucht.

Kirk Douglas, 62 Jahre alt, wird zunächst über seine immer noch beeindruckende Physis präsentiert („Sieben Tage im Mai“ – 1964; Spartacus – 1960; „Der letzte Zug von Gun Hill“ – 1959; Die Wikinger – 1958; „Wege zum Ruhm“ – 1957; „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ – 1956; „20.000 Meilen unter dem Meer“ – 1954; „Die Fahrten des Odysseus“ – 1954; Reporter des Satans – 1951). So, als sei De Palma vor allem an dessen trainierten Body interessiert. Seine schauspielerischen Fähigkeiten kann Douglas erst spät im Film zeigen, wenn er Gillian die Dramen seines Lebens zusammenfasst. Da ist dieser Peter uns sehr nahe, zeigt Douglas, was er wirklich kann. Sein Widerpart Childress, John Cassavetes spielt ihn („Zwei Minuten Warnung“ – 1976; „Rosemaries Baby“ – 1968; Das dreckige Dutzend – 1967; Vom Teufel geritten – 1958), ist vor allem so, wie er aussieht: dunkel und böse – ein Schurke ohne Facetten. Amy Irving, die in De Palmas Carrie die Nebenrolle der mitfühlenden Sue spielte, muss De Palmas Film über weite Strecken auf ihren schmalen Schultern tragen. Sie ist der Teenager, hat sowas wie pubertäre Entwicklungsschmerzen hat und macht das gut, auch weil De Palma es versteht, ihr bildschönes Gesicht effektvoll einzusetzen; sie spielt die Entwicklung vom unbedarften Backfisch über den Horror blutiger Menschen hin zu Telekinese-Domina glaubhaft.

Und gibt es gar keinen Hitcock-Verweis in diesem Film des Hitchcockfans Brian de Palma? Auf dem Jahrmarkt, das „House of Horrors“ ähnelt der Architektur des Bates-Motel aus Psycho.

Wertung: 6 von 9 D-Mark
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