Plakatmotiv: Schwarzer Engel
Ein bizarr-blöder Kriminalfall
mit grandiosem Kameraballett
Titel Schwarzer Engel
(Obsession)
Drehbuch Brian De Palma + Paul Schrader
Regie Brian De Palma, USA 1976
Darsteller Cliff Robertson, Geneviève Bujold, John Lithgow, Sylvia Kuumba Williams, Wanda Blackman, J. Patrick McNamara, Stanley J. Reyes, Nick Kreiger, Stocker Fontelieu, Don Hood, Andrea Esterhazy, Thomas Carr, Tom Felleghy, Nella Simoncini Barbieri, John Creamer u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 98 Minuten
Deutschlandstart
25. März 1977
Inhalt

Michael Courtland, ein Immobilienkaufmann aus New Orleans, feiert im Jahr 1959 den zehnten Hochzeitstag mit seiner Frau Elizabeth. In dieser Nacht werden Elizabeth und Amy, die Tochter der beiden, entführt. Die Polizei rät Courtland, das geforderte Lösegeld durch wertloses Papier zu ersetzen. Das Ergebnis ist, dass die Entführer mit den beiden Geiseln frühzeitig vor der Polizei fliehen. Nach einer Verfolgungsjagd explodiert das Auto der Entführer. Courtlands Familie kommt ums Leben.

Überwältigt von Trauer und Schuldgefühlen überlässt Courtland seinem Geschäftspartner Robert Lasalle die Hauptverantwortung für das gemeinsame Geschäft und errichtet für Elizabeth und Amy ein Mahnmal, das eine Miniaturkopie der Kirche San Miniato al Monte in Florenz ist, wo Courtland und Elizabeth sich kennenlernten.

15 Jahre später ist Courtland immer noch in tiefer Trauer. Lasalle überredet Courtland, mit ihm nach Florenz auf Geschäftsreise zu gehen. Als Courtland San Miniato besucht, trifft er dort auf Sandra, eine junge Frau, die seiner Frau wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht. Courtland verfolgt Sandra und schafft es, dass sie sich für ihn interessiert.

Besessen von der Idee, Sandra zu einem Spiegelbild seiner toten Frau zu formen, reist er mit ihr zurück in die USA, wo die Heiratspläne der beiden auf Unverständnis in Courtlands Umfeld stoßen. Sandra ihrerseits scheint besessen von der toten Elizabeth zu sein und taucht in das Gefühlsleben der toten Frau ein, indem sie ihre Briefe und Tagebücher liest …

Was zu sagen wäre

Brian De Palma geht bei diesem Thriller, der mit Motiven aus Alfred Hitchcocks „Vertigo“ spielt, an die Akzeptanzgrenzen seiner Zuschauer. Dieses Melodram um Schuldkomplexe und Doppelgängerinnen und geschäftliche Verschwörungen nötigen im Kinosessel belastbares Sitzfleisch. Nicht, weil der Film langweiliig wäre; das ist er keineswegs. Aber die Geschichte ist so schwer nachvolluiehbar wie auch leicht durchschaubar, wobei bei letztem Punkt nicht klar ist, ob der Meister der Inszenierung gepatzt hat. An zwei entscheidenden Stellen im ersten Entführungsfall verrät die Montage mehr, als dem Thriller gut tut – erst bleibt die Kamera die entscheidende Sekunde zu lange stehen und drei Minuten später schaut die Kamera so deutlich nicht hin, dass dem Zuschauer erste Zweifel kommen, ob das, was in der Folge behauptet und die Psychologie des Dramas bestimmen wird, stimmen kann.

De Palma, der aus seiner Faszination auf Alfred Hitchkocks Filme kein Geheimnis macht, macht sich aus dessen Logiklöcher zu eigen. „Die Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht. Ein Kritiker, der mit etwas von Wahrscheinlichkeit erzählt, hat keine Phantasie“, sagte er François Truffaut („Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht“ – 1966). Smarte Polizisten waren Hitchcocks erstes Interesse auch nicht. Entsprechend bizarr läuft bei Brian De Palmas Melodram ein Polizeieinsatz zu beginn des Film schief – Frau und Tochter eines angesehenen Südstaaten-Geschäftsmann werden entführt und die Polizisten benehmen sich allesamt, als wären sie Praktikanten zu Besuch auf der Polizeischule. Aber so beginnen nun mal gute Thriller: Der held ist auf sich allein gestellt, weil der Kontakt aus dem ein oder anderen Grund obsolet scheint.

Wie schon Schwestern des Bösen (1972) nähert sich der Film seinem Zuschauer ber die faszinierende Inszenierung. Mit seinem Kamermann Vilmos Zsigmond macht De Palma Kino zum Balett. Immer wieder schwebt Zsigmonds Kamera im 360-Grad-Kreis um seine Protagonisten, mal, um einen Zeitsprung – „15 Jahre später“ – zu orchestrieren, mal, um im Sekundentakt wechselnde Gefühle seiner Figuren zu verdeutlichen. Dann führen sie den Zuschauer in langen Plansequenzen durch das Geschehen, lenken ihn nicht durch Bildschnitte und die damit verbundene Neu-Konzentration auf neue Perspektiven ab. Der Film feiert die Freiheiten einer beweglichen Kamera – das Stativ nutzt Zsigmond selten. Mit selten genutzten Optiken lässt er Erwachsene zu Kindern schrumpfen, Hintergründe aus der Unschärfe auftauchen. Man kann sich an diesem Film nicht satt sehen, visuell ist er ein Meisterstück.

Der Film spielt in Florenz und New Prleans. Und beide Städte sind visuell gegen die Erwartung fotografiert. In Florenz, der Stadt der Postkartenmotive, hängt ein beständig grauer, Nebel verhangener Himmel über der Stadt. New Orleans, jene Stadt voller alter europäischer Kolonialbau-Pracht erscheint unter de Palmas Regie als kalter, Hochhaus beherrschter Finanzdistrikt. Dazwischen bewegen sich die Protagonisten. Der schuldbeladene, romantische Geschäftsmann, sein pragmatisch veranlagter Partner sowie die lebensfrohe Kunsthistorikerin – der Zuschauer kann sie leicht zuordnen; es überrascht da kaum noch, dass im Zusammenhang mit der bizarren Entführungssequenz zu Beginn auch in diesem De-Palma-Film recht schnell klar, wer welche bösen Strippen zieht; als die Auflösung die Vermutungen des Zuschauers bestätigen, ist die monströse Überinszenierung (vulgo: alberne Irrealität) des Kriminalfalls längst offensichtlich.

Das schadet dem Film nur wenig. Lässt man die Rätselraterei beiseite und überlässt sich der grandiosen Montage dieses verschwenderisch elegant fotografierten Films, erntet man cineastischen Genuss. DIe Schauspieler tun ein Übriges. Cliff Robertson (Die 3 Tage des Condor – 1975) als traumatisierter Witwer kann wunderbar sanft und verliebt gucken; dass er sich wenig für Geschäftliches interessiert, überträgt sich auf den Zuschauer. Sein sanfter Blick lässt der jungen Sandra keine Wahl: Der Mann meint es ernst. Geneviève Bujold (Erdbeben – 1974; Der Dieb von Paris – 1967) als kurzzeitige erste Ehefrau und dann als junge, lebensfrohe Kunsthistorikerin ist entzückend - wenn sie dem Amerikaner begeistert ihr Florenz zeigt, ihm ihre Liebe zu Kunst und Kultur nahebringt, wird dessen verliebter Blick sehr verständlich. Dieser jungen Frau möchte man(n) einfach den ganzen Tag zugucken.

Brian De Palma ist ein perfekt orchestrierter Thriller gelungen, der allerdings, zurück im Licht des Alltags schnell an Faszination verliert; deenn die Kunst der kamera und der  Montage – also das Kino an sich – funktioniert nur im Dunkeln.
Wertung: 5 von 8 D-Mark