IMDB
Plakatmotiv: Fegefeuer der Eitelkeiten (1990)
Brian De Palma riskiert alles und
verliert gegen die Bestseller-Vorlage
Titel Fegefeuer der Eitelkeiten
(The Bonfire of the Vanities)
Drehbuch Michael Cristofer
nach dem gleichnamigen Roman von Tom Wolfe
Regie Brian De Palma, USA 1990
Darsteller Tom Hanks, Bruce Willis, Melanie Griffith, Kim Cattrall, Saul Rubinek, Morgan Freeman, John Hancock, Kevin Dunn, Clifton James, Louis Giambalvo, Barton Heyman, Norman Parker, Donald Moffat, Alan King, Beth Broderick u.a.
Genre Drama, Komödie
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
2. Mai 1991
Inhalt

Sherman McCoy ist ein erfolgreicher Börsenmakler und lebt mit seiner Frau Judy und der Tochter Campbell in New York. Er hält sich für privilegiert und bezeichnet sich selbst als „Master of the Universe“ – „von denen gab es in Manhattan 200 bis 400. Maximal.“ Mit Maria Ruskin, einer verheirateten Frau aus den Südstaaten, hält er sich eine heimliche Geliebte.

Eines Abends holt er Maria vom Flughafen ab. Auf dem Weg zu ihrem gemieteten Apartment verpassen sie am Freeway die Ausfahrt und stranden mkt ihren Mercedes Benz 280 in der Bronx. Als Sherman aussteigt, um ein auf die Straße gelegtes Hindernis aus dem Weg zu räumen, kommen zwei Schwarze auf ihn zu. Aus Angst, überfallen zu werden, flüchtet Sherman. Maria setzt sich ans Steuer und fährt mit Sherman panisch davon. Dabei fährt sie einen der beiden Schwarzen an.

Der angefahrene Schwarze – ein 18-Jähriger namens Henry Lamb – wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo man ihn wegen eines gebrochenen Handgelenks behandelt und dann wieder nach Hause schickt. Am nächsten Tag fällt er jedoch ins Koma, da man offenbar eine Gehirnerschütterung übersehen hat. Reverend Bacon, ein machtgieriger Prediger aus Harlem, macht den Fall publik und zu einem Politikum. Dabei bedient er sich der Hilfe von Peter Fallow, einem gestrandeten Reporter, der seine einst anlaufende Karriere in Alkohol versenkt hat. Fallow bringt die Geschichte in der Zeitung The City Light groß heraus.

Der jüdische Bezirksstaatsanwalt Abe Weiss ist gerade im Wahlkampf um das Amt des Bürgermeisters. Er will unbedingt einen Weißen verurteilen, damit er die Sympathien der schwarzen Wähler erhält, und so kommt ihm der Fall Lamb gerade recht. Vor dem Fall ins Koma konnte Lamb seiner Mutter den Fahrzeugtyp und die ersten beiden Buchstaben des Nummernschilds angeben. Da es laut Zulassungsstelle im Bezirk weniger als 200 Mercedes mit dieser Kombination gibt, veranlasst Weiss, dass die Polizei alle Halter besucht und befragt. Als zwei Cops bei Sherman klingeln, kommt der auffällig ins Stottern, redet wirr und verlangt schließlich einen Anwalt. Die Polizisten sind daraufhin sicher, den Täter gefunden zu haben.

Durch eine gezielte Indiskretion gelangt Shermans Name an die Öffentlichkeit, und von den sensationsgierigen Medien wird er sogleich vorverurteilt. Vor Shermans noblem Apartment kommt es zu lautstarken Demonstrationen, was die anderen Bewohner des Hauses veranlasst, Sherman zum Auszug zu drängen. Damit nicht genug: Ein von ihm eingefädeltes Geschäft mit Anleihen im Wert von 600 Millionen US-Dollar läuft schief und wird zum Totalverlust, woraufhin er seinen Job verliert. Zudem verlässt ihn auch seine Frau …

Was zu sagen wäre

Je reicher, desto gewissenloser. Je erfolgreicher, desto scheißer! Herzlich willkommen bei den Oberen 1.000 von New York, die sich um ein paar Hundert Masters of the Universe gruppieren. Brian DePalma führt uns vor, wie skrupellos sich das Tier der Gattung Mensch verhält, wenn moralische Grenzen für sie nicht mehr gelten, wenn sie gar glauben, moralische Grundsätze zu setzen. In der Skrupellosigkeit der Manhattan-High-Society finden sich manche Motive wieder, die schon im Vorgängerfilm, dem zynischen Die Verdammten des Krieges, aufblitzten. Vor einem Jahr, waren das drei plumpe GI's im Dschungel Vietnams. Jetzt zerrt De Palma die Maßanzugträger und Champagnerschlürfer Manhattans vor die Kamera. Und erzählt eine sehr böse Geschichte.

Aber die Bosheit ist diesmal nicht original die seine, es ist die Bosheit Tom Wolfes, dessen Roman De Palma verfilmt. Es ist ein Ritterschlag der Filmindustrie: De Palma, gerne apostrophiert als Verehrer und Epigone Alfred Hitchcocks, hat als Regisseur großer Thriller und ordentliche Box-Office-Erfolge vorzuweisen. Jetzt darf er einen der Bestseller der vergangenen Jahre verfilmen und bekommt als Besetzung die A-Liga: Tom Hanks, Bruce Willis, Melanie Griffith und selbst die Besetzung der Nebenrollen ist von hoch gehandelten Talenten wie Morgan Freeman bis F. Murray Abraham hochkarätig. Die Hoffnungen waren von Anfang an gedämpft, lebt Wolfes boshafte Gesellschaftsbeobachtung doch sehr von seiner spitzen Feder, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und so bleibt die nüchterne Erkenntnis: De Palma ist mit diesem ambitionierten gescheitert – auf hohem Niveau.

Es ist nicht mehr die Geschichte des vom Glück verlassenen Börsenhelden Sherman McCoy, der abstürzt. De Palma baut diese Geschichte in eine Rückblende ein, erzählt aus der Perspektive des eigentlich schon gescheiterten Reporters Peter Fallow, der sich mit dem Buch, das er über den McCoy-Fall geschrieben hat, sämtliche Literaturpreise der westlichen Hemisphäre erschrieben hat. Entsprechend spitz, scharf, und klischeebeladen ist die Betrachtung des Geschehens. Tom Wolfe erzählte aus olympischer Perspektive. Das gab dem zynischen Affen seines Romans den nötigen Zucker, um ein Bestseller zu werden. Vielleicht kann ich der Literatur, die mir eigene Vorstellungen über den Irrsin der Manhattan-Society lässt, mehr glauben, als dem auf der Kinoleinwand ausgestellten gezeigten Irrsinn, den uns eine Kamera zumindest als real verkauft

De Palma und Drehbuchautor Michael Cristofer machen aus Wolfes Absteigergeschichte eine Aufsteigergeschichte. Damit ist die Schärfe des Dramas geschliffen. Der eine steigt ab, der andere auf, so ist das halt und irgendwie tut einem der gefallene Börsenmann, der sein Heil in Vaters Landsitz auf Long Island sucht, nicht mehr weh. Im Kinosessel sollen wir uns freuen, dass der Reporter, ein Mann von unten, einer von uns, der neue Star der Manhattan-Society ist. Aber wir freuen uns nicht. Bald ist die Luft raus. Dabei beginnt der Film mit einem Irrsinnigen namens Vilmos Zsigmond.

Vilmos Zsigmond ist der Director of Photography des Films (Die Spur führt zurück - The two Jakes – 1990; Die Hexen von Eastwick – 1987; Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren – 1981; Heaven's Gate – 1980; „The rose“ – 1990; „Die durch die Hölle gehen“ – 1978; Unheimliche Begegnung der dritten Art – 1977; Schwarzer Engel – 1876; Sugarland Express – 1974; „Beim Sterben ist jeder der Erste“ – 1972). Zusammen mit de Palma einen zum Erstarren schönen Einstieg in den Film gedreht: Peter Fallow wird in einer Limousine in eine Tiefgarage gefahren, steigt mit Whikyflasche und Glas aus, er torkelt, wird von einer schmeichelnden PR-Frau abgeholt, steigt in einen Fahrstuhl, flirtetdort mit der Tochter eines Botschafters, greift zum Entsetzen eines Caterers mit voller Hand in ein frisch angerichtetes Lachs-Buffet, wird aus dem Fahrstuhl von einer anderen PR-Frau geholt und in einen großen, verschwenderisch ausgestatteten Ballsaal geführt, während zwei Lakaeien ihm das verschmutzte Hemd wechseln, den Amoking richten und die Haartolle legen. Diese Szene dauert etwa sechs Minuten und ist in einer einstellung gedreht – kein Bildschnitt stört den Fluss, der wie ein Prolog alles zusammenfasst, was in den kommenden zwei Stunden vor unseren Augen ausgerollt werden wird. Eine grandiose Szene, eine Plansequenz für die Ewigkeit, für Filmseminare, weil sie nebenbei auch in Kurzform die Entwicklung des Reporters nachzeichnet, der sich aus der Gosse (der Tiefgarage) ins Flutlicht geschrieben hat.

Aber dann kommt, außer verschwenderisch ausgestatteten Bildern, teuren Kleidern und schönen Bildern nicht mehr viel. Tom Hanks ist fals erfolgreicher Börsenmann, als Master of the Univers, als Börsenhai, zu weich; in den beiden Szenen, die ihn an seinem Arbeitsplatz zeigen, kann er nicht deutlich machen, worin seine Kunst liegt, was ihn von seinen Kollegen unterscheidet – Instinkt? Die besseren Kontakte? Die besseren Kunden? Oder doch seine Herkunft? – und sonst ist er eben der Spielball fremder Interessen, die in keinem Fall die seinen sind. Den Sherman auf der schiefen Abrutsch-Ebene macht er glaubwürdig, den Sherman aber, der Master of the Universe ist, nicht.

Seine stil- wie standesbewusste Gattin spielt Kim Catrell als hochgezüchtetes Eheweibchen, eine Comicfigur mit albernen Lifestyle-Sprüchen – weit weg von Tom Wolfes boshaften Beschreibungen ihrer Figur in der Vorlage. Melanie Griffith indes spielt das Trophy-Girl, die Frau-an-seiner-reichen-Seite perfekt. Unheimlich, wie sie es mit naiver Selbstbezogenheit schafft, dass mir im Kino die Nachos hochkommen. „Sherman, pass auf Deine Schuhe auf“, sagt sie als Maria, als Sherman in der dunklen Bronx ein Hindernis von der Straße räumen will, um irgendwie da raus zu finden. Wenn Tom Wolfe, der Adabei der Reichen und Schönen Manhattans das erzählt, glaube ich ihm das, weil er Augen- und Ohrenzeuge dieser Gesellschaft ist. Im Film sehe ich Melanie Griffith im Pelzmantel auf dem Beifahrersitz vor lauter Louis-Vuitton-Köfferchen und denke: Dieses Affektierte wirkt über weite Strecken, als wollten die Glamourbosse in Hollywood sich mal ordentlich lustig machen über die Glamourtypen in New York; die Rivalität zwischen West- und Ostküste ist ja sprichwörtlich.

Aber was De Palma sehr pointiert einfängt, sind die Mechanismen. Das, was den heutigen Gesellschaftstrieb, den Klatsch, die Sucht nach Society am Leben hält: Klientelpolitik. Interessenpolitik. Jeder ist sich selbst der Nächste. Gerade oder vor allem in einem Dschungel wie New York. „Sie waren an der Yale-University?“ fragt Sherman seinen Anwalt. „Was denken Sie darüber?“ „Es war okay. Wie solche Schulen halt sind. Man vertritt gelehrte Ansichten. Das geht gut, solange man nichts mit echten Menschen zu tun hat!“ sagt der Anwalt. Und das fasst den Subplot ganz gut zusammen: Niemand in dieser Geschichte ist real – also real im Sinne der Leute im Kinosessel. Jeder in diesem Kino-Manhattan folgt seiner Agenda, jeder hat eigene Interessen. Die Gesellschaft als solche hat längst ausgedient. Einen Kit dazu gibt es nicht mehr. Und also wird da aus einer Mücke – nein, kein Elefant! Eher ein – Brontosaurus gemacht, der allen den höchstmöglichen Gewinn bringt. Bis auf den Brontosaurus. Der liegt zermatscht in der Gosse. Insofern ist De Palmas (natürlich wieder) grandios fotografiertes Drama ein zynischer Blick auf den Menschen als solchen.

Das Drama verdichtet sich, als Sherman in die Oper geht, „Don Giovanni“ wird gegeben. De Palma steigt in die Szene ein, als es um Giovannis Höllenfahrt geht. Das Publikum ergötzt sich an einem Mann, „in den Klauen des Schicksals. Er sieht seine Verbrechen vor sich, die Verschwendung seiner selbst und anderer“, seufzt die New Yorker Society. Da spätestens ist klar: Sherman Höllenfahrt wird geschehen. Und die Society wird sich daran ergötzen, wie an einem bunten Schauspiel, nach dem man sich dann zum nächsten Stück verabredet.

Die Anwälte. Die Polizei. Die Medien. Warum wurde ich so wichtig?“ „Sie sind nicht wichtig“, sagt Peter Fallow dem stürzenden Sherman McCoy. „Sie sind der Nachtisch, kapieren Sie das nicht? In einer Woche wissen die Leute nicht mehr, was sie gefressen haben.

Und die Moral von der Geschicht'? Auch die darf sich der Zuschauer nicht selbst konstruieren. Das übernimmt Morgan Freeman, der als Chief Justice mit einem Schlussappell die Beteiligten und die Kinozuschauer nach Hause schickt, indem er daran erinnert, dass es um Anstand geht. „Geht nach Hause! Benehmt Euch wie anständige Menschen. Seid anständig!“ So glanz- und stilvoll, wie es auf der unanständigen Seite der Geschichte zugeht, wären wir da alleine womöglich nicht drauf gekommen.

Wertung: 5 von 10 D-Mark
IMDB