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Kinoplakat: Dressed to Kill (1980)
Brian De Palma erweist sich als
ein Zauberer im Hitchcock-Style
Titel Dressed to Kill
(Dressed to Kill)
Drehbuch Brian De Palma
Regie Brian De Palma, USA 1980
Darsteller Michael Caine, Angie Dickinson, Nancy Allen, Keith Gordon, Dennis Franz, David Margulies, Ken Baker, Susanna Clemm, Brandon Maggart, Amalie Collier, Mary Davenport, Anneka Di Lorenzo, Norman Evans, Robbie L. McDermott, Bill Randolph u.a.
Genre Thriller, Mystery
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
5. März 1981
Inhalt

Kate Miller ist eine sexuell frustrierte Hausfrau und Mutter. Ihrer Langeweile in der Ehe entflieht die Mittvierzigerin durch erotische Tagträume, stellt sich beispielsweise während des Duschens vor, vergewaltigt zu werden. Wenn sie von ihrem Mann beschlafen wird, benimmt der sich so, als handele es sich um eine kurze Übung zur körperlichen Ertüchtigung – so sagt sie es ihrem Psychater Dr. Robert Elliott, den sie aufsucht, weil sie durch ihre Tagträume irritiert ist.

Nach der jüngsten Sitzung bei Elliott begegnet sie in einem Museum einem fremden Mann, der sie sofort anzieht. Die beiden liefern sich ein Katz-und-Mus-Spiel durch die Ausstellungsräume zwischen alten Meistern und modernen Klassikern. Kate lässt sich auf ein sexuelles Intermezzo mit ihm ein. Doch als sie das Hotel verlassen will, wird sie im Fahrstuhl von einer blonden Frau mit Sonnenbrille mit einmem Rasiermesser ermordet.

Zeuge dieses brutalen Aktes wird die Prostituierte Liz, die sofort de Polizei einschaltet. Doch anstatt ihr zu glauben, richtet sich der Verdacht der Beamten gegen Liz selbst, da sie als einzige Person am Tatort gesehen wurde und gedankenlos die Tatwaffe aufgehoben hatte, auf der also nun ihre Fingerabdrücke sind. Mithilfe des Sohnes der Toten, Peter, kann sie ihre Unschuld beweisen und begibt sich zu Dr. Elliott, um mit ihm über die ermordete Kate zu sprechen.

Kinoplakat (Wiederaufführung): Dressed to Kill (1980)Schon bald darauf wird auch Liz von einer unbekannten Person verfolgt …

Was zu sagen wäre

Schamlos. Großartig. Nicht aus dieser Welt. Brian De Palma erzählt einen Thriller, der voller hanebüchener Wendungen ist, die man zeitgenössischen Regisseuren im Allgemeinen um die Ohren haut. Aber De Palma kümmert das nicht. Er kopiert – schamlos – sein erklärtes Vorbild: Alfred Hitchcock. Der ganze Thriller ist eine einzige Zitatesammlung, verpackt in eine leidlich spannende Jagd auf eine Mörderin, die gleichzeitig Jagd auf die Jäger macht. Und die Polizei hält währenddessen, wie so häufig bei Vorbild Sir Alfred, die Füße still; sei es aus Unfähigkeit, Faulheit oder Kalkül.

Erste Regel für Hitchcock-Epigonen: Scheiß auf die Logik. Etwas blumiger, aber im Kern so hat es Hitchcock damals seinem Interviewer Francois Truffaut erklärt. Es gehe immer nur um die innere Spannung des Films, um den Suspense. Wenn sich dann die Polizei dumm benimmt, ein Heranwachsener fragwürdige Überwachungsanlagen montiert oder Edelprostituierte zur Superdetektiven werden, egal. Die Story darf ruhig nicht aus dieser Welt sein – solange der Regen noch von oben nach unten fällt und Rasiermesser weiterhin tödlich sind. Hauptsache Spannung. Die meisten Hitchcock-Epigonen kommen über diesen Passus nicht hinaus, glauben, auf jede Logik pfeifen zu können und pfeifen auch auf die innere Logik ihres Films – heraus kommt ein Szenensammelsurium mit allerlei Mord und Blut.

Brian De Palma tritt in diese Falle nicht. Seine Mordgeschichte ist mysteriös, lässt sich viel Zeit. Bis seine Hauptfigur Kate im Bett des Fremden landet – und für diesen Akt des Ehebruchs gleich doppelt bestraft wird – vergeht gut ein Drittel des Films, in dem wir ihr durch die Stadt, zum Arzt ins Museum folgen. Wenig Handlung und kurz darauf ist die Hauptfigur, die sich gar nicht als Hauptfigur erweist, tot. Eine von mehreren Anleihen bei Psycho, in dem damals die gedachte Hauptfigur ebenfalls frühzeitig stirbt; natürlich gibt es auch Szenen unter der Dusche, die De Palma dann jeweils erfrischend anders auflöst, als wir das erwarten. De Palmas Hauptfiguren sind das naive Escort-Mädchen, für die er einmal mehr nancy Allen besetzt, die erotische Blässe versprüht („1941 – Wo bitte geht's nach Hollywood“ – 1979; Carrie – Des Satans jüngste Tochter – 1976), sowie Michael Caine als Psychater mit interessanter Patientendatei (Der Adler ist gelandet – 1976; „Der Mann, der König sein wollte“ – 1975; „Die schwarze Windmühle“ – 1974; „Mord mit kleinen Fehlern“ – 1972; Jack rechnet ab – 1971; Charlie staubt Millionen ab – 1969; Ein dreckiger Haufen – 1969; Das Milliarden Dollar Gehirn – 1967; Siebenmal lockt das Weib – 1967; Finale in Berlin – 1966; Ipcress - streng geheim – 1965)).

De Palmas überrasschend früh sterbende Kate ist natürlich selbst auch wieder ein Hitchcock-Zitat: Die kühl wirkende Blonde, in der heimlich die Leidenschaft brodelt, die dann, so Hitchcocks einmal formulierte Phantasie, auf dem Rücksitz eines Taxis explodiert; sicher kein Zufall, dass Kates aushäusiger Sex gleich sehr leidenschaftlich auf dem Rücksitz eines Taxis beginnt.

Auf diese Weise kann man jede Szene durchgehen und findet immer: Hitchcock! Die Museumsszene aus Vertigo, die psychischen Verirrungen aus Spellbound, die dann doch viel cleverer als geglaubt agierende Polizei aus Bei Anruf Mord; und muss ich erwähnen, dass der klassisch anklingende Score von Pino Donaggio Anleihen bei Bernard Hermanns irren Scores nimmt? Das Hitchcock-finmden ist lustig. Aber De Palma führt uns ja nicht aus in ein Hitchcockmuseum! Er will uns nur ablenken damit, dass er sich vor seinem großen Vorbild mit eleganten Erzählschwüngen verbeugt, will uns ablenken, damit wir nicht so genau hinsehen, was er eigentlich vorhat. Wie ein Zauberer auf der Bühne hält er uns die saftigen Hitch-Häppchen hin, die er – elegant und wunderbar fließend – in sein zunehmend erotisch aufgeladenes Mörderspiel einbaut.

Und wenn uns der Clou der Geschichte aufgeht, hat der Zauberer sein Ziel längst erreicht: Er hat uns gut unterhalten, uns manchmal in en Kinosessel gedrückt vor Angst – und auf dem Höhepunkt dann überrascht: Wie hat er das denn gemacht? Mit einem feinen Gespür für Timing. De Palmas Kameramann Ralf Bode (der mit 14 Jahren Mitte der 50er aus Deutschland in die USA auswanderte) begeistert mit feinem Licht-und-Schatten-Spiel und baut zusamen mit De Palma lange Plansequenzen, die sein Cutter Gerald B. Greenberg nur noch an- und abschneiden und in den fließenden Film einbauen muss. Die Montage dieses gut gespielten Thrillers ist, nunja, sagen wir's halt: zauberhaft.

Wertung: 8 von 9 D-Mark
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