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Plakatmotiv: Die Verdammten des Krieges (1989)
Ein bitterer Blick in die
Innereien eines Boys-Club
Titel Die Verdammten des Krieges
(Casualties of War)
Drehbuch David Rabe
nach dem Tatsachenbericht „Incident on Hill 192“ von Daniel Lang
Regie Brian De Palma, USA 1989
Darsteller Michael J. Fox, Sean Penn, Don Harvey    Don, John C. Reilly,John Leguizamo, Thuy Thu Le, Erik King, Jack Gwaltney, Ving Rhames, Dan Martin, Dale Dye, Steve Larson, John Linton, Vyto Ruginis, Al Shannon u.a.
Genre Drama, Krieg
Filmlänge 113 Minuten
Deutschlandstart
1. Februar 1990
Inhalt

Vietnam, 1969: Gerade drei Wochen ist Private First Class Eriksson an der Front, als er von seinem kaltschnäuzigen Sergeant Meserve aus einer Falle des Vietcong gerettet wird. Pausenlose Feindeinseätze im vietnamesischen Dschungel strapazieren die GI's bis zum Äußersten.

Wenig später, auf einem langen Erkundungsmarsch, befiehlt Meserve: „Zur besseren Unterhaltung“ der Truppe soll eine junge Vietnamesin gekidnappt, mitgenommen und und als sexuelle Verfügungsmasse gehalten werden. Meserves Männer, im Dschungel kalt und grausam geworden, sind von der Idee angetan.

Eriksson ist schockiert und weigert sich mitzumachen. Bald muss er sich mehr vor seinen Kameraden fürchten als vor dem Feind im Dschungel …

Was zu sagen wäre

Dies ist eine Geschichte vom Ende der Menschheit. Ein US-Spähtrupp im Dschungel, irgendwo in Vietnam. Eine Szenerie ohne Vorne, ohne Hinten, ohne Links oder Rechts. Von oben kommt Regen, von unten der Vietcong aus seinen geheimen Stollen, um sie abzumurksen. Die US-Soldaten erfüllen Aufträge, die ihnen der Sergeant gibt, sie erfüllen sie, vielleicht, und kommen zurück zur Einheit – vielleicht, wenn sie überlebt haben.

Der Spähtrupp ist nicht im Dschungel, um die einen, die angeblich guten Vietnamesen vor den bösen, dem Vietcong zu schützen. Sie wollen nur ihren Arsch retten. Die Schlitzaugen sind in ihren vor Angst flackernden Augen eines wie das andere nur gemeingefährliche Killer, Gesindel. Nichts wert. Da kann man sich eines ihrer Bauernmädchen ruhig mitnehmen, sie durch den Dschungel schleifen und dann mal ordentlich vergewaltigen. Was macht's? Die blöde Vietcong-Bitch.

Mittendrin Michael J. Fox, der auch mit 28 noch aussieht, als würde er die letzte Klasse der High School besuchen („Die grellen Lichter der Großstadt“ – 1988; „Das Geheimnis meines Erfolges“ – 1987; Teen Wolf – 1985; Zurück in die Zukunft – 1985; Die Klasse von 1984 – 1982). Fox spielt Private Eriksson, der sich dem ganzen Wahnsinn widersetzt, der dem Zwang der Gruppe nicht nachgibt, den brutalen Drohungen der Kameraden, die das Denken nicht zu ihrer Kernkompetenz zählen und mit plumper Körperlichkeit prahlen. Fox ist perfekt für diese Rolle. Sein Image, ohnehin keiner Fliege etwas zuleide tun zu können, trägt ihn sicher durch das Chaos aus Männlichkeit und Militärraison – bei der die Vorgesetzten zwar schlimm finden, was die „Jungs“ angerichtet haben, aber das hier sei nun mal Krieg, sagt sein Captain und er habe auch schon viele Schreie gehört, von US-Jungs, die qualvoll verreckt seien; und die Militärjustiz sei ja ein solchen Fällen ohnehin eher nachsichtig.

Was im Einsatz passiert ist, bleibt im Einsatz“, gibt Korporal Clarke als Devise aus. Fox' Antagonist, Sergeant Meserve, spielt kongenial Sean Penn („Colors – Farben der Gewalt“ – 1988; „Auf kurze Distanz“ – 1986; „Der Falke und der Schneemann“ – 1985; Ich glaub' ich steh' im Wald – 1982; „Die Kadetten von Bunker Hill“ – 1981), der mit abgekauten Fingernägeln und breitem texanischen Akzent seinem Affen Zucker gibt, ein Arschloch, dem der Dschungelkrieg den letzten Rest menschlichen Anstands geraubt hat, der die Armee mit einem Club für harte Kerle verwechselt und der es den verdammten Gooks schon lange mal zeigen will. Penn spielt furchtbar glaubhaft. „Sie sollten froh sein, so einen wie mich zu haben. Sie sollten uns zurückschicken in den Dschungel. Wir sorgen dafür, dass Sie hier in ihrem Alltag friedlich schlafen können.

Brian De Palma verfilmt eine Geschichte, die auf tatsächlichen Begebenheiten beruht – was den Film schon im Ansatz nicht einfacher macht. Im Sessel eines Kinos in einer zivilisierten Stadt, in der sich die Menschen an Regeln und Gesetze halten, einigermaßen miteinander klarkommen, ist es schwer, diesen Verfall jeglicher Moral vorgesetzt zu bekommen. Und jetzt bekommen wir es in diesem Kinosessel knapp zwei Stunden lang vor Augen geführt. Brian De Palma ist ein versierter Filmemacher, er weiß, wie er seine Zuschauer drankriegt. Sein Film ist packend erzählt, seine Kamera ist nah an den Soldaten und den Opfern, Ennio Morricones Panflöten im Score zum Film hypnotisieren das Grausame hin zu einem melancholischen Brei aus psychischen und sozialen Zwängen – Schuld hat niemand, sagt der Score. Darin liegt auch der Schwachpunkt des Films. Er zielt so deutlich auf die Emotion, dass der Kopf irgendwann sagt „Nu' is' gut. Hab' ich verstanden!“

Denn der Zuschauer im Kinosessel in jener westlichen Stadt ist schon angewidert von der Inhaltsangabe. Und De Palmas Inszenierung bringt dazu den Versuch einer Erkläriung, wie es dazu kommen konnte. Aber die Verrohung des Krieges durch die Sinnlosigkeit seines Seins haben zahllose Vietnam-Filme seit Anfang der 70er Jahre thematisiert. Zuletzt hat Oliver Stone erst vor drei Jahren in Platoon, der das Massaker von My Lai thematisiert, eine ganz ähnliche Eskalation erzählt. Wo jener rau den rassistischen Alltag der desillusionierten Soldaten mit hektischer Kamera erfahrbar macht, ist De Palmas Kamera – auch mittendrin – zu sauber, zu distanziert.

Den Rest der Message müssen der brave Michael J. Fox und der böse Sean Penn übernehmen. Das machen alle gut. So gut, dass der Film keine Angriffsfläche mehr hat. Am Ende, in einer zu Herzen gehenden, aber – mit dem Kopf betrachtet – unglaublich kitschigen Szene, ist dann alles sauber geklärt, sind die Bösen bestraft, die Guten geläutert, ist dem Recht zum Durchbruch verholfen.

So ist Krieg aber nicht. Hat uns der Film ja gerade erst zwei Stunden klar gemacht.

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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