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Kinoplakat: Bram Stokers Dracula
Francis Coppola macht den
Vampir zur erotischen Oper
Titel Bram Stokers Dracula
(Dracula)
Drehbuch James V. Hart
nach dem Roman „Dracula“ von Bram Stoker
Regie Francis Ford Coppola, USA 1992
Darsteller

Gary Oldman, Winona Ryder, Anthony Hopkins, Keanu Reeves, Richard E. Grant, Cary Elwes, Billy Campbell, Sadie Frost, Tom Waits, Monica Bellucci, Michaela Bercu, Florina Kendrick, Jay Robinson, I.M. Hobson, Laurie Franks u.a.

Genre Horror
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
11. Februar 1993
Inhalt

Nach dem Fall von Konstantinopel dringen die Osmanen in Europa unaufhaltsam vor. Der rumänische Prinz Dracul zieht gegen das Heer des Sultans in den Krieg. Er überlebt die schweren Kämpfe und reist zurück zu seiner Frau Elisabeta. Diese hat sich jedoch das Leben genommen, nachdem sie von den Türken die falsche Botschaft erhalten hatte, Dracul wäre im Krieg gefallen. Man teilt ihm mit, dass die Selbstmörderin exkommuniziert wurde. Erfüllt von Zorn und Trauer, schändet Dracul ein Kreuz und wendet sich vom Christentum ab. Daraufhin wird er zu ewigem Leben verdammt, in welchem Blut seine Nahrung sein soll. So wird Dracul zum Vampir.

Jahrhunderte später reist der englische Anwalt Jonathan Harker nach Transsilvanien, um die Verhandlungen über den Verkauf mehrerer Londoner Immobilien an einen Grafen Dracula abzuschließen. Im Schloss angekommen, wird er von dem greisen Grafen willkommen geheißen. Die Verträge sind rasch unterschrieben.

Kinoplakat: Bram Stokers Dracula

Dem Vampir sticht dabei ein Bild von Harkers Verlobter Mina Murray ins Auge, die seiner verstorbenen Frau Elisabeta täuschend ähnlich sieht. Die jahrhundertealte Liebe entflammt von neuem, und so reist Dracula nach England, um die Geliebte zu finden. Den Anwalt lässt er in seinem Schloss zurück, wo dieser der Lust dreier vampirischer Gespielinnen ausgeliefert ist.

In London angekommen, umgarnt er Mina in Gestalt des jungen, charismatischen Prinzen Vlad Dracul. An ihrer besten Freundin Lucy Westenra jedoch stillt er erbarmungslos seinen Hunger und macht auch sie zum Vampir. Selbst der Beistand des berühmten Professors Abraham van Helsing kann sie nicht retten. Schließlich wird sie unter seiner Anleitung von ihrem Verlobten Lord Arthur Holmwood getötet.

Währenddessen gelingt Harker die Flucht aus Draculas Schloss. Seine Verlobte Mina reist nach Transsilvanien, die beiden heiraten dort und kehren gemeinsam nach London zurück. Professor van Helsing beschließt, sich zusammen mit Harker, Lord Holmwood, van Helsings früherem Studenten Dr. Jack Seward und dem Amerikaner Quincey P. Morris dem Vampir zu stellen …

Was zu sagen wäre

Francis Coppola macht aus der berühmten Schauermär eine große romantische Oper. Seine Dracula-Version ist die Phantasmagorie voll offener Erotik, die in früheren Versionen, ja selbst im Roman nur angedeutet werden konnte/durfte. Alles an diesen Vampiren ist Erotik.

Der arme Jonathan wird in Transylvanien mit drei Vampirinnen allein gelassen, die ihm das Blut aus dem Leib vögeln. Wenn der zu Vlad Dracul gewandelte, verliebte Graf die junge Mina zum ersten Mal beißen möchte, zeigt auf dem Jahrmarkt der vielgepriesene „Kinematograph“ gerade eine nackte Frau dem Schlafgemach entsteigen. Die arme Lucy Westenra erlebt – optisch – einen andauernden Orgasmus, während der Graf sich ihr Blut nimmt.

Mina und Lucy, die beiden schnatterhaften Freundinnen, tauschen andauernd ihre erotischen Phantasiemn aus – „Sie ist ja noch fast ein Kind“, stöhnt der alternde Arzt van Helsing, als er die orgiastisch stöhnende Lucy im erotisch-roten Seidenkleid vorfindet. Alles an diesem Film ist heißblütige Leidenschaft, einschließlich der wunderbaren Sprache des 19 Jahrhunderts. Im Zentrum dieses blutenden Liebeswahns steht Winona Ryder („Night on Earth“ – 1991; Meerjungfrauen küssen besser – 1990; Edward mit den Scherenhänden – 1990; Great Balls of Fire – 1989; „Beetlejuice“ – 1988). Und jede Sekunde verstehe ich die Verzweiflung des ewigen Untoten, der den Verlust seiner geliebten Elisabetha beweint.

Kinoplakat: Bram Stokers Dracula

Ryder ist großartig als Mina, die zwischen Unschuld, Sehnsucht und erotischer Phantasie ihre Pubertät durchlebt. Ohne zu zögern glaube ich die Szene, in der sie den 400 Jahre alten Grafen kurz mal ... von ihren Talenten überzeugt.

Diesen Graf spielt der im Kino noch weitgehend unbeleckte Gary Oldman, wie Coppola überhaupt vielen jungen Schauspielern hier ein Feld zum sich austoben geboten hat. Oldman, der eben erst für Oliver Stone den Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald gegeben hat (JFK – 1991), muss hier als untoter Greis, als charmanter, osteuropäischer Graf und als Monster glaubhaft sein – und das ist er. Ich schätze, hier erleben wir ein Talent am Anfang seiner Karriere. Mit Lust am Spiel leckt der alte Graf da eine Rasierklinge ablecken, mit der Jonathan sich gerade geschnitten hat.

Draculas großer Gegenspieler ist Abraham Van Helsing – Anthony Hopkins („Wiedersehen in Howards End“ – 1992) gibt ihn als eine kuriose Abart seines Menschen fressenden Hannibal Lecter. Mehrfach darf er Anweisungen geben, Köpfe abzuschlagen und Herzen rauszureißen in einem Tonfall, als würde er nach Büroklammern verlangen.

Hinter diesem Star-Cast spielen mehrere hoffnungsvolle Jungstars Hollywoods um Aufmerksamkeit. Keanu Reeves gibt den unglücklichen Jonathan Harker, der zwar Mina ehelichen darf, aber um welchen Preis. Um die rothaarige, besessene Lucy buhlen Richard E. Grant („The Player“ – 1992; „Hudson Hawk“ – 1991; „L.A. Story“ – 1991; „Henry & June“ – 1990), Cary Elwes (Hot Shots! – Die Mutter aller Filme – 1991; Tage des Donners – 1990; Die Braut des Prinzen – 1987) und Billy Campbell (Rocketeer – 1991). Sie sind nach Typecasting besetzt – dass etwa Campbell den Cowboy gibt, ist ebenso wenig überraschend, wie dass Elwes den reichen Schnösel spielt. Sie sind einfach richtig besetzt.

In der zweiten Hälfte kehrt Francis Coppola (Rumble Fish – 1983; Die Outsider – 1983; „Einer mit Herz“ – 1981; Apocalypse Now – 1979; „Der Dialog“ – 1974; Der Pate – 1972) dann zum Schauer zurück. Jetzt geht es vor allem darum, das „Monster, die Bestie“ zu töten. Und auch hier tobt sich Coppola in einem feurigen Bilderbogen aus, jedes Bild ist angefüllt mit Symbolik, mit Farben. Hier wiederholt er im Grunde, was er erstmals im Paten feierte: Die Komplexität eines Bildes.

 

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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