Kinoplakat: Blue Jasmine
Woody Allens Porträt
einer furchtbaren Frau
Titel Blue Jasmine
(Blue Jasmine)
Drehbuch Woody Allen
Regie Woody Allen, USA 2013
Darsteller Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Andrew Dice Clay, Michael Stuhlbarg, Peter Sarsgaard, Louis C.K., Joy Carlin, Richard Conti, Glen Caspillo, Charlie Tahan, Annie McNamara, Daniel Jenks, Max Rutherford, Tammy Blanchard, Kathy Tong, Ted Neustadt, Andrew Long u.a.
Genre Drama, Komödie
Filmlänge 98 Minuten
Deutschlandstart
7. November 2013
Website woodyallen.com
Inhalt

Als Jasmine in San Francisco landet, ist sie unten angekommen. Aus den Hamptons, von der Upper East Side in die Wohnung einer Kellnerin in SanFran. Nichts ist ihr geblieben – nach dem Tod ihres Mannes. Der, Hal, hat sich erhängt; in der Zelle, in der er lebenslänglich einsitzen muss – naja, jetzt tatsächlich lebenslänglich eingesessen hat. Jasmine hat ihn dahin gebracht, hat ihn und seine schmierigen Geldgeschäfte beim FBI verpfiffen. Jene Geldgeschäfte, die ihr ein Leben in Luxus gestatteten - mit Bentleys, Nerzen, goldenen Empfängen, die Oberen Fünftausend, sie die strahlende Gastgeberin. Aber Hal, ihr Mann, hatte Affären, wollte Jasmine verlassen wegen eines paarundzwanzigjährigen Au-pair-Mädchens aus Frankreich. Da rief sie das FBI an.

Jetzt ist alles weg - kein Bentley, kein Nerz, kein Empfang, die unteren Millionen und sie ein kleiner Teil davon.

Mittellos steigt sie in San Francisco aus der Maschine, um bei ihrer Schwester Ginger unterzukommen; nicht ihre richtige Schwester, Ginger und Jasmine wurden beide adoptiert. Ihre Leben gingen dann unterschiedliche Wege; irgendwo haben sie sich noch mal gekreuzt, da hatten Ginger und ihr Mann gerade 200.000 Dollar in der Lotterie gewonnen und Jasmin versprach, Ihr Mann Hal, das Finanzgenie, werde das Geld für sie vermehren. Der Lottogewinn ist jetzt auch weg. Ginger steht wieder im Gemüseladen an der Theke.

Warum sie denn Erster Klasse hier her fliege, fragt Ginger ihre Schwester, wenn sie doch gar kein Geld habe und Jasmine brabbelt vor sich hin, es sei ja alles so schwierig und sie habe nichts mehr, habe alles verkaufen müssen und ob sich Ginger eigentlich nur die geringste Vorstellung machen könne, wie das sei, sich als Schuhverkäuferin an der Fifth Avenue durchzuschlagen und jene Frauen zu bedienen, die gestern noch ihre Freundinnen waren, die ihre, Jasmins, Empfänge beklatscht haben. Ginger ist ratlos. Und ihr Freund Auge ein wenig angefressen. Die beiden wollten eigentlich zusammenziehen und jetzt ist diese Edel-Schlampe da, der ihre Schwester Ginger so lange egal war, so lange sie da oben in den New Yorker Wolken schwebte.

Jasmine träumt davon, ihr Studium zu beenden, "alle sagen, ich sei gut in Innenarchitektur”, also will sie Innenarchitektur studieren – online, weil das billiger ist. Also besucht sie zuerst einen Computerkurs, weil sie einen Computer wird bedienen müssen, wenn sie online studieren will. Statt dessen landet sie als Sprechstundenhilfe in der Zahnarztpraxis von Dr. Flicker. Augies Kumpel Chili hat ihr den Job vermittelt.

Jasmine hält es da nicht lange aus und als Dr. Flicker nach Dienstschluss über sie herfällt, kann sie noch im letzten Moment fliehen.

Auf einer Party, wohin sie die Tischnachbarin im Computerkurs eingeladen hat, lernt Jasmine Dwight kennen. Dwight stellt sich als ambitionierter Beamter im Außenministerium vor, der „nach ein paar Jahren in Wien” in Kalifornien die Politik aufmischen will. Jasmine ist begeistert, stellt sich ihm als Innenarchitektin vor und bald rauschen beide verliebt durch Marin County – er überzeugt, die richtige Frau, „eine mit Stil” für seine Karriere gefunden zu haben, sie, wieder oben angekommen zu sein.

Dann platzt auch diese Seifenblase …

Was zu sagen wäre

Jetzt gibt es nicht mal mehr Hoffnung auf der Höllenfahrt. Nach seinen europäischen Jahren macht Woody Allen einen Zwischenstopp in den USA. Als er das letzte Mal einen Film gedreht hat so ganz ohne Humor, da war er gerade in Europa angekommen – in Match Point kann der Teufel sich am Ende am Kaminfeuer der Upper Class wärmen – um den Preis, mit seinem schlechten Gewissen leben lernen zu müssen. Aber das wird gehen, oder? Wenn die Alternative Gefängnis oder gar Todesstrafe lauten würde.

Die Wirtschaftskrise und deren Folgen sind gar nichts das Thema

In „Blue Jasmin” versperrt Allen sogar diesen zynischen Ausweg und legt sich damit einen Stein in den Weg, den er über den Abspann hinaus nicht los wird. Es sind eigentlich zwei Geschichten, die er erzählt und er kann nur zwei Geschichten erzählen, weil er Cate Blanchett an seiner Seite hat. Als der Film in die Kinos kam, war überall zu lesen, es handele sich um das Drama einer Frau in den Wirren der Wirtschaftskrise nach der Lehmann-Pleite und jeder Journalist stellte Woody Allen die Frage, inwieweit denn die wahre Geschichte des Milliardenjongleurs Bernie Madoff da hinein spiele, der für seine Straftaten zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist und der doch – mehr oder weniger – Allens Nachbar an der Upper East Side gewesen sei.

Gar nicht, sagte Woody Allen und merkte an, seine Frau habe ihm erzählt, eine Freundin habe von einer Freundin erzählt, die so einen Sturz erlebt habe; eine echte Null-Antwort. Als wolle er sagen, dass ihn dieses ganze Wirtschaftskrisen-Thema überhaupt nicht interessiere. Die Höllenfahrt des Golden Girls ist für Allen nur ein Rahmen. Den soll Cate Blanchett mal spielen und das tut sie großartig. Ich habe während des Films manchmal den Anschluss verpasst, weil ich einfach Cate Blanchett zusehen wollte, wie sie mit Grandezza das Wasserglas mit Wodka voll macht und dann eine winzige Bewegung macht, die aus bloßer Show einen echten Menschen macht … ist so was Zufallsmimik beim Dreh? Oder doch präzise gesetzt? Jedenfalls sehr groß, ein Denkmal für alle Anhängsel-Gattinnen, die sich nur auf ihren Göttergatten verlassen haben. Und damit sind wir bei der Geschichte, die Woody Allen eigentlich erzählen möchte.

Das Porträt einer furchtbaren Frau

Als Autor erzählt Allen die Geschichte einer furchtbaren Frau – die Wirtschaftskrise ist nur Auslöser, Rahmen. Diese Frau lebt einen andauernden Selbstbetrug. Schon ihr Name ist geklaut. Jasmine heißt eigentlich Janette, aber ihre Mutter mochte den Namen Jasmine so gerne, der klingt so französisch. Später hat sie ihr Studium geschmissen, ein Jahr vor dem Abschluss, für ihren Götter-Hal; alles, was Jasmine/Janette widerfährt, hat mit anderen zu tun. Ja, sie hat schon irgendwie gewusst, dass Ihr Mann da nicht so ganz legale Dinge treibt – „Mein Gott, wenn man so leicht 20 Prozent Gewinn macht, dann muss da ja irgendwas faul sein”, kiekst sie einmal betrunken, „aber ich habe doch von so was gar keine Ahnung. Ich habe ihm geglaubt!”

Jasmines Selbstbetrug geht so weit, dass sie sich in Selbstgespräche auf offener Straße verliert, sich an Straßenkreuzungen rechtfertigt für ihre Lage, in die immer die Anderen sie gebracht haben – ihr Mann, ihre Freundinnen, ihre Adoptiveltern, die Lage selbst, die erst sie zum Lügen zwingt – unablässig leidet sie vor sich hin und tut das noch, als der Abspann beginnt. Hier liegt die Krux in Allens jüngstem Werk: Das Drama hat keine Entwicklung. Jasmine betritt die Bühne als angetrunkener Nervbolzen und verlässt die Bühne als verheulter Nervbolzen. Sie, die nichts kann, außer Chic-Sein und Stil-Haben, hatte zwei Chancen – die eine, den Zahnarzt, hat sie zurecht ausgeschlagen, die andere, Dwight, ist ihr zurecht durch die Lappen gegangen; zwar ist Dwight genauso ein Blender, wie Jasmine, aber er hat wenigstens seinen BMW und seine guten Aussichten noch.

Solche Jasmines gibt es überall

„Blue Jasmine” presst einen tief in den Kinosessel, weil man den Sturz irgendwann nicht mehr mitansehen kann, weil dieses blonde Etwas da auf der Leinwand es nicht lernen wird und weiter Pillen werfen und Wodka trinken und andere für ihr Elend verantwortlich machen muss. Es gibt solche Menschen, weiß Woody Allen. Bei ihm leben sie halt in der Fifth Avenue, aber da spielt nicht seine Geschichte. Woody Alles Drehbuch spielt in San Franzisco und damit überall, wo Eltern „unsere Prinzessin” erziehen, wo die Gesellschaft „Deutschland sucht den Superstar” feiert, das „next Topmodel” findet und diese „Gewinner” dann lernen, dass sie nur Stil haben, hübsch sein und an der richtigen Stelle schweigen müssen, dann findet sich immer ein Gönner, der das Appartement mit Meerblick bezahlt. Jasmine, die mal Janette hieß, steht am anderen Ende dieser Lügen.

Und Cate Blanchett („Der Hobbit – Eine unerwartete Reise” – 2012; Wer ist Hanna? – 2011; Robin Hood – 2010; Der seltsame Fall des Benjamin Button – 2008; „Elizabeth – Das goldene Königreich” – 2007) steht mit ihrer Performance vor ihrem zweiten Oscar.

Wertung: 5 von 7 €uro