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Plakatmotiv: Extrablatt (1974)
Billy Wilder gibt seiner Verachtung
auf Zeitungs-Reporter Zucker
Titel Extrablatt
(The Front Page)
Drehbuch Billy Wilder + I.A.L. Diamond
nach Theaterstück „Reporter“ („The Front Page“) von Ben Hecht und Charles MacArthur
Regie Billy Wilder, USA 1974
Darsteller Jack Lemmon, Walter Matthau, Susan Sarandon, Vincent Gardenia, David Wayne, Allen Garfield, Austin Pendleton, Charles Durning, Herb Edelman, Martin Gabel, Harold Gould, Cliff Osmond, Dick O'Neill, Jon Korkes, Lou Frizzell u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
27. März 1975
Inhalt

Hildy Johnson ist ein Spitzenreporter bei einer Boulevardzeitung im Chicago der späten 20er Jahre. Den ständigen Stress bei der Arbeit müde, hat er sich entschlossen, den Job hinzuschmeißen, seine Freundin Peggy Grant zu heiraten und beim Bruder seines künftigen Schwiegervaters in der Werbebranche einzusteigen. Sein Chef, der intrigante Herausgeber Walter Burns, ist nicht begeistert davon, sein bestes Pferd im Stall zu verlieren. Er versucht, dies mit allen Mitteln zu verhindern.

Am Tag vor der geplanten Hinrichtung des geisteskranken Earl Williams kommen Reporter der verschiedenen Blätter in den Presseraum des Gerichtsgebäudes, um sich von den Vorbereitungen ein Bild zu machen. Sie vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen, bis Hildy erscheint, der sich von seinen Kollegen gebührend verabschieden möchte. Doch dann kann Earl Williams bei der ärztlichen Abschlussuntersuchung sich einer Waffe bemächtigen und fliehen. Nun sind die Reporter und der Sheriff nicht mehr zu halten, es kommt zu einer turbulenten Verfolgungsjagd. Währenddessen entdeckt Hildy, dass sich Williams noch im Gebäude befindet. Es gelingt ihm, ihn in den inzwischen verwaisten Presseraum zu locken und dort zu befragen.

Plakatmotiv (US): The front Page (1974)Mehr und mehr wird Hildy von dem Ablauf der Ereignisse in den Bann gezogen. Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Burns entschließt er sich, über diesen Vorfall eine letzte Titelgeschichte zu schreiben. Für Burns reicht das erwartungsgemäß nicht aus. Er bringt nach Abschluss der Story, durch Nötigung – er droht ihm sonst die „ganze Wahrheit“ in seiner Zeitung vor der bevorstehenden Neuwahl zu veröffentlichen – den Bürgermeister dazu, den Zug mit der Verlobten Peggy so lange an der Abfahrt zu hindern, bis er und Hildy mit einer Polizeieskorte am Bahnhof sind. Dort verabschiedet er sich am Zugfenster von dem Liebespaar mit den besten Wünschen und schenkt zum Abschied Hildy noch die Taschenuhr mit der Widmung seines verstorbenen Vaters und Vorgängers als Zeitungsverleger. Als der Zug abgefahren ist, geht er zum Stationsbeamten und fragt diesen, wo der Zug als nächstes hält. Nachdem dieser ihm die Station nennt, befiehlt er ihm die dortige Polizei zu benachrichtigen, dass sie einen Hildebrand Jones aus dem Zug holen sollten, der ihm seine Taschenuhr gestohlen habe …

Was zu sagen wäre

23 Jahre nach Reporter des Satans macht Billy Wilder wieder einen Film, in dem Reporter im Mittelpunkt stehen und seine Haltung diesem Berufsstand gegenüber hat sich nicht geändert. Gleich in der ersten Szene wird im Gefängnishof der Galgen aufgebaut, als sich ein Reporter über das laute Hämmern der Handwerker beklagt, man habe „hier oben hart zu arbeiten“. Dann macht er das Fenster des Pressezimmers zu und kehrt zum Pokerspiel mit den Kollegen zurück, die ihre Geschichten lieber beim Kollegen abschreiben, als mühselig selbst zu recherchieren.

Eine Komödie aus einer kaputten Gesellschaft. Der Bürgermeister und der Sheriff lassen kurz vor Wahlen Bordelle hochgehen und ein Schreiben des Gouverneurs verschwinden, das eine Hinrichtung aufschiebt, Polizsiten die erst schießen, dann fragen, ein österreichischer Psychater, der einem Delinquenten zuerst mal einen Ödipuskomplex andichtet, mit dem er unter der Schulbank onaniere und ihm dann eine geladene Pistole in die Hand drückt, eine Putzfrau, die gegen Gin Behördengeheimnisse ausplaudert.

Plakatmotiv (US): The front Page (1974)

Die Reporter sind „eine Bande verrückter Rabulisten mit Haaren und Schuppen auf den Schulten und Löchern in ihrem einzigen Paar Schuhen, die durchs Schlüsselloch spionieren, die um 12 Uhr Mitternacht Leute wecken um sie zu fragen, was sie von Aimee Semple McPherson halten. Die alten Müttern die Fotos ihrer Töchter klauen, die man nachts im Hof vergewaltigt hat. Und wozu? Nur damit Millionen Ladenmiezen und Bürotippsen angenehmer schauern. Und einen Tag später wickelt einer mit dem ganzen Mist eine tote Makrele ein.

Wilder und sein ewiger Co-Autor I.A.L. Diamond haben dieser insgesamt dritten Verfilmung des Bühnenstücks „The Front Page“ von Ben Hecht und Charles MacArthur mit wunderbaren Dialogen aufgepeppt: „Ich kenne Deine ‘hübschen Abschiedspartys‘. Als Ben Hecht nach Hollywood ging, hast Du ihm ein Schlafmittel in seinen Gin Fizz getan. Wir brauchten vier Mann, um ihn zum Zag nach Kalifornien zu bringen.“ „Und was ist aus ihm geworden? Da sitzt er nun unter seinen gottverdammten Palmen und schreibt Dialoge für Rin-Tintin!

Der Film lebt von seinen Schauspielern. Jack Lemmon (Avanti, Avanti! – 1972; Nie wieder New York – 1970; Ein seltsames Paar – 1968; Der Glückspilz – 1966; „Das große Rennen um die Welt“ – 1965; Das Mädchen Irma La Douce – 1963; Das Appartement – 1960; Manche mögen's heiß – 1959), hin- und hergerissen zwischen Frau und Titelseite spielt seinen Part mit der Gelassenheit des erfahrenen Schauspielers, dessen Timing sitzt. Walter Matthau gibt herrlich den cholerischen Chefredakteur; solche Rollen beherrscht er im Schlaf (Erdbeben – 1974; Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 – 1974; „Massenmord in San Francisco“ – 1973; „Der große Coup“ – 1973; „Die Kaktusblüte – 1969; Ein seltsames Paar – 1968; Der Glückspilz – 1966; „Angriffsziel Moskau“ – 1964; Charade – 1963). Das Lemmon und Matthau sich am Set blind verstehen und sich gegenseitig antreiben, ist sein The Odd Couple beider Markenkern. Das tun sie auch hier. Vincent Gardenia als Bluthochdruck-Sheriff auf der Abschlussliste ist ein Freude.

Die Spiellaune der Schauspieler überdeckt ein wenig die Längen der Inszenierung. 105 Minuten für die eher unterkomplexe Story, die in nur wenigen Räumen spielt, wirken irgendwann länglich, da helfen dann auch die derben Flüche und boshaften Tricksereien von Chefredakteur Burns nicht mehr.

Alles in allem unterhaltsam, schön ausgestattet, lebendig gespielt und ein bisschen böse.

Wertung: 6 von 8 D-Mark
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