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Plakatmotiv: Eins, Zwei, Drei (1961)
Kino mit Bluthochdruck
Titel Eins, zwei, drei
(One, Two, Three)
Drehbuch Billy Wilder + I.A.L. Diamond
nach dem Bühnenstück „Eins, zwei, drei“ („Egy, kettő, három“) von Ferenc Molnár
Regie Billy Wilder, USA 1961
Darsteller James Cagney, Horst Buchholz, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Howard St. John, Hanns Lothar, Liselotte Pulver, Leon Askin, Ralf Wolter, Karl Lieffen, Hubert von Meyerinck, Loïs Bolton, Peter Capell, Til Kiwe, Henning Schlüter, Karl Ludwig Lindt u.a.
Genre Komödie
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
18. Dezember 1961
Inhalt

C. R. MacNamara ist Direktor der Coca-Cola-Filiale in West-Berlin. Da er Europachef in London werden möchte, plant er, das Brausegetränk auch hinter dem Eisernen Vorhang zu vertreiben. Doch W. P. Hazeltine, der Vorstandsvorsitzende in Atlanta, lehnt dies ab, da er mit den Kommunisten keine Geschäfte machen will. Er bittet MacNamara stattdessen, seine Tochter Scarlett während deren Berlin-Visite zu betreuen. Widerwillig stimmt MacNamara zu. Eigentlich wollte seine Frau mit den Kindern verreisen und er hätte dann Gelegenheit gehabt, mehr Zeit mit seiner hübschen Sekretärin Ingeborg zu verbringen.

Scarletts Besuch verläuft zunächst reibungslos, bis sie eines Tages plötzlich verschwunden ist. Ausgerechnet jetzt kündigen ihre ahnungslosen Eltern für den nächsten Tag ihren Besuch in West-Berlin an. Als Scarlett wieder auftaucht, stellt sich heraus, dass sie inzwischen geheiratet hat, und zwar den gutaussehenden und linientreuen Jungkommunisten Otto Piffl aus Ost-Berlin. MacNamara sieht seine Karriereträume bedroht und fädelt deshalb mit Hilfe seines unterwürfigen Assistenten Schlemmer eine Intrige ein, um Piffl wieder loszuwerden. Der Kommunist Piffl wird als vermeintlicher Westspion am Brandenburger Tor von den ostdeutschen Grenzwächtern verhaftet und der Volkspolizei übergeben.

Um die Eheschließung rückgängig zu machen, arrangiert McNamara außerdem im Ostberliner Standesamt die Aufhebung der Ehe. Aber der Schuss geht nach hinten los: Als Scarlett erfährt, was mit Otto geschehen ist, bricht sie zusammen. Und zu allem Unglück stellt sich noch heraus, dass sie von Piffl schwanger ist …

Plakatmotiv: Eins, Zwei, Drei (1961)

Was zu sagen wäre

Billy Wilder bedient sich einer Regel, die auf Alfred Hitchcock zurückgeht: Die Menschen in der erzählten Welt müssen sich dieser Welt entsprechend verhalten. Wilders erzählte Welt ist die des Coca-Cola-Konzerns, Hersteller einer Brause, der man belebende Wirkung nachsagt („Das erfrischt richtig“). Entsprechend belebt bewegen sich die Menschen durch diese Welt: zappelig, immer auf dem Sprung, meist etwas über Zimmerlautstärke; dem Film Hektik zu unterstellen, ist richtig und trifft es zugleich nicht. Billy Wilder hat es geschafft, dieses maschinengewehrschnelle Stück elegant zu orchestrieren und ausgewogen zu besetzen. James Cagney soll sich über Horst Buchholz aufgeregt haben, weil der sich mit übertriebenem Schauspiel als „Szenenstehler“ versucht haben soll. Schwer vorstellbar – nach Ansicht des fertigen Films – dass hier irgendwer dem grandios aufspielenden Cagney die Show hätte stehlen können.

Plakatmotiv (US): One, Two, Three (1961)

Horst Buchholz (Die Glorreichen Sieben – 1960), den überzeugten Kommunisten Otto Piffl spielt, kann man vorwerfen, dass er seine Sätze mehr deklamiert, denn spricht. Das passt aber erstens zu dem unmenschlichen Kommunismus, den Wilder hier portraitiert; außerdem könnte man sich anders, als Parolen deklamierend, gar keinen Platz neben James Cagneys C.R. MacNamara verschaffen. Dennoch bezeichnete Cagney Buchholz in einem Interview später als den einzigen Schauspielkollegen, den er in seiner langen Karriere offen nicht gemocht hätte. „Eins, zwei, drei“ bliebt 20 Jahre lang sein letzter Film, bis er in Milos Formans „Ragtime“ wieder auftrat – seinen Rückzug ins Privatleben erklärte da mit dem Streit mit Buchholz – es war nicht zu klären, ob das vielleicht ein Scherz war.

Zwischen diesen beiden hochdrehenden Schauspielern hat Wilder wunderbare Gegengewichte gehängt: Liselotte Pulver spielt mitreißend die höchst anmutige Sekretärin mit süßem Lächeln, das selbst drei hartherzige Kommunkisten erweicht, die sich prompt – eine kleine Verbeugung vor Ernst Lubitschs „Ninotschka“, an dem Wilder mitgeschrieben hatte – in den Westen absetzen. Hanns Lothar ist Schlemmer, dauernd die Hacken zusammen schlagender, serviler Assistent des Cola-Bosses, der Cagney („Jeremy Rodack – Mein Wille ist Gesetz“ – 1956; „Yankee Doodle Dandy“ – 1942; Die wilden Zwanziger – 1939; Oklahoma Kid – 1939; Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern – 1938; „Ein schwerer Junge“ – 1934; „Der öffentliche Feind“ – 1931) in der Tat mit faszinierendem Timing und urkomischer Brillanz mehrfach die Szene klaut. Hätte Karl Lieffen, der MacNamaras Chauffeur spielt, mehr Szenen, er hätte sich mit Lothar um die inoffizielle Trophäe Beste Performance eines deutschen Schauspielers in einem US-Film balgen können.

Zu den die Balance tarierenden Gegengewichten zählen auch wunderbare Nebenfiguren wie die drei russischen Handelsvertreter – gespielt von Leon Askin, Ralf Wolter und Peter Capell – und auch Hubert von Meyerinck, der hier als baldiger Adoptivvater Graf Waldemar von und zu Droste-Schattenburg seine Monokel-Rollen aus zahllosen deutschen Produktionen seit der Stummfilmzeit variieren darf. <Nachtrag 2017>In einem Interview mit dem Hamburger Magazin Der Spiegel schwärmte Billy Wilder Jahre später über von Meyerinck: „Ich erinnere mich an einen schwulen Schauspieler, den wir „Hubsi“ nannten, Hubert von Meyerinck. Er hat sich selbst dessen nie gerühmt, aber in der Kristallnacht ist er über den Kurfürstendamm gelaufen und hat gerufen: „Wer auch immer unter Ihnen jüdisch ist, folgen Sie mir.“ Er hat die Leute in seiner Wohnung versteckt. Ja, es hat sie gegeben, die anständigen Menschen, deren Worten man glauben konnte, daß es schwierig war, Widerständler zu werden in jener Zeit. Menschen wie Meyerinck waren herrlich, wunderbar.</Nachtrag 2017>

Plakatmotiv: Eins, Zwei, Drei (1961)Billy Wilder, der vor den Nazis 1933 aus Berlin über Paris in die USA geflohen war und nach Eine auswärtige Affäre (1948) jetzt zum zweiten Mal in seiner verlorenen Wahl-Heimatstadt drehte, lässt an seiner Haltung faschistischen Systemen gegenüber (ob nationalsozialistisch oder kommunistisch) keinen Zweifel aufkommen: „Ein Teil der östlichen Volkspolizisten waren bösartig und unwillig. Dafür waren andere unartig und böswillig. Im Osten war noch viel kaputt. Aber die Kommunisten hatten ja was anderes zu tun: Sie marschierten, um gegen das Marschieren zu demonstrieren.“ Den glühenden Kommunisten Otto lässt er gegenüber seiner aus reichem Hause stammenden Ehefrau schwärmen von Ein-Raum-Unterkünften in Moskauer Wohnblöcken mit nur „wenigen Minuten zum Waschraum“, von Frühstück, Mittag- und Abendessen im Bett, weil es weder Tisch noch Stühle gebe.

Wilders Abneigung dem kommunistischen Regime gegenüber dürfte gesteigert worden sein, als mitten in die Dreharbeiten, die von Juni bis September 1961 dauerten, der Bau der Berliner Mauer platzte. Plötzlich war es nicht mehr möglich, am Brandenburger Tor zu drehen, das dann aufwändig als Kulisse auf dem Bavaria-Film-Gelände in Geiselgasteig bei München nachgebaut wurde. Gleichzeitig waren die im Film gezeigten Verhältnisse auf einen Schlag nicht mehr aktuell. Bei einigen Szenen, die in Ost-Berlin spielen, ist erkennbar, dass sie (aus naheliegenden Gründen) in West-Berlin gedreht wurden: Beispielsweise ist während der Verhaftung Piffls durch die DDR-Volkspolizei im Hintergrund die Matthäuskirche in Berlin-Tiergarten zu sehen und beim nächtlichen Besuch MacNamaras in Ost-Berlin die Ruinen des Anhalter Bahnhofs in Kreuzberg.

Diese Stolpersteine stören den Spaß am Film nicht, die Zuschauer haben ohnehin kaum Zeit, irgendwo genauer hinzuschauen. Wilders Komödie dreht knapp zwei Stunden auf hoher Oktanzahl, feiert im Hintergrund amerikanischen Unternehmergeist gegen den kommunistische Illusionen und deutsche Hörigkeit, hier kämpft Corporate America im Nachkriegskino mit „Mach mal Pause“ gegen hackenschlagendes Obrigkeitsgehabe – Betonung auf Corporate.

Es ist zwar die Welt von Coca Cola, also nicht die von Pepsi Cola. Dennoch wird die große Konkurrenzmarke der Brause aus Atlanta, Georgia an verschiedenen Stellen im Film wirksam und positiv untergracht. Joan Crawford hatte sich bei ihrem Freund Billy Wilder beklagt. Crawford war gerade in den Aufsichtsrat von Pepsi berufen worden und protestierte gegen die Produktplatzierung für Coca-Cola. Wilder machte sich einen Spaß draus: In der Schlussszene greift MacNamara ins Auswurffach eines Coca-Cola-Automaten und holt eine Pepsi raus, deren Etikett er frontal in die Kamera hält und in diese (ein letztes Mal) seine häufigste Dialogzeile in diesem Film schreit: „Schlemmer!!!

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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