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Plakatmotiv: Das verflixte 7. Jahr (1955)
Paranoia des Mannes
Schwül und Komisch
Titel Das verflixte 7. Jahr
(The Seven Year Itch)
Drehbuch Billy Wilder + George Axelrod
nach dem Theaterstück „Meine Frau erfährt kein Wort“ („The Seven Year Itch“) von George Axelrod
Regie Billy Wilder, USA 1955
Darsteller Marilyn Monroe, Tom Ewell, Evelyn Keyes, Sonny Tufts, Robert Strauss, Oskar Homolka, Marguerite Chapman, Victor Moore, Dolores Rosedale, Donald MacBride, Carolyn Jones u.a.
Genre Komödie
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
9. September 1955
Inhalt

Manhattan: Richard Sherman schickt seine Ehefrau Helen und den gemeinsamen Sohn Ricky im heißen Sommer aufs Land nach Maine, während er wie auch viele andere Familienväter über die Hundstage alleine in der Stadt zurückbleibt. Richard ist entschlossen, nicht wie andere Ehemänner seine Zeit mit Trinkgelagen und Liebeleien zu verschwenden. Aber seine Vorsätze sind vergessen, als eine sinnliche Blondine in die Wohnung über seiner einzieht. Das Mädchen, ein Model und Schauspielerin, dreht Werbespots für eine Zahnpasta und verdreht ihm sofort den Kopf. Passenderweise arbeitet der Verlagsmanager Sherman gerade an der Veröffentlichung eines Buches vom Psychiater Dr. Brubaker, der schreibt, dass fast alle Männer sich im siebten Jahr ihrer Ehe nach Affären umsehen. Mehrmals verfällt Sherman in wirre Tagträume, in denen er beispielsweise seiner Frau seine Attraktivität beweisen will oder er das Mädchen leidenschaftlich beim Klavierspielen verführt.

Abends trifft er sich mit dem Mädchen und behauptet zuerst, dass er unverheiratet sei, bis sie seinen Ehering bemerkt. Als er sie einmal beim Klavierspielen berührt, kommen Schuldgefühle bei ihm auf und er bittet sie, seine Wohnung zu verlassen. Robert ist zwar zu ihr hingezogen, kann sich aber nicht zu einer Affäre durchringen. Er bildet sich ein, seine Frau erfahre von seiner möglichen Untreue und würde ihn daraufhin erschießen.

Sherman und das Mädchen verbringen auch den nächsten Abend miteinander, wobei die Blondine ihn als netten Freund schätzt, der als verheirateter Herr im Gegensatz zu vielen anderen Männern ja keine „Gefahr“ für sie bedeute. Richards Ehefrau Helen ruft unterdessen mehrmals an, er möge doch endlich das zu Hause vergessene Paddel schicken, damit ihr Sohn Ricky Kajak fahren kann. Die Gedanken von Richard sind allerdings durch das Mädchen so verwirrt, dass er das Paddel stets vergisst …Plakatmotiv: Das verflixte 7. Jahr (1955)

 

Was zu sagen wäre

In Manhattan ist es im Sommer heiß, an der Küste ist es kühl. Angeblich ist es so, dass daher die arbeitenden Männer ihre von Haushalt und Aufzucht der Kinder ermatteten Gattinnen raus ans meer schicken, während sie in schlecht klimatisierten Büros den unterhalt der Familie sichern. Nun weiß man nicht erst seit gemeinsamen tagen in Schützengräben, dass eine Gruppe Frauenloser Männer in Tateinheit mit Hitze zu seltsamen Themenballungen führt – es geht meist um das verführbare Weib. Denn auch, wenn alle frauen aufs Land geschicjt werden, bleiben doch einige zurück – Sekretärinnen, Hilfsarbeiterinnen, oder Fotomodels, die sich in heißen Sommern sinnlicher fotografieren lassen, als in nasskalten Wintern. Und so steht also eines schwülen Nachmittags der Büromensch Richard dem blonden Kindchen gegenüber. Einen Namen hat die blonde Sause nicht, dafür große Augen, blonde Haare und häufig wechselnde Garderobe.

Plakatmotiv: Das verflixte 7. Jahr (1955)Diese Reduzierung der Frau auf ihre sekundären Geschlechtserscheinungen wäre höchst frauenfeindlich, wäre da nicht der Mann, der zwar einen eigenen Vornamen hat, dafür aber von nichts anderem umgetrieben wird als von allenfalls für Groschenromane taugenden Erotik-Fantasien. Je wilder diese im Film werden, desto impotenter wird ihr Träger, der sich empört eingebildeter Annäherungsversuche der Blondine aus dem ersten Stock erwehrt, die noch gar nichts gemacht hat: „Was bildet sie sich ein, nur ein Drink und dann schmeiß' ich sie raus.“ Richards Impotenz geht soweit, dass er schließlich die Flucht ergreift und zur eigenen Gattin in die Sommerfrische flieht – die im Film freilich eher die Rolle einer Mutter einnimmt, die Richards Fantasien mild tadelnd oder nachsichtig lächelnd kommentiert. Kurz: Männer sind doof, Frauen sind Elfen oder Mütter. Dass das witzig sein soll, ergibt sich aus dem Umstand, dass wir uns das anschauen und lachen. Im Kern stimmt's wohl. Und weil Billy Wilder seinen Richard die Vierte Wand durchbrechen lässt, indem der sich mehrmals in die Kamera dreht, sich also direkt an den Zuschauer wendet, integriert er uns ins Stück, solidarisiert er uns mit dem Mann und seinen Nöten. Das geht soweit, dass Richard, als gegen Ende des Stücks sein Freund Tom in der Wohnung steht, dem Richard eben noch in wilden Fantasien ein Verhältnis mit seiner Frau angedichtet hat, und fragt, welche blonde Frau denn da wohl hinter der Küchentür stehe, Richard antwortet: „Marilyn Monroe“.

Eine erotischere Fantasie als die, Marilyn Monroe im Schlafzimmer zu haben, ist, so suggeriert diese Szene, zurzeit augenscheinlich nicht vorstellbar; und gleichzeitig wird die Fantasie ur albernen Charade. Wo Richard sich ein erotisches Tête-à-Tête mit Champagner am Flügel zu den Klängen von Rachmaninov imaginiert, steht die reale Blondine auf den Flohwalzer und tunkt ihren Chip ins volle Sektglas. Monroe spielt ihr verführerisches Image, das sie sich in den zurückliegenden zwei Jahren durch Filme wie „Fluss ohne Wiederkehr“, „Rhythmus im Blut“ (beide 1954) oder „Niagara“, „Blondinen bevorzugt“, und „Wie angelt man sich einen Millionär?“ (alle 1953) erarbeitet hat, gekonnt ironisch aus: „Richten Sie ihrer Frau aus, dass eine Ehefrau, die Lippenstift nicht von Johannisbeersaft unterscheiden kann, ihren Mann nicht verdient hat“, sagt sie, küsst Richard auf den Mund und schickt ihn zu seiner Frau. Billy Wilder hätte wohl gerne einen tatsächlichen Ehebruch in seine Komödie gebaut, so wie sie im zugrundeliegenden Broadway-Hit durchaus vorkommt, aber mit einer solchen Szene kam er beim gestrengen Production-Code nicht durch. Statt dessen sitzt Monroe bei dem verheirateten Mann in der Wohnung und findet das nicht anzüglich, im Gegenteil: „Dauernd verlieben sich Männer in mich. Kaum lernern sie mich kennen, wollen sie mich heiraten. Mit einem verheirateten Mann allein auf dem Teppich kann nichts passieren. Er kann einen niemals heiraten wollen. Weil er schon verheiratet ist.

Plakatmotiv: Das verflixte 7. Jahr (1955)Neben Monroe brilliert Tom Ewell, der die Rolle auch am Broadway schon gespielt hatte, als panischer Richard mit den komischen Tagträumen aus dem Büro – Sekretärin fällt über ihn her: „Ich brauche Sie. Ich verzehre mich nach Ihnen!“ „Das wäre alles für heute, Mrs. Morris.“, sagt er und schickt sie aus dem Büro – der beständig zwischen Lust und Anstand oszilliert.

Zusammengehalten wird die charmante Beobachtung menschlicher Schwächen vor allem durch solche wunderbaren Erkenntnisse in den Dialogen, die Billy Wilder und George Axelrod für den Film geschrieben haben. Wo Wilder von „Heiraten“ schreibt, meint er „Sex“ und Männer, die schon verheiratet sind, haben keinen Sex mehr – mit solchen Anzüglichkeiten spielt der ganze Film sehr effektvoll. Nackheit fürhrt hier nicht zum Sex, sondern zum Frieden unter den Völkern – noch ganz auf seine guten Vorsätze bedacht, geht Richard, nachdem er Frau und Sohn in den Zug gesetzt hat, in ein vegetarisches Restaurant, in dem er an eine verhärmte, dürre Kellnerin gerät, die über die Frieden stiftende Nackt-Kultur schwärmt: ”Kleider sind des Menschen Feind. Ohne Kleider gäbe es keine Krankheiten und keine Kriege. Können Sie sich zwei feindliche Armeen auf dem Schlachtfeld vorstellen, ohne Uniform und vollkommen nackt? Sie gleichen sich wie Brüder und niemand kann Freund von Feind unterscheiden.“

So sprühend die Dialoge des Films, so vernachlässigt das Bild. Der Film bezaubert nicht. Er spielt großteils im engen Appartement des Strohwitwers, in dem die Kamera wenig Bewegungsspielraum hat. Alfred Hitchcock hat im vergangenen Jahr mit Das Fenster zum Hof und Bei Anruf Mord eindrucksvoll gezeigt, wie man die Schwäche des beengten Raums in eine Stärke des Films verwandelt. Aber darin unterscheiden sich diese beiden zurzeit herausragenden Regisseure Hollywoods: Hitchcock setzt auf Bild und Montage, Wilder setzt auf Dialog und Schauspiel. Hitchcock will spannend unterhalten. Wilder will die Zuschauer mit deren Schwächen unterhalten.

Wertung: 5 von 6 D-Mark
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