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Plakatmotiv (US): Das Privatleben des Sherlock Holmes (1970)
Ein Schlüssellochfilm nur
für Sherlock-Hoilmes-Fans
Titel Das Privatleben des Sherlock Holmes
(The Private Life of Sherlock Holmes)
Drehbuch Billy Wilder + I.A.L. Diamond
mit Charakteren aus der Feder von Arthur Conan Doyle
Regie Billy Wilder, UK, USA 1970
Darsteller Robert Stephens, Colin Blakely, Geneviève Page, Christopher Lee, Tamara Toumanova,Clive Revill, Irene Handl, Mollie Maureen, Stanley Holloway, Catherine Lacey, Peter Madden, Michael Balfour, James Copeland, John Garrie, Godfrey James u.a.
Genre Abenteuer, Komödie
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
21. Juni 1976 (TV-Premiere)
Website mgm.com/The-Private-Life-of-Sherlock-Holmes
Inhalt

Fünfzig Jahre nach dem Tode von Dr. Watson wird, seinem letzten Willen entsprechend, aus dem Gewölbe einer Londoner Bank eine Truhe mit seinem Nachlass hervorgeholt und geöffnet. Sie enthält Erinnerungsstücke an seinen Freund Sherlock Holmes sowie ein von Watson verfasstes Manuskript, das Details aus dem Leben von Sherlock Holmes jenseits seiner großen, bekannten Kriminalfälle liefert, die Watson bereits früher veröffentlicht hat.

Holmes, der zusammen mit Watson in einer Wohnung in der Londoner 221B Baker Street wohnt, leidet mangels neuer interessanter Aufträge an Unterforderung. So stimuliert er sich selbst gelegentlich mit Kokain, was Watson als Arzt natürlich missfällt. Eines Tages bekommen sie eine Einladung zu einer Schwanensee-Aufführung eines berühmten russischen Ballett-Ensembles. In der Hoffnung auf eine neue Aufgabe besuchen sie sie, doch Holmes muss dort erfahren, dass die berühmte Primaballerina Madame Petrova lediglich die Absicht hat, mit ihm zusammen gegen Honorar ein Kind zu zeugen, um seinen genialen Geist mit ihrer Grazie und Schönheit zu vermischen. Derart in die Enge getrieben und um Madame nicht zu verletzen, behauptet der desinteressierte Holmes, dass er mit Watson eine homosexuelle Beziehung unterhalte. Watson reagiert entsetzt und empört, als er von dieser Falschaussage erfährt. Dennoch rätselt er, was für Beziehungen Holmes eigentlich zu Frauen pflegt. Bald soll er es erfahren.

Eines Abends bringt eine Kutsche eine junge Dame bei Holmes vorbei, die der Kutscher aus dem Wasser der Themse gezogen hat. Die Dame leidet offenbar unter Gedächtnisschwund, vermutlich weil sie gerade einen Mordanschlag überlebt hat. Holmes findet heraus, dass die Dame Gabrielle Valladon heißt und ihren Mann, Emile, sucht. Holmes, Watson und Gabrielle machen sich auf, diesen zu finden. Dabei tritt plötzlich Holmes’ Bruder Mycroft auf den Plan, der für die britische Regierung arbeitet. Mycroft fordert seinen Bruder Sherlock ohne weitere Erklärung auf, die Finger von der Sache zu lassen. Doch dieser fühlt sich jetzt erst recht motiviert.

Die Spur führt die drei ins schottische Hochland nach Inverness. Sie beobachten, dass auf einem Friedhof drei Särge gleichzeitig beigesetzt werden, ohne dass Angehörige anwesend sind. Misstrauisch geworden entdecken sie in einem Sarg den gesuchten Emile. Holmes fällt dabei auf, dass der kupferne Ehering seltsam verfärbt ist und drei weißgebleichte Kanarienvögel dabeiliegen. Derartige Verfärbungen treten, so Holmes' Mutmaßung, unter Einfluss von Chlorgas auf.

Im nahegelegenen Loch Ness entdeckt Watson das sagenhafte Ungeheuer. Bei einer Bootsfahrt stellt Holmes fest, dass es sich um ein maschinell angetriebenes Fahrzeug handeln muss. Jetzt taucht auch Mycroft wieder auf. Dieser tadelt seinen Bruder, nicht auf ihn gehört zu haben, ist jetzt aber entschlossen, ihn über die Hintergründe aufzuklären, und führt ihn zu einer versteckt liegenden Halle in der Ruine von Urquhart Castle, in der er ihm den Prototyp eines ersten britischen Unterseeboots zeigt, das im Loch Ness streng geheim getestet wird. Dabei kam es zu einem Unfall, bei dem im Innern des Bootes Chlorgas entstanden ist, durch das drei Besatzungsmitglieder getötet wurden …

Plakatmotiv (US): Das Privatleben des Sherlock Holmes (1970)

Was zu sagen wäre

Der Film verspricht eine Schlüssellochperspektive auf einen Mann, der eine der berühmtesten fiktionalen Figuren ist – das heißt: Billy Wilder eröffnet uns einen großen Kosmos. Da gibt es eine Girl meets Boy-Variante, bei der lange nicht klar ist, wer der Boy ist, der getroffen wird. Egal, denn wir folgen der Geschichte des berühmten Namens wegen. Und es ist ja auch spannend zuzusehen, wie Sherlock hier ein wenig kokst, da ein wenig flirtet, dort ein wenig mit seinem geheimnisvollen Bruder herum intrigiert … das heißt: Wenn man sich in der Sherlock-Holmes-Welt auskennt. Das ist schon eine Voraus-Bedingung, die Wilder stellt, der erkennbar Lust daran hat, Erwartungen anzutriggern, die erfahrene Holmesianer in Alarmbereitschaft versetzen – sehr früh etwa werden acht Liliputaner erwähnt, die geheimnisumflort verschwunden sind und die dann über lange Zeit keine Rolle mehr spielen, aber für das Gesamtkunstwerk natürlich unentbehrlich sind.

Darin liegt das Problem dieses Films, der dauernd in britischen und schottischen Hochmoor-Nebelfeldern, in geheimnisaufgefüllten Kameraperspektiven und Meerschaumpfeifen-Anspielungen schwelgt: Das ist schön anzuschauen, aber mitreißen tut das die Nicht-Holmes-Leser nicht. Billy Wilder hat in einem Spiegel-Interview mal erzählt, er sei nur Regisseur geworden, weil es ihn geärgert habe, dass die anderen Regisseure seine Bücher nach Gusto abgeändert und dann Mist produziert hätten. Im vorliegenden Film nun zeigt sich, was für ein großartiger Autor Billy Wilder ist, wenn es darum geht, einer Geschichte Ebene um Ebene um Ebene Tiefe und Suspense zu verleihen – dass aber auch er einen Film nicht retten kann, wenn das Drehbuch nicht für einen Film taugt. Im Grunde sitzen wir im Kinosessel die ganze Zeit und warten, dass das große Vertrauen, das wir in den Macher von Some Like it Hot, Das Appartement, Irma la Douce oder Der Glückspilz investieren, nicht enttäuscht wird. Letzten Endes schreiben diejenigen unter uns, die die Fälle des Sherlock Holmes nicht gelesen haben, dem Film beim Abspann respektvollerweise einen gewissen Charme zu – er ist zu gut, um schlecht bekrittelt zu werden.

„Das Privatleben des Sherlock Holmes“  eignet sich für Filmemacher-Seminare oder auch für Autoren-Seminare: Im Grunde ist die erzählte Geschichte eine für einen Roman, den wir lesen. Da freuen wir uns über lauter Rätsel und Fallstricke, in die uns der zu lesende Text führt. Film aber folgt den Gesetzen des Guckens. Und da passiert zu wenig. Oh, wir können schon zugucken, welche Kulissen und Stimmungen der Setdesigner Tony Inglis und Harry Cordwell uns Kameramann Christopher Challis da ausleuchtet. Aber daraus entsteht keine Filmdramaturgie, keine, die uns im Kinosessel zwischen Knabbergebäck und Bier bei der Stange hält.

Der Film, der als einer seiner persönlichsten Filme angesehen wird, unterscheidet sich sehr von Wilders ursprünglicher Konzeption eines sehr viel längeren Episodenfilms. Nur zwei der geplanten Episoden blieben in der fertigen Fassung erhalten, obwohl ein Teil der weiteren von Holmes im Drehbuch gelösten Fälle auch gedreht wurde. Ursprünglich sollte der Film als Roadshow attraction gezeigt werden, das heißt im Rahmen einer größeren, von Stadt zu Stadt ziehenden Veranstaltung, wobei die einzelnen Fälle wohl auch getrennt voneinander vorgeführt werden sollten. In seiner fertigen Form wurde der Film finanziell kein großer Erfolg, erfuhr jedoch Lob durch die Kritiker.

Miklós Rózsa adaptierte auf Wunsch von Regisseur Billy Wilder sein Violinkonzert, Op. 24, das er 1956 für Jascha Heifetz komponiert hatte, für die Filmmusik. Der berühmte Filmkomponist ist in einer Szene des Films auch als Dirigent zu sehen.

Wertung: 4 von 8 D-Mark
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