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Plakatmotiv: Das Mädchen Irma la Douce (1963)
Eine romantische Komödie
mit einem Hauch von Märchen
Titel Das Mädchen Irma la Douce
(Irma la Douce)
Drehbuch Billy Wilder + I.A.L. Diamond
nach dem Musical „Irma la Douce“ von Marguerite Monnot und Alexandre Breffort
Regie Billy Wilder, USA 1963
Darsteller Jack Lemmon, Shirley MacLaine, Lou Jacobi, Bruce Yarnell, Herschel Bernardi, Hope Holiday, Joan Shawlee, Grace Lee Whitney, Paul Dubov, Howard McNear, Cliff Osmond, Diki Lerner, Herb Jones, Ruth Earl, Jane Earl u.a.
Genre Komödie, Romantik
Filmlänge 147 Minuten
Deutschlandstart
12. September 1963
Inhalt

In der Rue Casanova im Pariser Quartier des Halles werden die Geschäfte des Rotlichtmilieus von der korrupten Polizei gebilligt. Bis jetzt. Jetzt kommt Nestor Patou, junger Absolvent der Polizeischule, ganz frisch im Dienst.

Nestor leitet als erstes eine Razzia ein und lässt sämtliche Prostituierte auf die Wache bringen. Unter den Freiern befindet sich auch der Chef des örtlichen Polizeireviers, der Nestor anschließend mit der Begründung von Dienstvergehen vom Polizeidienst suspendiert. Nestor will seinen Kummer in der Zuhälter-Kneipe Chez Moustache ertränken, wo er Irma la Douce wiedertrifft, in die er sich bei der von ihm eingeleiteten Razzia verliebt hatte. Als ihr Zuhälter übel mit ihr umgeht, bekommt er von Nestor eher zufällig eine Tracht Prügel. Nestor gerät zunehmend in Wut und siegt in dem Kampf überragend. Dies bringt ihm Respekt bei den anderen Zuhältern des Quartiers ein. Irma nimmt Nestor mit in ihre Wohnung und bietet ihm an, bei ihr einzuziehen.

Von nun an tritt Nestor als Irmas Zuhälter auf, kann es aber aus Eifersucht nicht ertragen, wenn sie Umgang mit Freiern hat. Er verkleidet sich in Abstimmung mit dem Barkeeper Moustache als reicher englischer Lord X, bezahlt Irma 500 Franc und erwartet hierfür nur einige Partien Patience. Sie vereinbaren, sich zweimal die Woche zu treffen, so dass Irma keine weiteren Freier mehr annehmen muss.

Plakatmotiv (US): Irma la Douce (1963)Um das Geld aufzutreiben, arbeitet Nestor die ganze Nacht über auf dem Großmarkt Halles Centrales. Weil Nestor dadurch den ganzen Tag über müde ist, vermutet Irma eine nächtliche Affäre. Sie flirtet in ihrer Enttäuschung mit dem Lord, der versehentlich anbietet, sie mit auf sein englisches Schloss zu nehmen …

Was zu sagen wäre

Billy Wilder hat ein Märchen gedreht. Es kommen darin Helden vor und Schurken, Prinzessinnen, Drachen, ein Zauberer und ein verzaubertes Land, es heißt Rue Casanova. Der Zauberer, der hier Moustache heißt, Barkeeper ist und Thekenphilosoph, beschreibt das Leben im Märchenland so: „Wenn einer 20 Jahre verheiratet ist und den ganzen Tag Kinderwagen verkauft, dann will er abends etwas Gesellschaft. Also kommt er in die Rue Casanova. Ein Mädchen leistet ihm Gesellschaft. Er gibt ihr dafür Geld. Das Mädchen gibt es ihrem Freund, der gibt es aus in der Kneipe, für Manschettenknöpfe oder verwettet es. Manchmal gibt er auch einem Polizisten etwas Geld.“ „Bestechung??“ „Das ist ja das Schöne daran. Der Polizist kauft davon einen Kinderwagen bei dem ehrlichen Bürger. So bleibt das Geld in Umlauf. Alle haben Geld. Alle sind glücklich.

Wilder, der Kamera-Philosoph, erzählt in dieser Welt eine Aschenputtelgeschichte, in das Schenputtel gleichzeitig die Prinzessin ist, die Dirne gleichzeitig Königin und ihr König mit drei Identitäten jongliert – als Flic erscheint, als Mac (also: Zuhälter) zum Herrscher und als Lord X ein Fantasieprodukt wird, das, wie einst Batman, aus der Höhle gefahren kommt, zu retten die, denen das Licht gesellschaftlicher Freude bisher versagt blieb. Billy Wilder fröhnt auch hier wieder seiner Lust an Mummenschantz und Maskerade, mit der er Some like it hot und One, Two, Three zu Welterfolgen machte. Und Jack Lemmon brilliert in allen drei Identitäten, liefert als Lord X eine grandiose Parodie auf den britischen Old Chap, der dauernd Kriegserlebnisse zum Besten gibt.

Plakatmotiv: Das Mädchen Irma la Douce (1963)Das es der armen Prinzessin gar nicht auffällt, dass ihr Prinz morgens, nach einer weiteren Nacht Arbeit in der nach Tierexkrementen und -fleisch stinkenden Les Halles – dem „Magen von Paris“ – sicher ebenso stinkend neben ihr im Bett aufwacht, stört in solch einer Welt des Mummenschanzes niemanden, ebensowenig, dass es Nestor/Lord X jedesmal ungesehen gelingt, mitten in der geschäftigen Rue Casanova per Lastenaufzug im Keller zu verschwinden und wieder aufzutauchen. „Das ist eine andere Geschichte …“, würde Moustache, der Philosoph wohl sagen. Wie kann man das auch nicht glauben wollen in einer Welt, in der Hass jederzeit frei verfügbar ist und verbreitet werden darf, während man bei der Suche nach Liebe verhaftet werden kann?

Mehr als zwei Stunden dauert der Film. Wilder gelingt das Kunststück, dass er dem zuschauer viel kürzer erscheint. Der Film lebt von einem sympathischen Personal, in dem selbst der intrigante Schurke, der Ochse genannt wird, noch Charme hat – auch wenn des der Charme des Verlierers ist.

Wilder hat die ersten Pointen schon gesetzt, als der Vorspann gerade vorbei ist; dort hinein hat er Antworten geschnitten, die Irma ihren Freiern auf die immer wiederkehrende Frage, was eine Frau wie sie in dieses Milieu verschlagen hat. Mal sagt sie, sie habe als Kind ihre Eltern verloren, habe die Schule abbrechen und gEld verdienen mpüssen, einem Amerikaner erzählt sie, sie unterstütze ein Waisenhaus, dass seit einem Bombardement durch Amerikaner zerstört und jeden Centiume brauche; jedesmal legen die bestürzten Freier noch ein paar Scheine drauf.

Es ist eine Geschichte darüber, wie unterschiedlich wir unsere unterschiedlichen Leben wahrnehmen, etikettiert in der wiederkehrenden Frage des anständigen Bürgertums an die Hure, die Bordsteinschwalbe, das Mädchen, warum sie diesen Job mache, bis Irma irgendwann genervt erwidert, das sei „kein Job“. Das sei ein Beruf! Was denn dagegen spräche? Sie habe neulich einen Kunden gehabt, der war Bestatter – „Was ist das für ein Job, ich bitte Dich?“ Das Leben gestaltet seine Möglichkeiten eben für Jedermann individuell anders – und dies zu erklären, dafür steht Thekenphilosoph Moustache hinterm Tresen, poliert Gläser und erklärt, wie die Welt läuft. „Ah“, ruft er, als er Nestor wiedererkennt, der heute Morgen in Uniform nur ein Glas Wasser trinken wollte, keinesfalls den bereitgestellten Pernod, und der jetzt in Zivil wie ein begossener Pudel in seinem Lokal steht, „ein Glas Wasser?“ „Nein“, sagt der Ex-Flic, „einen Cognac. Ich muss mir die Federn aus dem Mund spülen.“ Ein schöner Satz, den Billy Wilder ihm ins Drehbuch geschrieben hat. Er sagt alles, ohne dass wir schon wüssten, das der Flic kein Flic mehr ist. Hatte Moustache ihn schließlich heute morgern gewarnt, voreilig eine Razzia durchzuziehen Übereifer bei der Polizei sei so sinnlos wie Hühner gegen den Wind zu rupfen, alles was man davon hätte, wären Federn im Mund!

Gleich zu Beginn hat Wilder eine Reisewarnung für Menschen mit Hang zum Suizid, als er Paris das Etikett als „Stadt, die niemals schläft“ streitig macht. Nachts seien die Champs Elysees verwaist, weltberühmte Nobelrestaurants dicht und „Wenn Sie zum Beispiel vom Eiffelturm springen wollen, vergessen Sie es. Der macht erst um 8 Uhr auf.

Plakatmotiv: Das Mädchen Irma la Douce (1963)

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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