Kinoplakat: Betty Anne Waters
Erst spannendes Drama
Dann Rührstück auf TV-Movie-Niveau
Titel Betty Anne Waters
(Conviction)
Drehbuch Pamela Gray
Regie Tony Goldwyn, USA 2010
Darsteller Hilary Swank, Sam Rockwell, Minnie Driver, Ele Bardha, Melissa Leo, Thomas D. Mahard, Owen Campbell, Conor Donovan, Laurie Brown, John Pyper-Ferguson, Rusty Mewha, Marc Macaulay u.a.
Genre Drama, Biografie
Filmlänge 107 Minuten
Deutschlandstart
17. März 2011
Inhalt
Kinoplakat (US): Betty Anne WatersBetty Anne wächst mit ihrem älteren Bruder Kenny in dem kleinen Ort Ayer (Massachusetts) auf. White-Trash-Gegend. Schon früh werden die beiden Kinder straffällig, klettern in Häuser, um Süßigkeiten zu klauen. Im Erwachsenenalter wird Kenny von der Polizistin Nancy Taylor routinemäßig auf die Wache gebeten, da in der Nachbarschaft Katharina Brow ermordet wurde und Kenny vorbestraft ist. Zwei Jahre später, als beide verheiratet sind und Kenny eine Tochter hat, wird dieser auf der Beerdigung seines Großvaters von der Polizei verhaftet.

Vor Gericht wird Kenny rechtskräftig des Mordes verurteilt wird. Betty Anne ist entsetzt, glaubt fest an die Unschuld ihres Bruders. Nachdem Kenny versucht hat, sich im Gefängnis umzubringen, bittet sie ihn, es nicht erneut zu versuchen und dass sie als Gegenleistung alles versuchen wird, ihn zu befreien. Betty Anne holt den Highschool-Abschluss nach und fängt an, Jura zu studieren. Während des Studiums erzählt ihr eine Kommilitonin, dass es ein neu entwickeltes Verfahren gibt, in dem die DNS verglichen werde. Nachdem sie die Anwaltsprüfung bestanden hat, sucht sie nach Beweisen für die Unschuld ihres Bruders.

Ihre Hartnäckigkeit trägt Früchte, zerstört allerdings ihre Familie …

Was zu sagen wäre

„Eine wahre Geschichte“ heißt es gleich zu Beginn und man fragt sich unwillkürlich, ob das eigentlich nötig ist. Ist die Geschichte etwa so belanglos, irrelevant, dass man ihm das Siegel „true story“ vorankleben muss? Wäre es keinen Film Wert, wenn es kein Happy End gäbe, wenn Betty Anne 20 Jahre ihres Lebens vergebens versucht hätte, ihren Bruder aus dem Gefängnis zu holen? In Hollywood sicher nicht. Dann wäre „Conviction” ein europäischer Film mittleren Budgets geworden, der als zornige Anklage gegen das US-Justizwesen auf die Leinwand gekommen wäre. Das ist das Problem dieses Films, dass er dauernd gegen sein bekanntes Ende kämpfen muss: Kenny kam nach 20 Jahren frei; und wer das nicht vorher gelesen hat, kann fest davon ausgehen – Hollywoodzwänge eben.

Aber zunächst lässt sich Regisseur Tony Goldwyn nicht aus der Ruhe bringen, baut zusammen mit seiner Autorin Pamela Gray die durch Kinotrailer, Vorankündigungen und Zeitungsartikeln bekannte lineare Story in ein mosaikhaften Zeitsprung. Wiederholt wechselt Goldwyn das Jahrzehnt, zeigt eben den Wohntrailer mit der Leiche, dann zwei verwirrte Kinder zwischen sich streitenden Eltern, dann die Verhaftung Kennys und Goldwyn verzichtet auf jeglichen Zeitsprung-Schnickschnack. Weder taucht er die Bilder in unterschiedliche Farben, noch benutzt er Rauchblenden. Er springt einfach, vertraut darauf, dass seine Zuschauer schon folgen können. Und die können folgen. Mühelos.

Kinoplakat (US): Betty Anne WatersSo bleibt es die erste Hälfte des Films spannend, auch wenn die kurzen Storyschnipsel bedrohlich nahe am Klischee schrammen – die böse Polizistin, der treue Vater, die gnadenlose Justiz, die falsche Zeugin. Aber es funktioniert. Außerdem agieren durch die Bank gute Schauspieler. In der zweiten Hälfte gibt es keine Zeitsprünge mehr.

Und prompt dümpelt die nun linear erzählte Geschichte etwas mühsam durch Bilder eines Studium-zwischen-Ehemann-Kindern-und-Scheidung, Gefängnisbesuche und mauernde Oberstaatsanwältinnen. Zunehmend verfällt der Film in ein voraussehbares Rührstück, das trotz aller Verzögerungen und Widerstände keinen Zweifel am Ausgang der Geschichte aufkommen lässt. Es sei schade, schrieb ein Filmkritiker, "wenn ein Film, der eine sozial relevante Story erzählt, auf den eingefahrenen Gleisen einer Dramaturgie landet, die nicht viel besser als die durchschnittlichen TV-Movies ist."

Hilary Swank zeigt ein schon bekanntes Rollenmuster: die Underdog-Frau, die sich durchbeißt („Amelia“ – 2009; „P.S. Ich Liebe Dich“ – 2007; Black Dahlia – 2006; „Million Dollar Baby“ – 2004; 11:14 – Elevenfourteen – 2003; The Gift – Die dunkle Gabe – 2000). Warum allerdings die Maske vergessen hat, sie analog zu ihren Mitspielern ebenfalls altern zu lassen, kann wohl nur mit falsch verstandener Eitelkeit erklärt werden.

Sam Rockwell (Iron Man 2 – 2010; Moon – 2009; „Frost/Nixon“ – 2008) altert sichtbar, ähnelt mehr und mehr dem alternden Al Pacino im Paten und liefert wieder eine Vorstellung ab, die einen fragen lässt, warum der eigentlich immer noch nicht durchgestartet ist. In den 1970er Jahren würde ihn jeder Kinogänger kennen.

Regie führt der eher als Schauspieler bekannte Tony Goldwyn („Bounce – Eine Chance für die Liebe“ – 2000; The 6th Day – 2000; „Mörderischer Pakt“ – 1998; Denn zum Küssen sind sie da – 1997; Nixon – 1995).

Wertung: 4 von 7 €uro