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Plakatmotiv: Enthüllung
Thriller mit brisantem Thema:
Belästigung am Arbeitsplatz
Titel Enthüllung
(Disclosure)
Drehbuch Paul Attanasio
nach dem gleichnamigen Roman von Michael Crichton
Regie Barry Levinson, USA 1994
Darsteller Michael Douglas, Demi Moore, Donald Sutherland, Caroline Goodall, Roma Maffia,. Dylan Baker, Rosemary Forsyth, Dennis Miller, Suzie Plakson, Nicholas Sadler, Jacqueline Kim, Joe Urla, Michael Chieffo, Joseph Attanasio, Faryn Einhorn u.a.
Genre Drama
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
5. Januar 1995
Inhalt

Tom Sanders, langjähriger Herstellungsleiter der aufstrebenden Computerfirma „Digicom“, blickt einer blendenden Zukunft entgegen. Durch die bevorstehende Fusion mit einem führenden Halbleiter-Hersteller wird er aller Wahrscheinlichkeit nach zum Vizepräsidenten der neuen Entwicklungs- und Planungsabteilung befördert.

Welch herbe Enttäuschung, als Tom an diesem verheißungsvollen Montagmorgen erfahren muss, dass nicht er, der kompetente Fachmann, sondern die attraktive PR-Frau Meredith Johnson den Job erhält. Ausgerechnet Meredith – mit ihr hatte Tom vor Jahren eine leidenschaftliche Affäre. An diese guten alten Zeiten will Meredith anknüpfen, als sie ihren neuen Untergebenen Tom abends in ihr Büro zitiert, wo sie ihn bei einer Flasche seines Lieblingsweines nach allen Regeln der Kunst zu verführen versucht.

Obwohl nicht abgeneigt, will der zweifache Vater seiner Frau Susan treu bleiben und widersteht der Versuchung – wenn auch mit einiger Willensanstrengung. Meredith rächt sich bitter, indem sie den Spieß umdreht und Tom der sexuellen Belästigung bezichtigt. Niemand glaubt Toms Version, am allerwenigsten Firmenchef Bob Garvin, der beschließt, seinen moralisch untragbaren Angestellten in die Provinz zu versetzen …

Was zu sagen wäre

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, das Betätscheln sekundärter Geschlechtsmerkmale durch Vorgesetzte ist kein Kavaliersdelikt, aber so alltäglich, wie Kugelschreiber auf dem Schreibtisch. Der Chef, der seiner Sekretärin mit einem Aktendeckel auf den hintern klatscht, der Vorgesetzte , der einer Mitarbeiterin ungefragt die Schultern massiert - es sind Herrschaftsgesten, selbst in solchen Fällen, in denen der Chef keine explizit sexuelle Konnotation damit verbindet, bzw. einer solchen gar nicht gewahr ist. Und dann gibt es natürlich die Fälle offen angewendeter Gewalt.

In Barry Levinsons Thriller „Disclosure“ geht es um einen solchen gewalttätigen Fall und er diskutiert das Thema ausführlich in einer zentralen Anhörung der Beteiligten, die etwa die Hälfte des Films einnimmt. Aber der Film, der auf einem Roman des Bestsellerautors Michael Crichton basiert, hat die Geschlechterrollen getauscht. Die Chefin vergeht sich an einem Mitarbeiter. Das hat den spannenden Effekt, dass zum einen die aus Medienberichten gut bekannten Argumente anders, bewusster zur Kenntnis genommen werden und zum anderen, dass sie – zumindest für die männliche Hälfte des Publikums – viel physischer wirken, als wenn beispielsweise in der Zeitschrift „Emma“ ein Artikel zum Thema zu lesen ist. Da ertappt sich mancher Mann im Saal beim eigenen Erstaunen, wenn er einem Dialog wie diesem lauscht: „Er hat Nein gesagt. Was heißt das für Sie?“ „Sie wissen so gut wie ich, dass ein Nein in manchen Situationen ein verstecktes Ja bedeutet!“ „Wissen Sie, wie oft er Nein gesagt hat!“ „Ich war von dem Geräusch meines reißenden Höschens abgelenkt.“ „31 Mal. Er hat 31 Mal Nein gesagt!

Es ist eine starke Szene, die Barry Levinsons feines Gespür für Situationen unterstreicht („Jimmy Hollywood“ – 1994; „Toys“ – 1992; „Bugsy“ – 1991; „Avalon“ – 1990; „Rain Man“ – 1988;  „Good Morning, Vietnam“ – 1987; „Tin Men“ – 1987; „Das Geheimnis des verborgenen Tempels“ – 1985; Der Unbeugsame – 1984; American Diner – 1982). Die Mediation zwischen Opfer und Täterin in einem Büro mit großen Fensterfronten hoch über der Stadt, die aufgeführt wird, um einen öffentlichen Skandal kurz vor einer Untenehmensübernahme zu verhindern, kommt völlig ohne stimmungsunterstreichende Musik aus, sie ist ein Fest für Schauspieler und Kamerleute, die ganz in ihrer Kunst aufgehen.

Plakatmotiv: EnthüllungDemi Moore zeigt hier die wahrscheinlich beste Performance ihrer bisherigen Laufbahn (Ein unmoralisches Angebot – 1993; Eine Frage der Ehre – 1992; „Tödliche Gedanken“ – 1991; „Ghost – Nachricht von Sam“ – 1990; Nochmal so wie letzte Nacht – 1986; St. Elmo's Fire – Die Leidenschaft brennt tief – 1985); wohl auch, weil sie ungewohnt hart ist. Als Schurkin trat sie noch nie in Erscheinung.

Mit kalter Verachtung schmettert diese Meredith Johnson Frauenrechtlerinnen und Männern ihre Haltung um die Ohren: „Ich bin eine sexuell aggressive Frau und ich mag das. Seit Anbeginn der Zeit wurde mit solchen Frauen gleich verfahren. Verschleiern, den Keuschheitsgürtel umlegen und den Schlüssel verlieren. Man erwartet von einer Frau, dass sie wie ein Mann arbeitet, wie ein Mann verdient. Und dann soll sie sich einfach nur hinlegen und von einem Mann vögeln lassen, so wie vor 100 Jahren. Nein danke, da mache ich nicht mit!“ Als Michael Douglas vor sieben Jahren in Wall Street seinen Monolog „Gier ist gut!“ intonierte, fanden diesen offenen Zynismus alle großartig. Nach Demi Moores Ausbruch über die selbstbestimmte Sexualität der Frau in „Disclosure“ applaudiert niemand; er leitet die Niederlage ihrer Filmfigur ein.

Ihr gegenüber sitzt eben jener Michael Douglas als Opfer sexueller Gewalt (Basic Instinct – 1992; Black Rain – 1989; Wall Street – 1987; „A Chorus Line“ – 1985; Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil – 1985; „Das China-Syndrom“ – 1979; „Coma“ – 1978) ). Seine Besetzung für diese Rolle betont die Ambivalenz des Mannes in der modernen Berufswelt.

Douglas hat sich nie gescheut, männliche Dominanz in seinen Rollen zu zeigen. In Eine verhängnisvolle Affäre (1987) hat er einen bombastischen One-Night-Stand und gerät in Teufels Küche, in der Scheidungsfarce „Der Rosenkrieg“ (1989) kämpft er ohne jede Zurückhaltung gegen seine Noch-Ehefrau und in Komödienspektakeln wie Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten (1984) zeigt er dem Großstadtpflänzchen selbstverständlich, wo im Busch der Hammer hängt. All diesen Rollen war aber auch gemein, dass sie nicht übermächtig waren, sie alle müssen schmerzhafte Schläge von weiblicher Hand einstecken. In Falling Down (1993) etwa dreht seine Filmfigur durch, weil sie als Ernährer und Beschützer nicht mehr gebraucht wird. Jetzt in „Disclosure“ ist er wieder Nicht-nur-sondern-Auch: Vordergründig ist Douglas das Opfer eines weiblichen, sehr harten Übergriffs. Im Büro-Alltag aber ist dieser Tom Sanders als Abteilungsleiter eben genau so ein mit-Aktendeckeln-auf-Sekretärinnen-Po-Klatscher – der seine individuelle Lektion dann in einer sehr kitschigen Auflösung einer Situation lernt.

Für Barry Levinsons Kameramann Tony Pierce-Roberts („Der Klient“ – 1994; „Was vom Tage übrig blieb“ – 1993; Stark – The Dark Half – 1993; „Wiedersehen in Howards End“ – 1992) müssen Drehbuch und Set-Design eine Hersausforderung gewesen sein. Die Story des Films vermittelt sich über weite Strecken nur mit Worten; aber sprechende Leute interessant zu filmen ist schwierig. Dann spielt diese Geschichte über intransparente Geschäftsvorgänge, über Geheimnisse und dunkle Intrigen in einem Bürokomplex, in dem es nahezu ausschließlich Glaswände gibt – das bedeutet für die Regieassistenz, darauf aufzupassen, dass im Hintergrund nichts herumsteht, dass sich dort aber Büroalltag abspielt. Für den Kameramann bedeutet das, riesige Bereiche so auszuleuchten, dass sie nicht ausgeleuchtet aussehen. Pierce-Roberts hat da ein paar Bilder geschafen, die möchte ich mir daheim an die Wand hängen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Vorfall des sexuellen Übergriffs lediglich ein berechnetes Mittel zu dem Zweck war, eine groß angelegte Unternehmens-Intrige durchzuziehen, wo Crichton und Levinson diese Unternehmens-Intrige doch nur zu dem Zweck brauchen, auf sehr publikumswirksame Weise ein in der Öffentlichkeit unterschätztes, beiseite geschobenes Thema zu behandeln.

Wertung: 8 von 10 D-Mark
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