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Kinoplakat: Captain Marvel (2019)

Die erste MARVEL-Heldin mit eigenem Film
ist keine Emanze sondern einfach Mensch

Titel Captain Marvel
(Captain Marvel)
Drehbuch Anna Boden + Ryan Fleck + Geneva Robertson-Dworet + Nicole Perlman + Meg LeFauve
nach den gleichnamigen Marvel-Comics
Regie Anna Boden & Ryan Fleck, USA 2019
Darsteller

Brie Larson, Samuel L. Jackson, Ben Mendelsohn, Jude Law, Annette Bening, Lashana Lynch, Clark Gregg, Rune Temte, Gemma Chan, Algenis Perez Soto, Djimon Hounsou, Lee Pace, Chuku Modu, Matthew Maher, Akira Akbar, Azari Akbar, Kenneth Mitchell, Stephen A. Chang, Pete Ploszek, Mark Daugherty, Vik Sahay, Sharon Blynn, Mckenna Grace, London Fuller, Colin Ford, Stan Lee, Marilyn Brett, Diana Toshiko, Robert Kazinsky, Emily Ozrey, Abigaille Ozrey, Gil De St. Jeor, Matthew Bellows, Richard Zeringue, Barry Curtis, Nelson Franklin, Patrick Brennan, Patrick Gallagher, Duane Henry, Ana Ayora, Stanley Wong u.a.

Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
7. März 2019
Website marvel.com/movies/captain-marvel
Inhalt

Die Kriegerin Vers erwacht auf Hala, dem Hauptplaneten des Kree-Imperiums, wieder einmal aus einem Albtraum, in dem sie an der Seite einer älteren Frau in einer Schlacht kämpft. Yon-Rogg, ihr Commander, leitet sie im Training an, ihre außergewöhnlichen Kräfte, Photonenstrahlen, die sie aus ihren Händen abfeuern kann, unter Kontrolle zu bringen, die ihr von der Obersten Intelligenz auch wieder genommen werden könnten, sollte ihr dies nicht gelingen.

Da ihr Imperium von einer Skrull-Invasion bedroht sei, die ihre Planeten übernehmen wollen, wird Vers gemeinsam mit Yon-Rogg, Minn-Erva, Bron-Char, Korath und Att-Lass auf eine Mission entsandt und besteigen ihr Raumschiff Helios. Sie sollen Soh-Larr retten, der als Spion tätig war. Auf dem Planeten Torfa geraten sie in einen Hinterhalt. Vers wird von einer Gruppe Skrulls gefangen genommen, die die Gestalt von einheimischen Torfas angenommen haben. Talos, der Anführer der Gruppe, blickt in ihre Erinnerungen. Gemeinsam mit Vers blickt er in ihre Vergangenheit auf der Erde, als sie Kampfpilotin war, wie sie sich in der Ausbildung befand und weiter zurück, als sie noch ein junges Mädchen und ein Kind war. Vers hatte die Erinnerung daran verloren, auch an Dr. Wendy Lawson, die Frau aus ihren Albträumen.

Vers kann sich befreien, bevor Talos alle ihre Erinnerungen mit ihr teilen konnte. Bei ihrer Flucht stürzt sie ab und landet auf der Erde. Auch die Gruppe der Skrulls finden sich auf dem Planeten ein, den sie C-53 nennen, und nehmen die Gestalt von Menschen an. Vers kann Kontakt mit ihrem Commander aufnehmen, der sie anweist, Dr. Lawson zu finden, bevor die Skrulls dies tun.

Als S.H.I.E.L.D.-Agent Fury die junge Frau zu den Geschehnissen befragt, glaubt er ihr zuerst kein Wort. Doch als er erkennt, dass einer der Skrulls die Gestalt seines Kollegen Coulson angenommen hat, bemüht er sich um eine Zusammenarbeit mit Vers. Sie erzählt ihm von den Kree und ihrem Krieg mit den Skrulls, und beginnt, ihre Erinnerungen an ihr früheres Leben auf der Erde aufzufrischen. Fury bringt sie in eine geheime Regierungseinrichtung, wo sie im Archiv auf Dr. Lawsons Pläne für den Lichtgeschwindigkeitsantrieb stoßen. Vers erkennt in Lawson eine Kree, da die Pläne Kree-Glyphen enthalten, die man bislang für den Beweis von Lawsons Verrücktheit hielt. Diese befand sich jedoch im Rahmen eines Undercover-Einsatzes auf der Erde.

Talos hat Vers auch hier aufgespürt und verfolgt sie in der Gestalt von Furys Vorgesetztem Keller. Nachdem Fury in Keller den Feind erkennt, kann er mit Vers in einem Jagdflugzeug aus der Einrichtung entkommen und finden Lawsons Katze Goose als blinden Passagier an Bord. Bei dem Besuch ihrer alten Pilotenkollegin Maria versucht Vers weitere ihrer Erinnerungslücken zu schließen.

Talos findet sie auch hier und macht ihr ein Angebot. In ihrer beider Interesse soll sich Vers die Aufzeichnung von einer Blackbox anhören, die sie von dem Planeten retten konnten, auf dem sie angeblich ums Leben gekommen war. Als sie die Aufnahme hört, erinnert sie sich wieder daran, was sechs Jahre zuvor geschehen war …

Was zu sagen wäre

Superhelden-Geschichten sind meistens Geschichten über eine Identitätssuche. Ist der Held Retter der Welt oder eher doch der freundliche Nachbar von nebenan? Bei Captain Marvel geht die Identitätssuche in die Endlosschleife, da ist der Film ganz bei der Comicvorlage. Dort gabe es früher verschiedene Figuren, die mal „Captain Marvel“ waren. Im Film nun konzentrieren sich alle auf eine, auf Carol Danvers. Die allerdings zweifelt an sich und ihren Träumen.

Tatsächlich ist sie nicht, wie zunächst angenommen, eine Kree, sondern ein Mensch. Ihre speziellen Kräfte hat sie nicht als Alien, sondern wegen eines Unfalls – wie so oft in Superheldengeschichten, in denen erst ein Unfall die Frage nach der eigenen Identität aufwirft. Und nicht nur über sich wurde sie getäuscht, auch der Gegner wechselt mehrfach das Gesicht; und das liegt nicht daran, dass die Skrulls Gestaltwandler sind. Die Titelheldin kämpft an mehreren Fronten: Sie sucht ihre Identität, sie muss die Sicherheiten in Frage stellen, die sie bisher umgaben. Und sie kämpft gegen Emotionen.

Am Anfang des Films muss Vers, die Kree-Kriegerin, lernen, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bekommen, um im Kampf rational kühl zu bestehen und „immer die richtige Entscheidung zu treffen“. Weil ihr das von ihrem Commander Yon-Rogg eingetrichtert wird, dem Jude Law, in den 2000er Jahren mal der erotischste Kinomann, der Frauen (angeblich) passieren konnte („Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ – 2018; King Arthur: Legend of the Sword – 2017; Grand Budapest Hotel – 2014; Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen – 2013; Hugo Cabret – 2011; Contagion – 2011; Sherlock Holmes – 2009; 1 Mord für 2 – 2007; „Hautnah“ – 2004; Road to Perdition – 2002; A.I.: Künstliche Intelligenz – 2001; Duell – Enemy at the Gates – 2001; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; eXistenZ – 1999; Mitternacht im Garten von Gut und Böse – 1997; Gattaca – 1997), sein Gesicht leiht, haben Disneys Marketingstrategen darauf einen feministischen Popanz errichtet, dem der Film nicht gerecht werden kann. Und das auch gar nicht will. Es mag ein filmhistorischer Meilenstein sein, dass mit diesem Film zum ersten Mal eine weibliche Heldin im Mittelpunkt eines Marvel-Films steht. Aber damit ist das Thema auch schon erledigt.

Vers, oder später Carol Danvers, erledigt ihren Job mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, was einerseits zu einem schönen Indiana-Jones-Moment führt, wenn sie ihren Hauptgegner, der auf einen fairen Zweikampf dringt, am Ende einfach mit ihren Photonenstrahlen umhaut, und ihr, andererseits, die cool vorgetragene Erkenntnis entlockt „Ich muss Dir gar nichts beweisen!“ Da spielt Mann oder Frau keine Rolle mehr. Wären unter ihrer Ledermontur nicht deutlich weibliche Geschlechtsmerkmale sichtbar, würde dieser Captain Marvel auch als geschlechtslos durchgehen. Aber sie sieht halt aus wie Brie Larson (Kong: Skull Island – 2017; Raum – 2015; Dating Queen – 2015; „Short Term 12“ – 2013; Don Jon – 2013; The Spectacular Now: Perfekt ist jetzt – 2013). Und die spielt die Heldin unbeeindruckt von Geschlechterklischees.

Sie scheitert als Mädchen im Go-Cart und steht wieder auf, sie wird als Kind herumgeschubst und wehrt sich, sie stürzt mit dem Fahrrad und steht wieder auf, sie fällt beim militärischen Drill vom Seil und steht wieder auf. Sie steht auf Guns & Roses und will Kampfpilotin werden wie Tom Cruise in Top Gun. Das sind keine weiblichen oder männlichen Reflexe. Das sind – und darauf läuft alles hinaus – menschliche Reflexe. Denn die Schurken sind die, die sich von einer Künstlichen Intelligenz regieren lassen.

Die ideale Welt hat politische Prozesse ausgelagert, in Algorithmen erfasst und einer Obersten Intelligenz anvertraut. Da wird die Welt der Kree uns kurz als Idealvorstellung des sozialen Miteinanders verkauft, aber schnell wundert man sich im Kinosessel, dass diese ideale Welt aus überfüllten S-Bahnen und Kampfhandlungen besteht. Wie anders ist da die Erdgesellschaft, genauer: die US-Gesellschaft, in der die Heldin alsbald strandet. Die strengen Herren Geheimagenten im Film, die wir im realen Leben durchaus als unnachgiebige Streiter wider menschliche Grundrechte kennen, sind hier etwas naive, aber freundliche Herrschaften, die froh sein dürfen, dass die Aliens sie nicht gleich vaporisieren. Es sind eben Menschen, die immerhin für eine schöne Buddy-Movie-Konstruktion sorgen. Der digital 30 Jahre jünger gemachte Samuel L. Jackson als Fury, der noch weit entfernt ist von einem Posten als Chef einer Geheimorganisation namens S.H.I.E.L.D, und Vers/Carol Danvers geben eine wunderbare Hommage an die Buddy-Movies der 1980er, 90er Jahre.

Es sind eben Menschen mit Schwächen, die Fehler machen – die sich auch Carol Danvers leisten wird, um am Ende als Mensch gegen die KI-Krees zu triumphieren. Es ist eine chauvinistische Haltung, die (bislang) erdgebundene menschliche Existenz höher einzuschätzen als eine, die Reisen durchs All ermöglicht, diese aber lediglich zum kriegerischen Akt zu nutzen. Andererseits feiert die Superheldengeschichte, die eine Suche nach Identität ist, die menschliche Identität – mit all ihren Stärken und Schwächen.

Ein unterhaltsamer, facettereicher Comicfilm mit Witz und Verstand.

Wertung: 6 von 8 €uro
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