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Kinoplakat: Es (2017)
Kino mit dem Grusel der 1980er Jahre.
Adäquate Verfilmung eines Klassikers.
Titel Es
(It)
Drehbuch Chase Palmer + Cary Fukunaga + Gary Dauberman
nach dem gleichnamigen Roman von Stephen King
Regie Andy Muschietti, USA, Kanada 2017
Darsteller Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis, Finn Wolfhard, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff, Bill Skarsgård, Nicholas Hamilton, Jake Sim, Logan Thompson, Owen Teague, Jackson Robert Scott, Stephen Bogaert, Stuart Hughes u.a.
Genre Horror, Abenteuer
Filmlänge 135 Minuten
Deutschlandstart
28. September 2017
Website itthemovie.com
Inhalt

In Maine, in einer kleinen Stadt namens Derry im Oktober 1988. Der sechsjährige Georgie Denbrough spielt mit seinem Papierboot im Regen, das sein Bruder für ihn gebastelt hat. Als dieses in einen Abfluss fährt und er in diesen hineinblickt, sieht er einen boshaft grinsenden Clown, der sich ihm als Pennywise vorstellt. Pennywise verwickelt den Jungen in ein harmloses Gespräch und reicht ihm schließlich sein Boot. Georgie zögert, greift aber schließlich zu – und stirbt. Der Clown zieht ihn in das Dunkel der Kanalisation.

Monate später im Juni 1989: Bill Denbrough, Georgies großer Bruder, weiß noch immer nicht, was mit seinem kleinen Bruder geschehen ist. Er war nur eines der Kinder, die in letzter Zeit in Derry verschwunden sind, weshalb es ab 19 Uhr eine Ausgangssperre gibt. Der stotternde Bill hat jedoch nicht aufgehört zu glauben, dass sein Bruder irgendwo lebt und darauf wartet, gerettet zu werden. Er glaubt, dass Georgie vom Regenwasser erfasst und in das weitläufige Abwassersystem von Derry gespült wurde. Bald bittet er seine drei Freunde, gemeinsam mit ihm die Kanalisation nach seinem Bruder abzusuchen. Sie sind 13 Jahre alt, nennen sich „Club der Verlierer“, haben sonst keine Freunde, mehr ab- als anwesende Eltern und alle einen ähnlichen Albtraum.

Da ist Stanley Uris, ein Skeptiker, der sich auf seine bevorstehende Bar Mitzwa vorbereitet, der von seiner überfürsorglichen Mutter umgarnte Eddie Kaspbrak, der von ihr auf Hypochondrie dressiert wurde, damit sie ihn leichter bevormunden kann, und Richie Tozier, der sich ständig als Komiker versucht. Sie haben Sommerferien, und da dies eine Zeit ist, in der es für sie nichts zu tun gibt, geben sie ihr Bestes, um Bill bei der Suche nach seinem Bruder zu unterstützen, auch wenn sie eigentlich mehr daran interessiert sind, über Mädchen zu sprechen und über die Qualen, die ihnen einige tyrannische Jugendliche bereiten, etwa der 15-jährige Henry Bowers, der sie mit seinen Kumpanen regelmäßig verprügelt, abzieht und auch vor dem Gebrauch seines Messers nicht zurückschreckt.

Bald schon wächst ihre Gruppe. Erst stößt Beverly Marsh zu ihnen, die wegen seltsamer Gerüchte über ihr promiskuitives Verhalten von den anderen Mädchen an ihrer Schule nicht akzeptiert wird. Da ihr Vater dazu neigt, sich seiner Tochter zu nähern, wie es sich für einen Vater nicht gehört, fühlt sie sich mit ihrer Clique bald wohler als zu Hause. Dann nehmen sie den neu zugezogenen Ben Hanscom auf, den sie am Fluss treffen und verarzten, nachdem dieser von Henry und seinen Freunden verletzt wurde.

Ben ist ein dicker, introvertierter Junge, der seine Zeit am liebsten zum Lernen in der örtlichen Bibliothek verbringt, und sowohl er als auch Bill sind schnell in die mutige Beverly verliebt. Ben findet in der Bibliothek bei seinen Recherchen heraus, dass das verschlafene Derry in der Vergangenheit schon mehrfach von überdurchschnittlich tödliche Katastrophen heimgesucht wurde – alle 27 Jahre. Im Jahr der Stadtgründung von Derry verschwanden alle Menschen aus der Stadt, im Jahr 1908 starben viele Kinder, 1935 kam es zu mysteriösen Vorkommnissen, und auch 1962 starben Menschen. All dies geschah an Orten in Derry, die über die Kanalisation mit dem Brunnenhaus verbunden sind. Gerade jetzt sind wieder 27 Jahre vergangen – und gerade verschwinden dauernd Kinder – weit mehr, als im Landesdurchschnitt üblich. Aber außer, dass überall in der Stadt Vermisstenanzeigen hängen, scheint sich niemand um die vermissten Kinder zu kümmern.

Die Freunde geben zu, dass sie alle ihre Erfahrungen mit Pennywise gemacht haben. Die Mitglieder der Clique wurden mit ihren scheinbar realgewordenen und individuellen Ängsten konfrontiert, und die Macht, die es gezielt auf Kinder abgesehen hat, erscheint jedem von ihnen in seiner üblichen Gestalt oder in einer anderen Form, und meist kündet sich sein Erscheinen durch einen roten Ballon an, der durch die Luft schwebt. Die Freunde gehen zu dem verfallenen Haus, unter dem der alte Brunnen sein muss, zu dem die Kanalisation führt und werden von dem monströsen Clown angegriffen, der weit mehr ist als nur ein Clown mit scharfen Zähnen. Die Kinder verlieren den Kampf, aber Bill will nicht klein beigeben; er will unbedingt seinen Bruder finden, für dessen Verschwinden er sich mit verantwortlich fühlt. Darüber geraten die Freunde in Streit, der „Club der Verlierer“ bricht auseinander.

Eine Zeit lang gehen die Mitglieder der Clique ihrer Wege durch die Sommerferien, doch als Beverly kurz darauf im August spurlos verschwindet, nachdem sie sich endlich gegen ihren Vater zur Wehr gesetzt hatte, gehen die Jungs abermals in das verfallene Haus, um dem Clown die Stirn zu bieten …

Was zu sagen wäre

Es gibt gute Stephen-King-Verfilmungen und es gibt schlechte. Dies ist eine der guten Verfilmungen. Das mag man einerseits daran erkennen, dass die Neuverfilmung von Kings Mammutroman in den USA so viel Geld eingespielt hat, dass die US-Branche holt schon durchschnauft, weil dieser Film, dessen Produktionskosten mit 35 Millionen US-Dollar angegeben werden, nach einem schwachen Kinosommer im Alleingang die Jahresbilanzen der amerikanischen Kinos retten könnte. Weit über 600 Millionen Dollar hat „Es“ an den weltweiten Kinokassen reingeholt. Das ist für einen Film, der nichts für Kinder ist, obwohl er von Kindern handelt, bei einer strengen Altersfreigabe – „R“ in den USA, „ab 16“ in Deutschland – eher nicht so üblich. Vielleicht sind die Zuschauer, die im Kinosommer 2017 unentwegt von Superhelden, Monsterspielzeugmuskelbepackten Bademeistern und Weltenzerstörern überfallen werden, es einfach leid und freuen sich, Kinder ohne Smartphones in einer analogen Welt zu erleben, auf dem die sich noch physisch von A nach B bewegen müssen, um etwas nachzuschauen, ohne, dass ein juveniler Nerd ein Laptop aufklappt und in Sekundenschnelle Passwörter knackt, Biographien hackt und den Geheimdienst nasführt.

Vieles richtig gemacht

Man kann aber auch sagen: Regie, Drehbuch und Besetzungsbüro bei diesr Neuverfilmung des King'schen Klassikers haben vieles richtig gemacht. Der Film ist ein sehr ordentlicher Nägelbeißer, wie er in den 1980er Jahren en vogue war – mit klassischen Schockmomenten, sich langsam aufbauenden BUH-Situationen und mit ekligem Gewürm – bei dem lediglich die zu lauten Effekte-Tuschs auf der Tonspur mit zunehmender Dauer nerven. Es hilft dem Igitt-Faktor natürlich, dass die 13-Jährigen während ihrer Sommerferien dauernd durch die stinkenden Abwasserkanäle der Stadt waten müssen – durch „Grauwasser“, wie Eddie das nennt, eine Mischung aus …, naja, die Kloake halt.

Kinoplakat: Es (2017)Auf dem Regiestuhl nahm der Argentinier Andy Muschietti Platz, der als erstes beschloss, nur die eine Hälfte des Romans zu verfilmen. Im Buch gibt es noch eine zweite Zeitebene, in der die Kinder längst „so alt wie meine Mutter“ sind und die dann in ihre Kleinstadt zurückkehren. Diese Episode soll in einem „Zweiten Kapitel“ 2019 erzählt werden. Das wirkt zunächst, wie Geldmacherei – auch angesichts der TV-Verfilmung von 1990, die den ganzen Roman in 190 Minuten gepackt hat, während der vorliegende Film sich allein für die Früher-Geschichte schon 135 Minuten nimmt.

Coming-of-age mit Horrorelementen

Der erste Film beginnt, wie der Roman beginnt – mit der aus den Trailern bekannten Pennywise-und-das-Georgie-mit-dem-Papierbötchen-Szene,  konzentriert sich dann auf die Coming-of-Age-Geschichte und das sozialkritische Bild, das King in seinem Roman so kunstvoll ausbreitet.

Die Handlung setzt ein im Oktober 1988 – 32 Jahre später, als die entsprechenden Episoden in Kings Buch. Das scheint aus Sicht des Produktionsjahrs 2017 vernünftig – vielleicht wäre für einen massenkompatiblen Film die Ära der piefigen 50er Jahre ein Hemmschuh im dramaturgischen Fluss. Die späten 1980er Jahre sind nicht nur gerade sehr hip – was die Marketingleute des Filmstudios freuen dürfte – sie sind dem aktuellen Zuschauer auch zeitlich näher, gleichzeitig aber noch weit genug weg von der Digitalisierung, die wenige Jahre später alles überrennt und auch dem Kino Wunden schlagen wird, von denen hässliche Narben bleiben. Die 80er Jahre waren auch noch kaputt genug, um all das zeigen zu können, was King aus dem Jahr 1956 erzählt hat. Muschietti und seine Autoren bleiben nah an Kings Vorlage. Der Film ist weniger ein Horrorfilm mit Teenagern als ein Teenagerdrama mit Horrorelementen.

Zombies als Erziehungsberechtigte

Die Kleinstadt Derry ist Ende der 1980er Jahre eine verwahrloste Geisterstadt, die den Detroit way of Life gegangen sein könnte. Die Erwachsenen hängen überfettet vor Fernsehern, in denen Fließband-Shows laufen, andere begrapschen ihre Töchter oder wenden sich gleich ganz ab vom Nachwuchs, bei Ladenbesitzern hinterm Tresen weiß man nicht, ob sie väterlich gucken oder auf junge Knospen glotzen – das Derry der Erwachsenen ist für Pubertierende ein Albtraum, kaum anders als der Clown, der in ihren Albträumen erscheint. Die kindlichen Helden sind also auf sich allein gestellt. An dieser Stelle schweifen wir kurz in die Exegese eines österreichischen Psychologen ab.

Dieses „Es“, den King als Titel für sein Buch gewählt hat, ist unschwer als jenes Mittelstück der Freud'schen Trias aus Ich – Es – Über-Ich zu identifizieren, als jenes Unbewusste, das, wenn wir es nicht bändigen, uns auffressen wird. Populärwissenschaftlich hat Freud das etwa so beschrieben. Natürlich schwebte Stephen King nicht staubtrockene Psycho-Theorie vor. Aber anklingen lassen will er sie schon, sein Clown tut letztlich nichts anderes, als uns aufzufressen, wenn wir unsere Ängste und damit den Grusel-Clown nicht bändigen können.

Permanente Unruhe im Kinosessel satt Splatterporno

Der Film hätte sich an der Kinokasse nicht so gut verkauft, wenn die Zuschauer nicht – unbewusst – eben diese dunkle Seite ihrer selbst erkannt hätten. Denn dieser Film ist als Horrormovie heute eigentlich nicht zu verkaufen – und als das Teenagerdrama mit Horrorelementen hätte er eine für diesen Kassenerfolg zu hohe Kassenfreigabe. Das aktuelle Horrorkino zeigen uns die Trailer im Vorprogramm zu „Es“, in dem unter anderem die Splatterorgie Saw ihre x-te Fortsetzung erfährt, bei der wir schon im Trailer mit Säge-und-Hackfleisch-Porno angefixt werden: kreischende Gefesselte, entleibte Kopfüber-Hängende, grausig Zerschnipselte. Das alles hat Muschiettis Film nicht. Braucht er auch nicht, weil er der gruseligen Gesamtstimmung der Vorlage vertraut. Im Kinosessel vibriert die permanente Unruhe – wohl fühle ich mich in dieser Stadt, unter diesen Zombies, denen das Verschwinden ihrer Kinder offensichtlich am Arsch vorbei geht, nicht.

Aber ich fühle mich im Kreise der Jugendlichen wohl. Sie reden und handeln, wie 13-Jährige eben reden und handeln – fokussiert unter Kings sprachgewaltigem Brennglas – wenn sie ihren Platz suchen zwischen Vater-Fußball, Mutter-Realität und Fernseh-Fantasy. Super Besetzung! Dass die sich dem gefräßigen Monster im Brunnen stellen, finde ich zuerst abwegig. Aber dann denke ich an die jovial lächelnden Zombies hinterm Ladentisch – wer, wenn nicht wir? Der Clown ist so gesehen nur der MacGuffin, über den uns ein Film über die Schrecken des Erwachsenwerdens erzählt wird.

Adäquat umgesetzt, aber …

Anders ausgedrückt: Stephen King, adäquat umgesetzt! Und hier setzt das Aber ein.

Muschiettis Film lässt Fragen offen:

  • Was sind das für Gerüchte über Bevs Promiskuität, die mehrfach anklingen? Die klingen so oft an, die müssen eine Geschichte haben.
  • Wohin ist Bills Klavier spielende Mutter nach Georgies Tod verschwunden – der Vater immerhin taucht einmal noch auf?
  • Wo kommt (der dicke) Ben eigentlich her? Der scheint – mit 13 Jahren – schon häufiger umgezogen zu sein, liest gerne und ist sofort Feindbild der Bullys. Aber mehr, als diese ebenso dürren, wie auffällig oft wiederholten Daten gibt es zu ihm nicht.
  • Warum benehmen sich die Menschen in Derry so teilnahmslos?
  • Ist Pennywise wirklich nur ein MacGuffin? Oder verbirgt sich da mehr, ein spezifisches Derry-Schicksal, das es noch zu zu ergründen gilt?

Um diese Fragen zu beantworten, brauche ich keinen zweiten Teil, die hätten im vorliegenden Film beantwortet werden können; mit 135 Minuten Länge hatte Muschietti ja genug Zeit und an einigen Stellen kann man seinen Film auch straffen.

Wertung: 6 von 8 €uro
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