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Plakatmotiv: Vertigo – Aus dem Reich der Toten
Handwerklich brilliante Abrechnung
mit einem romantischen Traum
Titel Vertigo – Aus dem Reich der Toten
(Vertigo)
Drehbuch Alec Coppel + Samuel A. Taylor
nach dem Roman „D’entre les morts “ von Pierre Boileau + Thomas Narcejac
Regie Alfred Hitchcock, USA 1958
Darsteller James Stewart, Kim Novak, Barbara Bel Geddes, Tom Helmore, Henry Jones, Raymond Bailey, Ellen Corby, Konstantin Shayne, Lee Patrick u.a.
Genre Thriller, Crime, Drama
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
3. Februar 1959
Inhalt

Bei der Verfolgung eines Kriminellen über die Dächer von San Francisco gerät der Polizist John „Scottie“ Ferguson in eine lebensbedrohliche Situation: Er rutscht auf einem Ziegeldach ab und klammert sich in letzter Sekunde an die Regenrinne. Ein Kollege, der ihm helfen will, stürzt dabei zu Tode. Wegen diagnostizierter Höhenangst und Schuldgefühlen quittiert Scottie den Dienst. Seine langjährige Freundin Midge Wood versucht, ihn in seinem neuen Lebensabschnitt zu unterstützen.

Scotties ehemaliger Schulfreund Gavin Elster bittet ihn, seine Frau Madeleine zu beschatten. Elster sorgt sich um seine Frau, die vom Geist ihrer verstorbenen Urgroßmutter Carlotta Valdes besessen zu sein scheint. Jene nahm sich im Alter von 26 Jahren das Leben; Madeleine, ebenfalls 26, verspüre laut Elster in zunehmendem Maße den Drang, es ihr gleichzutun. Sie trägt ihr Haar wie Carlotta, sucht regelmäßig Carlottas Grab auf sowie eines ihrer im Museum ausgestellten Porträts und hat ein Zimmer in dem Hotel gemietet, in dem Carlotta zuletzt wohnte. Nach Madeleines Sprung in die Bucht von San Francisco rettet Scottie sie vor dem Ertrinken und nimmt sie zu sich nach Hause.

Die beiden verlieben sich ineinander, aber Madeleines Todessehnsucht bleibt. Bei einem Ausflug zur alten spanischen Mission in San Juan Bautista kann Scottie nicht verhindern, dass sich Madeleine vom Glockenturm stürzt. Der Untersuchungsrichter schreibt ihm – auch wenn er im juristischen Sinne unschuldig ist – eine Mitverantwortung an ihrem Tod zu. Scottie verfällt in eine Depression und wird in eine Nervenklinik eingewiesen.

Als geheilt entlassen, aber vom Tod seiner Geliebten gezeichnet, begegnet Scottie einige Zeit später der jungen Verkäuferin Judy, die Madeleine verblüffend ähnlich sieht. Tatsächlich handelt es sich um ein und dieselbe Person: Judy hatte sich als Elsters Frau Madeleine ausgegeben, damit er die echte ermorden konnte. Da Judy Scottie wirklich liebt, lässt sie ihn darüber im Unklaren. Besessen von dem Gedanken, das Bild der toten Madeleine wiederauferstehen zu lassen, bedrängt Scottie Judy, in Kleidung, Haarfarbe, Frisur und Verhalten Madeleines Äußeres anzunehmen. Judy lässt sich widerstrebend darauf ein, in der Hoffnung, Scottie möge sich im Laufe ihrer Beziehung in ihr wirkliches Selbst verlieben.

Als sie ein Schmuckstück anlegt, das Madeleine gehörte, erkennt Scottie, dass Judy und Madeleine identisch sind, er das Opfer einer Täuschung wurde …

Was zu sagen wäre

Besessenheit. Geheimnis. Erotik. Mord. Das internationale Feuilleton ist sich einig, hier Alfred Hitchcocks besten Film zu sehen. Hitchcock filmt hierin seine eigene Besessenheit – nämlich die für blonde Unterkühlte. Das überträgt sich sehr gut auf Kim Novak und James Stewart, die ihre Rolle überzeugend füllen. Dazu taucht Hitchcocks Kameramann Robert Burks manche Szenen in ganz weiches Licht, so, dass sie wirken wie ein Traum, bei dem offen bleibt, ob Scottie tagträumt, während er Madeleine auf den Friedhof folgt, wo sie vor dem Grab Carlottas verharrt, oder ob der Zuschauer hier auf eine falsche Spur geführt werden soll. Auch als Judy aus der Badezimmertür tritt, hinter der sie zur reinkarnation von Madeleine geworden ist, montiert Hitchcock sie wieder ganz blass ins Bild – Judy als wahr gewordener Madeleine-Traum; endlich findet Scotties Besessenheit, die HJitchcocks Besessenheit ist, seine Erfüllung. Insofern ist „Vertigo“ auf jeden Fall der persönlichste Film des Regisseurs.

Diese Besessenheit Scotties jedoch muss man glauben wollen. Die Inszenierung gibt sich alle Mühe, den zufriedenen Single-Mann von der eleganten Erscheinung Kim Novaks in großartigen Kostümen und strenger Blondhaar-Frisur umwerfen zu lassen – bei ihrem ersten Auftritt zum Beispiel, sie in grünem Kleid vor roter Wand, beginnt diese rote Wand plötzlich, höllisch rot zu lodern. Aber diese Besessenheit bleibt rein optisch. Emotional erklärt sich Scotties Wandel nicht, wird angerissen in einer langen Dialogszene zu Beginn des Films.

Da unterhalten sich Scottie und seine alte Freundin Midge über einen neuartigen Büstenhalter („mit revolutionärer Hebung … hat ein Flugzeugkonstrukteur entwickelt“). Für Hitchcock ist das eine Gelegenheit, trotz strengen Hays Codes ein wenig Sex ins Spiel zu bringen, außerdem wird bei der Gelegenheit erklärt, dass die beiden Freunde sind, nicht etwa Liebespaar, auch kein Liebespaar-to-be – Midge wird als neutral Sex inszeniert, während der weitere Dialog zunächst aufklärt, dass die beiden drei Wochen verlobt waren, dass Midge die Verlobung gelöst hat und dass das zu Collegezeiten stattfand, in der auch ein Gavin Elster eine Rolle spielte, der „Johnnylein“ jetzt gerade einen Auftrag andient. Da schaffen es Hitchcock und sein Autor Sam Taylor elegant, in zehn Filmminuten das ganze Elend dieses Polizisten mit Höhenangst zum umfassen. In der rasant geschnittenen Eröffnungssequenz zeigt der Film die Verfolgung eines Diebes über den Dächern San Franciscos, verdeutlicht die Höhenangst – öffnet gleichzeitig ein ungelöstes Filmrätsel – und vertieft im folgenden, eben erwähnten Dialog Scotties Leben neben einer asexuellen Frau – patent, klug, erfolgreich, humorvoll, hübsch … aber für eine Romanze zu wenig Leidenschaft. Aus diesem Manko mag sich Scotties Leidenschaft für die Erscheinung Madeleine erklären. James Stewart spielt das gut (s.u.). In seiner vierten Zusammenarbeit mit Hitchcock setzt Stewart sein Image als All-American-Guy geschickt ein: So fremd die Geschichte einer Besessenheit scheint, Stewart glauben wir die Hilflosigkeit Scotties sofort.

Diese Madeleine aber ist wenig mehr als eine Erscheinung: Sie ist umwerfend schön aufgemacht in Kleidern von Edith Head. Aber ob man mit ihr auch einen interessanten Abend im Restaurant haben kann, bleibt fraglich. Judy, die rothaarige, in grün gekleidete Verkäuferin und das andere Ich jener Madeleine-Erscheinung scheint irdischeren Problemen unterworfen, über die man sich aber wenigstens mal einen Abend lang (oder in der Folge vielleicht auch viele Abende) unterhalten könnte. Das aber interessiert den besessenen Scottie nicht – er will die Hülle. Als er sie noch ahnungslos bittet, sich ihr Haar blond wie das von Madeleine zu färben, sagt er allen Ernstes: „Bitte, Judy, es kann Dir doch gleich sein.“ Hitchcock selbst sagte in einem langen Interview mit dem französischen Filmemacher Francois Truffaut: „Um es ganz einfach zu sagen: Der Mann möchte mit einer Toten schlafen, es geht um Nekrophilie.

Diese psychologischen Volten zeigen das Dilemma des bemerkenswert komponierten, gefilmten und montierten Films. Hitchcocks Film hat wenig Thrill, dafür umso mehr Hintergründiges, das sich der Zuschauer erarbeiten muss, während er lange im Kinosessel sitzt. „Elster hat dich verwandelt, nicht wahr?“, faucht Scottie der überführten Judy ins Gesicht. „Er hat dich verwandelt, genau wie ich dich verwandelt habe – nur er war besser. Nicht nur die Kleidung und das Haar, sondern auch die Blicke, die Manieren und die Worte. Und diese wundervollen falschen Trancezustände … und was hat er dann gemacht? Hat er dich abgerichtet? Hat er mit dir geprobt? Hat er dir genau gesagt, was du machen sollst und was du sagen musst?“ Das klingt, wie Alfred Hitchcocks sehr persönlicher Kommentar über das Star-System Hollywoods, das klingt, wie Hitchcocks bittere Conclusio zum Thema Romantische Liebe, die eine Täuschung ist. Oder in Judys Worten: „Ich trage die verdammten Kleider, wenn Du willst. Wenn Du mich dann nur magst.“ Sie ist berechnend aus Liebe. Er liebt aus Berechnung.

Hitchcock war mit Kim Novak nicht zufrieden, beklagte sich noch Jahre später über ihr Spiel. Eigentlich war er wohl eher enttäuscht, dass er Vera Miles nicht bekommen konnte. Die blonde Schauspielerin hatte er für Der falsche Mann (1956) besetzt und wollte sie zu seiner neuen Grace Kelly aufbauen, nachdem die nun kurz davor stand, Prinzessin von Monaco zu werden. Er nahm Miles persönlich unter Vertrag, stattete sie mit eleganten Kleidern aus und verwandelte sie in eine zweite Grace Kelly. Aber dann wurde Miles schwanger und fiel für „Vertigo“ aus. Die Szene, in der James Stewart Judy zu Madeleine umgestaltet, bekommt vor diesem Hintergrund eine zweite Ebene.

Da ist noch die Frage mit dem ungelösten Filmrätsel zu klären: Die Verfolgungsjagd über den Dächern von San Francisco  endet damit, dass Sottie hilflos an einer abreißenden Dachrinne hängt. Rettung ist nicht in Sicht, aber in der nächstenSzene steht er in Midges Atelier. Wie konnte er sich retten? Gibt es die ganze, leicht absurde, manchmal wie ein Traum inszenierte Geschichte mit Madeleine/Judy am Ende gar nicht und Scottie halluziniert sie nur vor sich hin, während er an der Dachrinne hängt ..?

Wertung: 6 von 7 D-Mark
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