Plakatmotiv: Der unsichtbare Dritte
Hitchcock ganz bei sich
Titel Der unsichtbare Dritte
(North by Northwest)
Drehbuch Ernest Lehman
Regie Alfred Hitchcock, USA 1959
Darsteller Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Jessie Royce Landis, Leo G. Carroll, Josephine Hutchinson, Philip Ober, Martin Landau, Adam Williams, Edward Platt, Robert Ellenstein, Les Tremayne, Philip Coolidge, Patrick McVey, Edward Binns u.a.
Genre Action, Abenteuer, Thriller
Filmlänge 136 Minuten
Deutschlandstart
18. Dezember 1959
Inhalt

Der New Yorker Werbefachmann Roger Thornhill wird während einer Geschäftsbesprechung im Plaza-Hotel von bewaffneten Männern abgefangen, als er gerade telefonieren möchte. Die Gangster halten ihn für einen Mann namens George Kaplan, den sie genau zu diesem Moment ans Telefon haben rufen lassen. Thornhill wird in ein Auto verfrachtet und zu einer Villa auf Long Island gebracht, an deren Einfahrt der Name Townsend steht. Ein eleganter Mann, der sich nicht vorstellt, und sein Sekretär Leonard fordern ihn auf, mit ihnen zu kooperieren. Thornhill lehnt ab. Er weiß nicht, was die Männer von ihm wollen. Seinen Beteuerungen, dass er nicht Kaplan sei, schenken die Entführer keinen Glauben. Schließlich flößen sie ihm zwangsweise Whisky ein, setzen ihn in ein gestohlenes Auto und wollen ihn über eine Klippe rollen lassen.

Plakatmotiv: Der unsichtbare DritteThornhill kann zwar fliehen, doch fällt er sturzbetrunken der Polizei in die Hände. Der Richter, vor dem er am nächsten Morgen steht, glaubt ihm seine Geschichte nicht, zumal ihm seine Mutter mit offener Missbilligung seines Lebenswandels auch noch in den Rücken fällt. Thornhill macht sich auf die Suche nach den Verantwortlichen. Es stellt sich heraus, dass anscheinend noch niemand, auch nicht das Hotelpersonal des Plaza, George Kaplan gesehen hat. Thornhill erfährt, dass er Mr. Townsend bei der UN antreffen könne, und fährt zum UN-Hauptgebäude. Dort trifft er auf den nichtsahnenden Besitzer der Villa. Doch ehe dieser Thornhill Hinweise geben kann, wird er vor zahlreichen Zeugen erstochen. Zu Unrecht hält man Thornhill für den Mörder. Nun ist er nicht nur vor den Gangstern, sondern auch vor der Polizei auf der Flucht. Verzweifelt beschließt er, der Spur Kaplans weiter zu folgen. Er macht sich auf den Weg zum Grand Central Terminal.

Während einer Sitzung von Mitarbeitern des FBI stellt sich heraus, dass der vermeintliche Mr. Kaplan eine Erfindung ist, ein nicht existierender Spion, der die Aufmerksamkeit der Bösewichte von dem eigentlichen Spitzel ablenken soll. Um ihren eigenen Agenten nicht zu gefährden, schreitet das FBI nicht ein und überlässt Thornhill auf seiner Flucht sich selbst …

Was zu sagen wäre

Jetzt ist alles Hitchcock. „North by Northwest“ bündelt seine Ängste und Gelüste, seinen Hang zu Suspense und Eskapismus. Da ist der unschuldig Verfolgte, der wie in Hitchcocks 39 Stufen von einem Geheimbund in eine Verschwörung gezogen wird. Hitchcocks Aversion gegen Polizei und Geheimdienst tritt in Form lustvoll gnadenloser FBI-Agenten auf, sein – spätestens seit seiner Arbeit mit Grace Kelly – auffallendes Verhältnis zu Frauenfiguren verkörpert die blonde Eva Marie Saint, seine Lust an bekannten Schauplätzen inklusive der Lust, diese im Studio nachzubauen und per Rückpro in Szene zu setzen, befriedigt er am Mount Rushmore, wo er den Showdown aus seinem 1942er-Thriller Saboteure neu interpretiert, indem er die Freiheitsstatue gegen den Berg mit den gemeißelten Präsidenten tauscht. Hitchcock bleibt sich also treu. Selbstverständlich passen auch Hauptfigur und Handlungsmotive.

Dreht er in der Schweiz, spielt selbstverständlich Schokolade eine wichtige Rolle, dreht er im Theater-Milieu, müssen Schauspieler im Konflikt mit dem Bösen ihre spezielle Begabung einsetzen und wird der Mörder vom Eisernen Vorhang erschlagen. In „North by Northwest“ geht es um Täuschung, um das Vorspiegeln falscher Tatsachen. Also kommt Hitchcocks Heldenfigur aus der Werbung, ein Verkaufsprofi aus der Madinson Avenue in Manhattan. „In der Welt der Werbung gibt es so etwas wie Lügen nicht“, sagt der, „nur die zweckmäßige Übertreibung.“ Zwingend also, dass Hitchcock für diese Figur Cary Grant holt, den großen Star und großen Blender seiner Zeit („Hausboot“ – 1958; „Die große Liebe meines Lebens“ – 1957; Über den Dächern von Nizza – 1955; Liebling, ich werde jünger – 1952; Ich war eine männliche Kriegsbraut – 1949; Berüchtigt – 1946; „Arsen und Spitzenhäubchen“ – 1944; Verdacht – 1941; Die Nacht vor der Hochzeit – 1940; „His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle“ – 1940; „Die Schwester der Braut“ – 1938; Leoparden küsst man nicht – 1938), der als einziger kein Intro braucht, um sofort verstanden zu werden, sofort im Film eingeordnet zu werden; irgendwie logisch also, dass der Werbefachmann in ein Spiel aus falschen Identitäten verstrickt wird – Thornhill ist nicht Kaplan, Townsend ist Vandamme, Eve Kendall ist zwar Eve Kendall, aber nicht, was sie zu sein vorgibt.

Und als Thornhill an einer einsamen Landstraße am Rande eine Maisfeldes – natürlich im perfekt sitzenden und hier völlig unpassenden grauen Anzug – auf ein Treffen mit dem ominösen George Kaplan wartet, ist es natürlich ein Schädlingsbekämpfungsflugzeug, das ihn töten will – obwohl es sicher einfachere Methoden gibt, es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Aber das ist eben Hitchcock: Plausibilität interessiert ihn nur so weit, dass die innere Logik seiner Figuren nicht stolpert; wie Verschwörer in der richtigen Welt arbeiten, ist im Zweifelsfall ja auch weniger spannend in Bilder umzusetzen.

Die Doppeldecker jagt Cary Grant-Sequenz wurde (prompt) zu einer Ikone seines Schaffens und ist fester Bestandteil eines jeden Dramaturgie- und Filmschnitt-Seminars für junge Studenten. Zunächst passiert fünf Minuten lang fast nichts. Durch die Wahl der Perspektive und durch den Schnitt nimmt der Zuschauer an der gespannten Erwartung und an Thornhills Skepsis teil. Ein Schädlingsbekämpfungsflugzeug entpuppt sich für ihn schließlich als Bedrohung. Es fliegt äußerst knapp über ihn hinweg und aus dem Flugzeug wird mit einem Maschinengewehr auf ihn geschossen. Thornhill flüchtet zunächst in ein nahe gelegenes Maisfeld. Der Doppeldecker wirft sein Schädlingsbekämpfungsmittel über ihm ab, worauf Thornhill wieder auf die Straße flüchtet und dort versucht, einen Laster anzuhalten. Dabei wird er von diesem beinahe überfahren. Der Doppeldecker rast schließlich in den Tanklaster und explodiert. Hitchcock konterkariert mit dieser Szene ein bis dahin gängiges Filmklischee, nach dem eine bedrohliche Situation ein ebenso bedrohliches Umfeld erfordert: einen düsteren Ort und eine unübersichtliche Szenerie. Hier ist alles weit, licht und absolut ohne Musik. In dieser Doppeldecker jagt Cary Grant-Sequenz zeigt sich, wie wichtig Musik für das Funktionieren eines Films ist – indem er eine Szene baut, in der Musik ales zerstören würde.

Plakatmotiv (US): North by Nortwest

Die Geschichte nimmt  sofort nach dem Vorspann Fahrt auf. Das ist sogar für Hitchcock-Verhältnisse schnell, der bisher bisweilen ausschweifend Rücksicht genommen hat auf Sehgewohnheiten seiner Zuschauer. Die rätselhaften Geschehnisse sind ohne wesentliche Übergänge aneinandergereiht. In jeder dieser Szenen steht Thornhill im Mittelpunkt. Nur einmal im Verlauf der über zwei Stunden schwenkt das Geschehen kurz von ihm ab, als nach etwa einem Drittel des Films der Zuschauer in einer Besprechung beim FBI über die wahren Zusammenhänge aufgeklärt wird. Das ist aber auch die einzige Szene, die dem Zuschauer eine Erklärung liefert, die ihm hilft, das Geschehen zu verfolgen, aber auch, um der Hauptfigur den entscheidenden Wissensschritt voraus zu sein – was die Spannung erhöht.

Hitchcock hatte diesbezüglich für seinen Film noch ein paar weitere Ideen. Eine weitere Szene sollte in einem Detroiter Automobilwerk spielen. Cary Grant und eine zweite Person gehen in einer langen, ungeschnittenen Einstellung an einem Fließband entlang, auf dem in diesem Moment ein Auto komplett zusammengebaut wird, von der ersten Schraube an. Am Ende der Szene öffnen sie die Tür des soeben fertiggestellten Autos und heraus fällt ein Toter, und zwar genau die Person, über die sich die beiden während der letzten Minute unterhalten haben. Nach realistischen Maßstäben ist dies unmöglich, unter dramaturgischen Gesichtspunkten ein Gedanke, der Hitchcocks Vorstellungen davon verdeutlicht, die Realität zu beugen, um Suspense zu erzeugen. Hitchcock ließ die Idee schließlich fallen, da er nicht wusste, wie er sie in den Film integrieren sollte.

Nach sieben Minuten steckt der Werbefachmann Roger Thornhill schon mitten drin im Schlamassel. Bis dahin erfahren wir gerade mal, dass er ohne seine treue Sekretärin aufgeschmissen wäre, die sogar weiß, welche Ich komme später-Ausrede er beim letzten Date mit einer Geliebten verwendet hat, dass er offenbar eine Freundin hat, die aber keine Rolle für sein Leben spielt und, dass er eine offenbar dominante Mutter hat – „Sagen Sie ihr, ich werde zwei Martinis getrunken haben, wenn wir uns treffen. Sie braucht also nicht meinen Atem zu prüfen.“ Diese Mutter wird gespielt von Jessie Royce Landis (im richtigen Leben gerade mal sieben Jahre älter als Cary Grant), die zuletzt in Über den Dächern von Nizza ähnlich herzhaft Cary Grants zukünftige Schwiegermutter gespielt hat; in Jessie Royce Landis offenbart sich eine Obsession Hitchcocks – the Mother! In früheren Filmen tauchte dieses Wesen in grimmiger Boshaftigkeit etwa als Mrs. van Hopper in Rebecca (1940) oder in Notorious (1946) als Schwiegermutter Mrs. Sebastian auf; dominante Figuren, denen die Menschen um sie herum nichts entgegenzusetzen haben und deren herrisches Gekeife sie still erdulden oder mit schulterzuckendem Humor ignorieren.

The Mother ist eine Art entsexualisierte Version seiner Obsession Blonde Frau. Spätestens seit er mit Grace Kelly Bei Anruf Mord (1954) gedreht hat, tritt diese Obsession zutage. Nicht, dass die Frauen in seinen Filmen nicht auch früher schon einiges erdulden mussten – Ingrid Bergmann musste sich schon in Spellbound (1945) vorhalten lassen, ihr Verstand arbeite auf der niedrigsten Stufe des Intellekts – meist aber waren sie die interessanteren Figuren mit der besseren Schnauze – Tallulah Bankhead war im Rettungsboot (1944) umwerfend frech – oder zumindest sehr schlagfertig. Mit Grace Kelly entwickelte Hitchcock eine Faszination für die elegante junge Frau besserer Herkunft mit – ganz wichtig – blonden Haaren. Carole Lombard – auch naturblond – stellte ihm aufs Set von Mr. und Mrs. Smith (1941) frech drei Schafe, anspielend auf Hitchcocks Verdikt, wonach Schauspieler für ihn „wie Vieh“ seien, das tun solle, was er ihnen sage (weshalb er mit Method Actors wie Montgomery Clift oder – später – Paul Newman solche Schwierigkeiten hatte; Frauen wie Lombard ängstigten ihn womöglich insgeheim.

Mit Kelly drehte er drei Filme hintereinander, dann heiratete sie den Fürsten von Monaco. Hitchcocks Wunschnachfolgerin Vera Miles, die nach Der falsche Mann (1956) auch in Vertigo (1958) wieder die blonde Hauptrolle spielen sollte, wurde unvermutet schwanger, mit deren Ersatz, Kim Novak, blieb Hitchcock weit über das Ende der Dreharbeiten hinaus unzufrieden. Jetzt also Eva Marie Saint – eine etwas herbere Version von Grace Kelly. Cary Grant führt mit ihr folgenden Dialog, da haben sich die beiden gerade mal zwei Minuten gesehen und sich noch nicht einmal vorgestellt: „In dem Moment, in dem ich eine attraktive Frau kennenlerne, muss ich vorgeben, ich hegte nicht den Wunsch, mit ihr zu schlafen.
Warum denken Sie, Sie müssten es verbergen?
Sie könnte die Idee anstößig finden.
Dann vielleicht auch wieder nicht.

Diese blonde Eva erklärt später, als die beiden längst romantisch verstrickt sind, aber noch gegensätzliche Ziele verfolgen, sie sei in diese Geheimdienstgeschichte  so hineingeraten, sei Undercoverfrau für die FBI geworden, weil „Männer wie Du nicht an die Ehe glauben“. Da nimmt sie Thornhill, zweimal geschieden, tröstend in den Arm. Ein Schelm, der all die Frauenbeschützer seit Bei Anruf Mord als Alfred Hitchcocks Sehnsucht übersetzt. Dabei war er Zeit seines Lebens zufrieden und produktiv mit Alma Reville verheiratet, die nicht nur sein psychologisches Auffangnetz war, sondern auch versierte Dramaturgin, Cutterin, Autorin seiner Filme – meist allerdings ungenannt im Hintergrund.

Unabhängig von der Haarfarbe der sexuell interessanten Frau spielt Hitchcock auch in „North by Northwest“ wieder deftige Spielchen mit der Zensurbehölrde, dem Production Code. Roger Thornhill verbringt eine ganze Nacht Eves Schlafwagenabteil und in der letzten Einstellung, beide sind plötzlich frisch verheiratet, zieht er sie – wieder im Schlafwagen – in sein Bett, küsst sei leidenschaftlich, Schnitt, und der Zug rauscht mit wucht in einen dunklen Tunnel. „Die impertinenteste Schlusseinstellung, die ich je gemacht habe“, sagte Hitchcock später.

Hitchcock arbeitet hier zum sechsten Mal mit Leo G. Carroll zusammen („Der Fremde im Zug“ – 1951; Der Fall Paradin – 1947; Ich kämpfe um dich – 1945; Verdacht – 1941; „Rebecca“ – 1940), der hier die Rolle des FBI-Chefs spielt – ähnlich angelegt, wie zuletzt die Rollen von John Williams als schlauer Inspector in Bei Anruf Mord und als Versicherungsmann in Über den Dächern von Nizza. Carroll (Tarantula – 1955; Wir sind keine Engel – 1955) gehört zu den Schauspielern, die selten im Rampenlicht stehen, aber für Hitchcock zuverlässig die Kärrnerarbeiten der für die MacGuffin getriebene Handlung wichtigen Nebenfiguren erledigen.

Wertung: 7 von 7 D-Mark