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Plakatmotiv: Rambo – Last Blood

Ein fragwürdiger Film mit
einem grandiosen Helden

Titel Rambo: Last Blood
(Rambo: Last Blood)
Drehbuch Matthew Cirulnick + Sylvester Stallone + Dan Gordon
mit Charakteren aus dem Roman „First Blood” von David Morrell
Regie Adrian Grunberg, USA 2019
Darsteller

Sylvester Stallone, Paz Vega, Adriana Barraza, Yvette Monreal, Sergio Peris-Mencheta, Óscar Jaenada, Joaquín Cosio, Sheila Shah, Marco de la O, Louis Mandylor, Jessica Madsen, Díana Bermudez, Fenessa Pineda, Dimitri 'Vegas' Thivaios, Aaron Cohen u.a.

Genre Action
Filmlänge 101 Minuten
Deutschlandstart
19. September 2019
Website rambo.movie
Inhalt

John Rambo lebt auf der Farm seiner verstorbenen Eltern und verdient sein Geld mit der Pferdezucht. Er hat Maria, die Haushälterin seiner Eltern, weiterbeschäftigt und pflegt zu deren Enkelin Gabrielle ein väterliches Verhältnis. Da Gabrielles Mutter an Krebs gestorben ist, möchte sie unbedingt ihren richtigen Vater kennenlernen, der ihre Mutter und sie verließ, als sie noch ein Kind war.

Über eine Freundin kann sie in Erfahrung bringen, dass dieser in Mexiko lebt. Entgegen dem Rat ihrer Großmutter und Rambo reist Gabrielle nach Mexiko und besucht ihren Vater, der jedoch nichts mit ihr zu tun haben will. Um sie vermeintlich zu trösten, bringt Gabrielles Freundin sie in eine Bar, wo sie von Menschenhändlern entführt wird, die junge Mädchen als Zwangsprostituierte verkaufen.

Als Gabrielle nicht zurückkehrt, fährt Rambo ebenfalls nach Mexiko, um sie zu suchen. Von der Freundin erfährt er, dass Gabrielle vom Menschenhändlerring der Brüder Victor und Hugo Martinez entführt wurde. Als Rambo die Brüder zur Rede stellen wird, wird er von deren Schlägern zusammengeschlagen und schwer verletzt. Die Journalistin Carmen Delgado findet ihn und pflegt ihn gesund. Sie erzählt Rambo, was wahrscheinlich mit Gabrielle passiert ist und wo sie gefangen gehalten wird. Rambo findet und befreit Gabrielle, doch sie wurde missbraucht und schwer verletzt.

Voller Hass auf die Martinez-Brüder beschließt Rambo, Rache zu üben, und reist erneut nach Mexiko …

Was zu sagen wäre

1974 hieß das Ein Mann sieht rot, machte ob seiner Selbstjustiz-Thematik Schlagzeilen und beschäftigte tagelang das politische Feuilleton. Heute heißt das "Rambo – Last Blood“ und wird sogar in vielen Kinostarts der Woche ignoriert. Ja, der Film ist schlecht und interessiert sich nicht einmal selbst für sich, dennoch könnte man ein, zwei Sätze dazu verlieren. Die Hauptfigur ist schließlich kein schöngeistiger Architekt mit Bilderbuchfamilie und Fifth-Avenue-Appartement, wie 1974 Charles Bronson ihn spielte. Die Hauptfigur ist John Rambo, Vietnamveteran, dessen zweiter Film für Schlagzeilen sorgte und tagelang das politische Feuilleton beschäftigte. Der zweite und dritte Film wurde von den Filmkritikern zu Aussatz erklärt, als Werbefilme für Ronald Reagans Feldzüge gegen Turbanträger, Russen und böse Asiaten. Dabei wurde gleich auch der erste Film, Rambo – First Blood (1982) von Ted Kotcheff, in den Abgrund gerissen, einem Meisterwerk, das sich gegen Stallones zweiten Aufguss seiner parallel startenden Rocky-Geschichte kaum behaupten konnte.

Dieser John Rambo ist Soldat, in Vietnam; einer, der immer wieder von seinem Land, seinen Vorgesetzten verraten wurde, dessen einzige Familie, Freunde er in seinem jeweiligen Platoon hatte. Wer als Soldat nach Vietnam ging, kam aus dem unteren Drittel der Gesellschaft. Während vermögende und also einflussreiche Familien wie etwa die Trumps oder Bushs ihre Söhne vor einem Einsatz bewahrten, war das für die Armen, die Von-Job-zu-Job-Lebenden eine Chance. Wir dürfen davon ausgehen, dass John Rambo aus dieser Schicht stammt. Er steigt in der Armee auf, wird in der Kunst des Tötens ausgebildet – immer für den Dienste für Volk und Vaterland.

Plakatmotiv: Rambo – Last BloodAls aber alles vorbei war, wollten weder Volk noch Vaterland ihn zurückhaben. Da drüben, klagt er im Original von 1982, habe er Verantwortung für Hubschrauber und millionenteure Ausrüstung gehabt. „Und hier bekomme ich nicht mal einen Job als Parkwächter!“. Aus einer Kleinstand, in der der Veteran eine Anstellung und ein Leben sucht, schmeißt ihn der Sheriff raus, die Polizisten malträtieren ihn; also flieht Rambo in die Wälder, wird wieder Einzelkämpfer, diesmal für sich, für sein Leben, das er glaubt, sich in Vietnam doch endlich verdient zu haben.

Am Ende sitzt er, der sich gegen Angreifer verteidigt hat, wie man es ihm beigebracht hat, im Gefängnis, weil er die Kleinstadt in Schutt und Asche gelegt hat, unter der Obhut seines väterlichen Freundes Colonel Trautman. Von da an sehen wir Rambo zu Beginn der Folgefilme immer entweder im Gefängnis oder im Krieg für diffuse staatliche Stellen – die ihn dann wieder hintergehen – oder im selbstgewählten Exil, aus dem ihn irgendeine Gewalttat wieder zum Einsatz für das Leben der Anderen ruft. Das ist die Figur, der wir in "Rambo – Last Blood" nun begegnen: zurückgezogen auf der elterlichen Farm in Arizona, mit mexikanischer Haushaltshilfe als Ersatzmutter und deren Enkelin als Ersatztochter und mit sich im – nicht Reinen, aber wenigstens vielleicht im Guten. Ein Mann mit bemerkenswert zermürbtem Gesicht, dem man ansieht, dass dessen Augen nichts fremd ist und dass dessen Träger an nichts Schönes mehr glaubt. Sein letztes Ziel im Leben lautet, die Ersatztochter Gabrielle gut durchs College ins Leben zu bringen.

Aber wieder wird John Rambo betrogen, diesmal von Gabrielle. Fest versprochen hatte sie ihm, nicht über die Grenze zu fahren, um ihren Vater zu besuchen, der sie und ihre an Krebs dahinsiechende Mutter einst sitzen ließ. Und dann fährt sie doch und trifft in Mexiko auf all die Typen, vor denen Donald Trump uns immer gewarnt hat – Väter, die ihre Töchter verstoßen, volltätowierte Ohrringträger, die mit Knarre an der Straßenecke rumlungern, Typen, die Minderjährige mit Drogen vollspritzen und schwitzenden Korruptis mit Polizeimarke zum schnellen Drüberrutschen hinwerfen. Da schreit das aufgeklärte Hirn „fremdenfeindliche Klischees“. Anders herum betrachtet allerdings gebären die mexikanischen Kriminellen schon Nachrichten der besonders grausamen Sorte, und das in Serie.

Das Land hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Die Zahl der Getöteten lag 2017 bei weit mehr als 2.000 pro Monat. In jenem Jahr wurden knapp 30.000 Menschen ermordet. Dagegen tun kann augenscheinlich niemand etwas – oder will niemand? Was also tun, wenn Recht und/oder Gesetz nicht greifen, wenn die Täter sich nicht mal mehr verstecken, ihre Machenschaften in aller Öffentlichkeit treiben können? John Rambo agiert nicht in unserem Alltag. Sein Alltag ist eine Art Ausnahmezustand, in dem die Gesetze des Hemmungsloseren gelten.

Die Mädchenhändler als solche sind mit denen in anderen Thrillern austauschbar, in denen Mädchenhändler vorkommen; sie sind brutal, das Schicksal der Mädchen fürchterlich. Für einen neuen Aspekt in einer Erzählung, die sich mit Mädchenhandel befasst, taugen sie hier nicht. Sie sind Mittel zum Zweck, Voraussetzung für die harte Gewalt, die folgen soll. Im großen Showdown werden die Schurken zerteilt, aufgespießt, zermatscht, geköpft, amputiert und das kann man, weil man es so erwartet, mögen oder auch nicht. Denn nicht die Gewalt macht die Brutalität der Szene aus, sondern die Figur, die die Gewalt ausübt.

Der Film hat keinen Wow-Shots, keine großartigen Bilder, Schnittfolgen, Kamerafahrten oder so etwas. Aber er hat Stallone, der in seinem alten Gesicht die ganze Palette an Verlorenheit, Verlust, Trauer, Enttäuschung und Wut zeigen kann, die diese Figur des immer noch sehr analogen Soldaten so gut erklärt: In Zeiten, in denen Kriege per Tastatur-Befehl an Drohnen outgesourced wird, ist er die fleischgewordene, analoge Brutalität, rangezüchtet von Effizienz gesteuerten US-Militärkadern. Einmal reißt Rambo einem Schurken das Schlüsselbein aus der Schulter, dem Letzten das Herz aus dem Leib; dieses Schwarze Herz, das laut John Rambo manche Männer haben, ist Leitmotiv des Films – schwarzes Männerherz gegen unschuldiges Mädchenherz – und da ist dann die Brutalität zumindest folgerichtig: Wo die Buchstaben des Gesetzes nicht wirken, wirkt John Rambo.

Unterm Strich geht es Stallone in diesem Film, bei dem er zwar lediglich Co-Autor ist und nicht Regie führt – aber produziert hat er – nicht mehr darum, für Amerika einen seiner Kriege zu gewinnen – dieses Amerika, das ihn ausgespuckt hat, hat er längst verlassen –, sondern darum, seinem Krieger ein angemessenes Ende zu erzählen, inklusive sehr einsamem, traurigem Schaukelstuhl auf der Veranda im Sonnenuntergang über einem Schlachtfeld, auf dem lange Zeit kein Gras mehr wachsen wird.

Es geht noch einmal um Rambos „Leben im Reich der Toten“, um die schwarzen Herzen, um Rache, wem Rache gebührt und so könnte da jetzt eine TV-Serie draus werden (Ein alter Kämpe zieht, weil er nichts anderes gelernt hat, nun halt gegen Hintz und Kuntz in die Schlacht), wenn es davon nicht schon so viele gäbe.

Wertung: 4 von 8 €uro
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