Kinoplakat: 72 Stunden – The Next Three Days
Ein Ausbruchsfilm, der dauernd überrascht
und grandios erzählt und gespielt wird
Titel 72 Stunden – The Next Three Days
(The Next Three Days)
Drehbuch Paul Haggis
nach dem Drehbuch „Pour elle“ von Fred Cavayé + Guillaume Lemans
Regie Paul Haggis, USA, Frankreich 2010
Darsteller Russell Crowe, Elizabeth Banks, Michael Buie, Moran Atias, Remy Nozik, Toby Green, Tyler Green, Jason Beghe, Aisha Hind, Ty Simpkins, Veronica Brown, Olivia Wilde, Leslie Merrill, Alissa Haggis, Daniel Stern u.a.
Genre Drama
Filmlänge 133 Minuten
Deutschlandstart
20. Januar 2011
Inhalt

Es klingelt an der Tür, Lara Brennan gießt ihrem Kleinen gerade Milch in die Cornflake, ihr Mann, John, öffnet die Haustür. Herein stürmt ein Rollkommando der Polizei, weist sich ordentlich aus und verhaftet Lara Brennen wegen des dringenden Verdachts, ihre Chefin auf einem Parkplatz erschlagen zu haben.

John glaubt fest an die Unschuld seiner Frau, aber es vergehen Monate, dann zwei Jahre, ohne, dass die Indizien, die gegen Lara sprechen, entkräftet werden können. Schließlich lautet das – endgültige – Urteil: 20 Jahre Gefängnis. John ist verzweifelt, versucht, sich und vor allem dem gemeinsamen Sohn, die Hoffnung zu erhalten.

Ein ehemaliger Gefängnisinsasse, der es zu einiger Berühmtheit gebracht hat mit einem Buch über seine sieben erfolgreichen Ausbrüche, macht John klar, was der auf sich nehmen muss, sollte er tatsächlich daran denken, seine Frau aus dem Knast zu befreien. Aber was bleibt ihm, dem harmlosen Professor an einem College in Pittsburgh, anderes übrig? Er weiß: Lara ist unschuldig. Also begibt er sich auf Beobachtungsposten.

Die erste Regel, die der Ausbruchskönig ihm genannt hatte, lautete: Gefängnisalltag ist Routine. Nutzen Sie Momente, die die Routine durchbrechen. Das Wachpersonal macht dann Fehler. Johns erster Versuch geht schief. Und prompt werden findige Beamte neugierig auf den seltsamen Mann …

Was zu sagen wäre

Bei diesem Film hat der Werbetrailer komplett versagt: Der verkauft einen kantigen Kerniger-Mann-befreit-Frau-aus-Knast-Film, bei dem die Besonderheit darin besteht, dass sie die unschuldig Verdächtige ist und er an sie glaubt – nicht umgekehrt, wie es im Kino sonst gang und gäbe ist. Aber von so einer Geschichte ist der Film weit entfernt.

Zähe Entwicklung unter meisterhafter Regie

In der ersten Hälfte ist er ein Drama, die Geschichte eines Mannes, der mit einer gänzlich neuen Situation fertig werden muss und dabei den Alltag mit Kind und ohne geliebte Ehefrau meistert. Das ist teils etwas zäh, weil nicht immer gleich klar ist, was der gute Gatte da gerade macht, oder weil das, was er macht, sehr ausführlich erzählt wird.

Aber hier hilft die virtuose Hand des Regisseurs Paul Haggis, der mit L.A. Crash (2004) einige Jahre zuvor der Abräumer bei den Oscars, und dessen Drehbuch Grundlage für den James-Bond-Relaunch mit Daniel Craig war (Casino Royale – 2006). Sein Einstieg in den aktuellen Film, ein vermeintlich harmloses Dinner zweier Ehepaare endet im Streit darüber, das Lara nicht mit weiblichen Chefs könne – schon die nächste Szene ist beschriebene Frühstücksszene mit dem bestimmten Auftreten der Polizisten, das den Zuschauer kalt erwischt. Dann übernimmt Russell Crowe (Robin Hood – 2010; State of Play – Stand der Dinge – 2009; A Beautiful Mind – 2001; Gladiator, USA 2000; Insider – 1999) das Spiel: zurückhaltend, brummig, etwas überfettet versucht er, Pläne zu machen. Großartig, wie zurückhaltend er spielt.

Zwei schöne Frauen: Elizabeth Banks und Oliovia Wilde

Eine wichtige Rolle spielen die beiden Frauen. Elizabeth Banks („Jungfrau, 40, männlich, sucht …” – 2005; Spider-Man – 2002) als Ehefrau Lara, die in jeder Minute – ob Dinner oder Knast oder in Tränen aufgelöst – glaubhaft bleibt und es dem Zuschauer leicht macht, in der zweiten Frau – Olivia Wilde spielt eine hilfreiche, geschiedene Mutter am Spielplatz – keine ernsthafte Konkurrenz zu sehen – obwohl es Olivia Wilde ist, eine Schönheit, die 2011 mit Hauptrollen in Tron: Legacy und Cowboys und Aliens, sowie feinen, schmückenden Nebenrollen im vorliegenden Film und in In Time einen ordentlichen Lauf hat.

Als der Ausbruch beginnt, etwa ab der Hälfte des Films, wird es atemlos: die Action dosiert ohne wackelnde Kamera, die Situationen durchdacht und logisch aufgelöst. Und mit Auftauchen der Polizei im Drehbuch hat Haggis keine Witzfiguren an der Hand, die er für alberne Pappbecher-Witze verbrennt. Im Gegenteil. Die Polizisten bringen das voher – wie jetzt bemerkbar wird – vermisste Gegengewicht ins Spiel. Es betreten professionelle, besonnene Beamte das Spielfeld, denen man gerne zutraut, dass sie die Kreise des kriminellen Helden stören könnten.

Ein Magic Moment mit Navi und flackernden Augen

Seine allerbesten Minuten hat der Film dann während der grandios erzählten Flucht: Der Ausbrecherkönig hatte klare Zeitfenster genannt, die bleiben, bevor die Polizei die Stadt konzentrisch abgeriegelt hat und kurz bevor sich das genannte Zeitfenster schließt, gerät Ehemann John in einen furchtbaren Konflikt. Um den zu erzählen, benötigt Haggis die Ansagen eines Navis, ein Straßenschild und die Mimik Russell Crowes. Ein in seiner Einfachheit unfassbar schönes Kunstwerk innerhalb eines etwas (in der ersten Hälfte) zu lang geratenen Films.

Wertung: 5 von 6 €uro